Architektur: Filmporträts ausgewählter Bauten in Deutschland

Das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart – Doppelhelix der Superlative

Die Liste der Superlative ist umwerfend: die älteste Automobilsammlung, darin zu sehen das allererste Automobil, das erste Motorrad und das erste Motorboot von Gottlieb Daimler.

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Konzept/Kamera/Schnitt: Andreas Christoph Schmidt/Michael Auer, Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH im Auftrag des Goethe-Instituts, 2008

Die Liste ließe sich fortsetzen: der erste Lkw, dazu Rekordfahrzeuge dutzendweise, wunderschöne Karossen der Dreißigerjahre, Silberpfeile und Formel 1 Boliden, die Dienstwagen des Papstes und des ersten deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer ...

Der unscheinbare Museumsbau mitten im Stammgelände der Stuttgarter Autoschmiede war schon bisher ein Mekka der Technikfreunde aus aller Welt. Doch dann ließ der weltweit agierende Multikonzern Daimler ein Museumsgebäude der Superlative bauen, einen „Ort für den Mythos“, ein „Heritage Center“ für die älteste Autofabrik der Welt.

Der Amsterdamer Ben van Berkel mit seinem UN-Studio, ein auratischer Global Player der Baukunst, hatte den internationalen Architektenwettbewerb mit einem Entwurf gewonnen, der ein angesichts des heutigen Pluralismus kaum noch für möglich gehaltenes Maß an Innovation, Extravaganz und Attraktion versprach.

Der Raumerfindungsgabe freien Lauf gelassen

Mercedes-Benz-Museum, Copyright: Daimler AG Außen präsentiert der Bau seine schimmernde Silberpfeilkarosserie, deren wogende Aluminiumbänder sich der Logik einer erkennbaren Stockwerkseinteilung verweigern, deren aus- und eingekippten Fensterbahnen in Bewegung zu sein scheinen. Ingenieure und Bautechniker waren aufs Äußerste gefordert, denn die Architekten hatten ihrer Raumerfindungsgabe freien Lauf gelassen.

Bis auf die Innenwände der Aufzugsschächte gibt es im Haus keine Wand, die nicht gebogen wäre; viele Wände sind gar zweiachsig gekrümmt, eine enorme Herausforderung für die Betonbauer, die ihre Schalungen von der Computerfräse erstellen lassen mussten. Ohne avancierteste Computerprogramme wäre die komplexe Raum- und Konstruktionsstruktur nicht zu meistern gewesen; 35.000 Pläne waren zum Bau notwendig und viele Handwerker mussten erst die Arbeit nach einem Computermodell erlernen.

Ineinandergeschobene Spiralen

Ausstellung im Mercedes-Benz Museum, Copyright: Daimler AG Wer den Bau beschreiben will, dem fehlen rasch die Worte. Als „Doppelhelix“ wird das Erschließungsprinzip beschrieben, zwei ineinandergeschobene Spiralen also. Sie bilden von oben gesehen die Form eines Kleeblatts. Um die zentrale dreieckige, haushohe Foyerhalle gruppieren sich in fünf Ebenen die „Blätter“, die halbkreisförmigen Schauräume. Es gibt solche mit Kunstlicht und solche mit natürlichem Licht und prächtiger Aussicht ins Neckartal.

Die Besucher werden von Aufzügen auf die oberste Ebene gebracht und nehmen den Weg entlang der Spiralen nach unten. Einer der gewundenen, immerhin 1,8 Kilometer langen Wege verbindet die inneren Räume miteinander, die „Mythosräume“ mit von dem Stuttgarter Architekten HG Merz aufwendig gestalteten Inszenierungen, in denen in chronologischer Folge die Firmengeschichte erzählt wird.

Anregende atmosphärische Wechsel

Mercedes-Benz Museum – Mythos 7: Silberpfeile – Rennen und Rekorde, Copyright: Daimler AGWer die andere Spirale wählt, durchwandert die Sammlungsräume, in denen einzelne Themen (zum Beispiel Helfen und Retten, Reisen, Transport) veranschaulicht werden. Da sich die Räume vielfach ineinander verschränken, gibt es Querverbindungen zwischen den Spiralen und somit anregende atmosphärische Wechsel zwischen Sonnenglanz und Theaterlicht, befreiender Aussicht und bühnenreifen Szenarien. Beide Wege enden auf der unteren Ebene der „Rennen und Rekorde“, wo die spektakulärsten und sicher beliebtesten Ausstellungsstücke aus 110 Jahren Renngeschichte auf einer Steilkurve zu bewundern sind.

Zu den zahlreichen Autofans gesellen sich also noch die Architekturtouristen, denn van Berkels dem Dynamismus zuzurechnender Museumsbau reiht sich nahtlos ein in die Phalanx der architektonisch spektakulären Museen, ob Tate Modern in London oder Guggenheim in Bilbao, Kleemuseum in Zürich oder Phaeno in Wolfsburg, die das internationale Publikum anziehen. Doch da das Mercedes-Museum nicht nur als architektonischer Paukenschlag die Aufmerksamkeit auf sich zieht, sondern wunderbare, vielfältig zu nutzende Raumfolgen zu bieten hat, darf man dem Stuttgarter Bau wohl eine längere „Gültigkeit“ zutrauen als den spektakulären Bauskulpturen anderswo, an denen sich das Publikum rasch sattgesehen hat.

Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
aktualisiert Februar 2008

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