Architektur: Filmporträts ausgewählter Bauten in Deutschland

Worte zu Wänden – die Neue Synagoge in Mainz

Mit ihrem expressiven Baukörper unterscheidet sich die neue Mainzer Synagoge von den Versuchen der gegenwärtigen Stararchitekten, mit spektakulärer Architektur Aufmerksamkeit zu erringen. Die Formen haben Bedeutung und sind im Geist und in der Funktion des Ortes begründet.

Die Passanten sind uneins. Von Freude über die neue Attraktion im sonst eher langweiligen Quartier bis hin zu schroffer Ablehnung des „Bunkers“ reichen die Reaktionen. Dabei ist in diesem Fall „Bunker“ eher ein Allerweltssynonym für etwas Fremdartiges, mit dem man sich nicht auseinandersetzen will. Denn dumpf und hermetisch verschlossen ist der Bau keineswegs. Und was die Sonne mit der neuen Mainzer Synagoge anzustellen vermag, ist wahrlich nicht alltäglich.

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Konzept/Schnitt: Andreas Christoph Schmidt, Kamera: Holger Schüppel, Schmidt & Paetzel Fernsehfilme GmbH im Auftrag des Goethe-Instituts, 2011

Doch blicken wir zurück. Es war 1999, als der mittlerweile in Zürich lehrende Kölner Architekt Manuel Herz sich in einem Architektenwettbewerb für die neue Mainzer Synagoge mit einem ungemein skulpturalen Entwurf durchsetzte. „Haus“ mag man die bewegte Bauplastik nicht nennen, es ist ein Kunstwerk, für das es kaum Vorbilder gibt. Man muss schon in die Zwanzigerjahre zurückgehen, sich bei der holländischen De Stijl-Gruppe oder den Expressionisten der Architektengruppe „Gläserne Kette“ umsehen, um auf eine ähnliche Formensprache zu treffen. Eigentlicher Antrieb war für den Architekten jedoch nicht der künstlerische Furor.

Modell im Massstab 1:50; Strassenseite, geöffnet | Copyright: Manuel Herz Architekten

Die Form ist aus der Symbolik geboren, das Haus ist geradezu semantisch aufgeladen. Die fünf Schriftzeichen des hebräischen Begriffs „Quadushah“ („Heiligung“) hat der Architekt in Baukörper umgesetzt und damit die fünf Gebäudeteile geformt und in einer dreifach geknickten Grundrissfigur aufgereiht. Höchster Bauteil ist das Zeichen „Quoph“ der eigentlichen Synagoge mit ihrem atemberaubend aufsteigenden, gen Osten gerichteten Oberlicht. Es soll an das „Schofar“ erinnern, das Widderhorn, mit dem in alten Zeiten die Gemeinde zusammengerufen wurde.

Hebräische Schriftzeichen

Die golden schimmernden Innenwände des Betsaals sind übersäht mit hebräischen Schriftzeichen, die wie ein Stoffdekor eingesetzt sind und sich nur hier und da zu Sentenzen formieren. Es sind Piyutim, religiöse Gedichte des Schriftgelehrten und Philosophen Gershom Ben Judah (960–1040), der in Mainz gelehrt hatte. Schriftzeichen werden zu Worten, Worte werden zu Wänden. Und auch die Bänke reden, haben als Querschnitt die Form des Zeichens „lemut“.

Fassade Bauteil D | Copyright: Manuel Herz Architekten

Die Schrift ist das einzig verlässliche, eternelle im Schicksal des Judentums. Und hebräische Zeichen haben Objektcharakter. Der Begriff für „Wort“ („Davar“) bedeutet gleichzeitig „Ding“. So hat sich der Architekt, in Ermangelung originärer Bautypen und –traditionen des Synagogenbaus, der Schriftzeichen bedient, um für das Gemeindeleben Raum zu erschaffen – Raum, der Heimat und Geborgenheit bietet.

