Architektur: Filmporträts ausgewählter Bauten in Deutschland

Die schwebende Leichtigkeit des Raums – Industriearchitektur beim Maschinenbauer Trumpf

Kaum ein Betriebsgelände in Deutschland ist so konsequent auf hohem architektonischen Niveau nach und nach entwickelt worden.

Die Maschinenbaufirma Trumpf ist ein Vorzeigebetrieb, ein 1923 gegründetes, mittelständisches Familienunternehmen, wie es für Baden-Württemberg typisch ist. Weltmarktführer und Innovator in der industriellen Lasertechnik und mit einer hohen Eigenkapitalausstattung. Vorzeigebetrieb auch deshalb, weil die Unternehmerfamilie Leibinger neben allen Expansionsbewegungen nach Amerika und China dem Standort Deutschland immer die Treue gehalten hat. 4.500 von weltweit 8.000 Mitarbeitern arbeiten in Deutschland, davon wiederum rund 2.000 am Stammsitz in Ditzingen bei Stuttgart. Vorzeigebetrieb aber auch im wörtlichen Sinn, denn die Fabrik kann sich sehen lassen.

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Konzept/Kamera/Schnitt: Andreas Christoph Schmidt/Holger Schüppel, Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH im Auftrag des Goethe-Instituts, 2010

Neuordnung des Firmengeländes

Das Berliner Architektenteam Barkow Leibinger begann die Arbeit in Ditzingen Mitte der Neunzigerjahre mit einem Masterplan für die Neuordnung des Firmengeländes. Er hatte auch die Erneuerung der beiden bestehenden Werkshallen und der drei Entwicklungs- und Verwaltungsgebäude sowie die Planung der künftigen Erweiterungen auf dem benachbarten Ackerland zum Inhalt. Wesentliche Maßnahme war ein Tunnelsystem, das die Bestandsbauten und die neuen Werkshallen jenseits der Gerlinger Straße miteinander verbinden sollte.

Mittlerweile haben sich die Baulichkeiten bereits verdoppelt. Das 2002 entstandene Vertriebszentrum steht am Ende eines neuen Campus, zu dem die Architekten die ehemalige Borsigstraße umgewidmet haben. Die benachbarte Gewürzfabrik kam hinzu und wurde zum Schulungszentrum umgebaut. Jüngste Zutat ist das Entwicklungszentrum, das sich im Westen an die Produktionshallen in derselben Architektursprache anschließt.

Diffizile Konstruktion

Trumpf, Hauptpforte, Copyright: David FranckEin gebauter Gag, ein Ausrufezeichen, ein Demonstrativbau ist – je nach Auffassung – das neue Torgebäude, eigentlich nur ein Glaskasten, in dem der Pförtner sitzt, in seinem Rücken ein weißes Raummöbel mit Toiletten und ein paar kleinen Nebenräumen. Clou ist jedoch das erstaunliche Dach, das wie der Schirm einer Baseball-Mütze vorwitzig auskragt, 32 Meter lang und nur knapp 60 Zentimeter stark. Es ruht auf vier Stahlstützen innerhalb der Glasbox und ragt beängstigende 20 Meter weit über die Werkseinfahrt. Seine geschweißte, von unten sichtbare und nachts von innen heraus leuchtende Wabenstruktur verleiht ihm dennoch Leichtigkeit. Nicht dass auf der anderen Straßenseite kein Platz für dünne Stützen gewesen wäre, aber es ging um die Geste, die Demonstration der Leistungsfähigkeit des Hightechbaus und um die Anwendung des Trumpf-Know-hows im Bereich Metallbau-Fertigungstechnik. Aus dem Ingenieurbüro Sobek stammt die Planung und Berechnung der diffizilen Ingenieurkonstruktion.

Vorläufiger Schlusspunkt: das Betriebsrestaurant

Trumpf Betriebsrestaurant (2008), Copyright: Barkow Leibinger Architekten/Foto: Christian RichtersWerner Sobek, immer neugierig auf technische Neuerungen, ist beim Bauherrn Trumpf und bei den technisch experimentierfreudigen Architekten auf den richtigen Gegenpart getroffen. Die Hauptpforte blieb nicht seine einzige Arbeit bei Trumpf. Das kürzlich eröffnete neue Betriebsrestaurant, ebenfalls mit einem Sobek-Tragwerk, setzt am Campus den vorläufigen Schlusspunkt.

Das Thema der kristallinen Polygonformen, schon im Sockel des Betriebszentrums erkennbar, fortgesetzt im Grundplan des grünen Campus (Freiflächenplanung Büro Kiefer, Berlin), ist nun auch formbestimmend für den Grundplan und das Dachtragwerk des Restaurants. Um einen niveaugleichen Hauptzugang vom Tunnelsystem aus zu erhalten, wurde der Bau etwas eingesenkt und wächst als fünfeckiger Solitär aus der Topografie der Landschaft. Er hat nichts Massives, tritt nicht als festes Haus vor Augen, sondern wirkt wie ein überdachter Festplatz, vor allem am Abend festlich beleuchtet.

Schwebende Leichtigkeit

Trumpf Betriebsrestaurant (2008), Innenansicht, Copyright: Barkow Leibinger Architekten/Foto: Christian RichtersWie bei der Hauptpforte überspannt das Dach den allseits glasumfangenen, lichtdurchfluteten Raum. Es schwebt geradezu auf tänzelnden, dünnen Stahlstützen, die das Rippenwerk der stählernen Dachträger scheinbar regellos unterstützen. Die Felder zwischen den Trägern sind mit einem sekundären Tragwerk gefüllt, mit hölzernen, jeweils fünfeckigen Waben von unterschiedlicher Höhe. Wo anderswo dröge Rasterdecken den Blick in die Ferne zwingen, schweift hier der Blick unwillkürlich nach oben und verfolgt das bewegte Spiel des Wabenmusters. Der Raum hat etwas von Musik, eine souveräne, schwebende Leichtigkeit, die heiter und befreiend wirkt.

Im Inneren entwickelt sich im rückwärtigen Teil des Raums über dem Küchentrakt eine zweite Ebene, ein Mezzanin, zugänglich über zwei Freitreppen aus makellosem schwarzen Beton. Die Treppen sind breit genug, um auch bei Gegenverkehr das Essentablett hinaufzubalancieren. Für 2.000 Mahlzeiten in drei Schichten ist das Restaurant ausgelegt, 700 Plätze stehen zur Verfügung, 800 bei Veranstaltungen. „Schöner Essen“ in einem atmosphärisch heiter gestimmten Raum mit erstaunlich angenehmer Akustik gehört ebenso wie die Bereitstellung hochwertiger, optimaler Arbeitsplätze und Aufenthaltsbereiche zur Philosophie der Firma Trumpf, die das Wohl der Mitarbeiter als Voraussetzung für deren Engagement und Leistungsfähigkeit an oberster Stelle sieht. Frank Barkow und Regine Leibinger liefern dazu die dem Selbstverständnis der High-End-Firma entsprechende Premium-Architektur.

Das Betriebsrestaurant von Barkow Leibinger erhielt 2009 den DAM-Preis für Architektur, mit dem das Deutsche Architekturmuseum jährlich die besten Bauwerke in/aus Deutschland auszeichnet. Im Januar 2010 gewannen die Architekten den Institute Honor Award des American Institute of Architects (AIA) für das Restaurant in Ditzingen. Die Auszeichnung wird jährlich für Werke der Architektur, Innenarchitektur und des Städtebaus vergeben.
Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

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