Die bizarren Formen der abstrahierten Schriftzeichen des Baukörpers werden durch die Fassadenausbildung noch akzentuiert. Wie eine dreidimensionale, übersteigerte Interpretation der berühmten Blätter aus der 1942 entstandenen Serie „Grafische Tektonik“ von Josef Albers erscheint die Fassade, komponiert aus Feldern von glasierten Majolikarippen, die je nach Wetterlage mal fast schwarz und grundlos wie ein bleierner See das Licht verschlucken, mal als in Grün-, Blau- und Gelbtönen changierendes Vexierspiel in der Sonne feurig leuchten. Graffiti-Sprayer ziehen mutlos von dannen, denn da können sie nicht mithalten. Doch auch den Eingang haben sie bislang verschont, ein massives Tor aus Aluminiumguss, natürlich mit hebräischen Schriftzeichen dekoriert, bezeichnend „Synagoge von Mainz, Licht der Diaspora“.

Räumliche Vielfalt

Innenraum der Synagoge | Copyright: Manuel Herz Architekten

Die von den expressiven Rippenfeldern gerahmten, schrägen und schiefen Fenster machen neugierig auf das Innenleben. Das zweigeschossige Foyer zeigt die erwartete räumliche Vielfalt; der Blick fällt nach draußen in den Garten, hinauf zur verglasten Galerie mit den Gemeinderäumen im Obergeschoss sowie rechterhand in den Synagogenraum. Der Betsaal mit der Bima, dem Lesepult und dem Aron Hakodesch, dem Torahschrein an der Stirnwand, an drei Seiten von einer Empore umrahmt, empfängt Zenitlicht aus dem erstaunlich ausladenden, trichterförmigen Aufbau, das durch die güldenen Wände vielfach reflektiert nach unten flutet und den Raum mit atmosphärischer Dichte auflädt.

Im Unterschied zur Synagoge sind der Veranstaltungssaal, der auch als koscheres Restaurant genutzt wird, die Gemeinderäume für Seminare, Seniorenbetreuung und Kindergarten sowie die Verwaltung und eine Dienstwohnung, alle mit der Besonderheit schiefwinkliger Grundrisse, unprätentiös weiß getüncht und eher schlicht ausgestattet. Es ist die Alltagsarchitektur für das intensive Gemeindeleben, das Synagogen im Unterschied zu den christlichen Kirchen hierzulande auszeichnet.

Die Synagoge mit ihrem expressiven Ausdruck unterscheidet sich von all den Versuchen der gegenwärtigen Stararchitekten, der Gehrys, Hadids und van Berkels, mit spektakulärer „signature architecture“ Aufmerksamkeit zu erringen, dadurch, dass die Formen bei Manuel Herz Bedeutung haben, nicht beliebig sind, sondern im Geist und der Funktion des Ortes begründet sind. Das macht den Bau in der heutigen Zeit einzigartig.

Ein funktionierendes Stück Stadt

Keramikfassade | Copyright: Manuel Herz Architekten

Bleibt die Frage, wie dieses gebaute Glaubensbekenntnis mit seiner extravaganten Gestalt in seiner alltäglichen Umgebung auftritt. Jedenfalls erscheint die Synagoge nicht als Fremdkörper, und das liegt an ihrer städtebaulichen Einbindung in der Mainzer Neustadt. Sie folgt dem Straßenraum und setzt unmerklich die Häuserflucht der Hindenburgstraße fort. Und sie setzt mit ihrem Turm den Akzent sehr bewusst als Zielpunkt der auf sie zulaufenden Achse Josefsstraße. Vor dem Turm öffnet sich ein Vorplatz, der sich für Feste eignet und dem Bau das notwendige Vorfeld verleiht. Ein paar Säulenreste legen Zeugnis ab von der früheren Mainzer Hauptsynagoge, die 1938 zerstört wurde. Nach dem Krieg war hier das Hauptzollamt errichtet worden, das nun seinerseits der Neuen Synagoge Platz machte.

Und dies macht den Wert des Gebäudes für Stadtstruktur und Stadtkultur aus, dass es kein eitler Alien ist, der seine Extravaganz zur Schau stellt, sondern ein funktionierendes Stück Stadt mit Zentrumsfunktion und, notabene, ein städtebauliches Merkzeichen, ein Wahrzeichen wohl auch, das durchaus den einen oder anderen Besucher anlocken wird, dem Altstadt und Dom nicht Architekturerlebnis genug sind. Einen hervorragenden Platz unter den ohnehin durchweg qualitätvollen neuen Synagogen in Deutschland nimmt es allemal ein.

Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2011

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