Ein Palast für Nofretete – das Neue Museum in Berlin

Mit der Eröffnung des restaurierten und umgebauten Neuen Museums sind zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg alle fünf Bauten der Berliner Museumsinsel wieder für die Öffentlichkeit zugänglich.
Die Bundeskanzlerin ließ es sich nicht nehmen, der Königin von Berlin ihre Reverenz zu erweisen. Nofretete bezog ihre neue Residenz und Museumsdirektor Dietrich Wildung wachte darüber, dass die schöne Königin sanft behandelt wurde, als die Kuratoren des Ägyptischen Museums das bedeutendste Ausstellungsstück zum neuen Standort brachten. Im renovierten, restaurierten, wiederaufgebauten Neuen Museum hält Nofretete nun Hof und erwartet die Huldigungen Zehntausender Berliner und Besucher der Stadt.
Die Geschichte ihres neuen Palasts ist ohne Beispiel. Das Neue Museum war das bedeutendste und am prächtigsten ausgestattete Kunstmuseum des 19. Jahrhunderts, wurde jedoch doch im Krieg halb zerstört, zum Großteil ausgebrannt und stand seitdem als leere Ruine im Herzen der Stadt.
Beredtes Zeugnis
Der zu DDR-Zeiten geplante Abriss und Ersatzbau durch eine Art Mini-Palast der Republik konnte verhindert werden. Wiederaufbaupläne blieben ebenfalls stecken. Zum Glück, ist festzustellen, denn was der britische Architekt David Chipperfield und der ebenfalls aus London gekommene Chefkonservator Julian Harrap, was Denkmalpfleger, Handwerker und Bauleute geschaffen haben, ist ohne Beispiel. Sie haben bewiesen, dass man ein zerstörtes Baudenkmal nicht „originalgetreu“ wieder aufbauen muss, um ihm zu neuem Glanz zu verhelfen.Es wird deutlich, wie man es durch erhalten, konservieren, behutsam ergänzen und mit Neuem vervollständigen zum beredten Zeugnis seines bewegten Schicksals machen kann, in dem Geschichte wie in einem aufgeschlagenen Buch zu lesen ist. Schon beim Tag der offenen Tür im März strömten die Besucher durch die vier noch leeren Geschosse und bestaunten das zauberhafte Ergebnis von Chipperfields Arbeit. Wie er rudimentäre Fresken sichert und präsentiert und zu neuer Würde verhilft, wie er fehlende Bauteile ergänzt, um den Raumeindruck wiederzugewinnen ohne nachzuahmen. Wie er Beton einsetzt, der fast wie Sandstein wirkt, wie er eine neue Kuppel mauern lässt, die man so noch nie gesehen hat.
Atemberaubende Exponate
Nun sind die Sammlungen eingezogen: das Ägyptische Museum, das Museum für Vor- und Frühgeschichte sowie die Antikensammlung. Und es wird deutlich, dass die atemberaubenden Exponate, dass der monumentale Sonnengott Helios und die schöne Königin Teje, dass Anubis und Hatschepsut, dass der 2.800 Jahre alte „Berliner Goldhut“ und die Geschmeide aus verschiedenen Jahrhunderten, aber auch die zahllosen Keramiken, Münzen und Papyrusdokumente in diesem von seinem Schicksal gezeichneten Ambiente eine entscheidende Eigenschaft behalten durften, die sie in einem neuen, abstrakt-sterilen Museum nicht entfalten könnten: ihre Verletzlichkeit und Zeitlichkeit. Man spürt geradezu körperlich den Atem der Geschichte und fühlt sich durch die Räume und Exponate mit ihr verbunden. Mehr noch vielleicht als in der ursprünglichen Konzeption, die der Schinkelschüler Friedrich August Stüler für das 1850 eröffnete Museum entwickelt hatte. Er entführte die Besucher aus der Wirklichkeit in eine inszenierte Vergangenheit, gestaltete die Räume als illusionistische Wunderkammern. Nicht immer war klar, was Original, was Theatermalerei ist, nicht in jedem Punkt war die Inszenierung wissenschaftlich korrekt. Manches davon hat sich bruchstückhaft erhalten, wurde zum Teil unter späteren Schichten wieder freigelegt und akribisch konserviert. Im Roten Saal ist die Studiensammlung wie vor 150 Jahren in den wunderbaren historischen Vitrinen zu sehen. So ist das Neue Museum auch zum Haus der Geschichte der musealen Präsentation geworden.
Ein Tag ist eigentlich zu kurz, will man die epochalen Sammlungen erleben, von den neu zu Museumszwecken genutzten Kellergewölben über den Griechischen Hof und den Ägyptischen Hof, die von Chipperfield in mesopotamischer Würde neu gestaltete zentrale Treppenhalle, Nofretetes „Thronsaal“ in der Nordkuppelhalle bis hinauf zu der frühhistorischen Sammlung auf der vierten Ebene, die in einem etwas ruhigeren Rahmen und niedrigeren Räumen mit Holzböden mit didaktischem Anspruch den Kontakt zur Wissenschaft herstellt.
Vollversammlung der Götter
Denn das Neue Museum war auch ein Projekt der europäischen Aufklärung, ein Ort der Vermittlung, der Gegenüberstellung und des Vergleichs der Kunst und Kulturen anderer Völker und Zeiten. Im Raum „Gott und Götter“ zum Beispiel haben sich Gottheiten aus drei Jahrtausenden und vier Kontinenten zur Vollversammlung eingefunden und künden von einer Grunderfahrung des Menschen zu allen Zeiten. Der Geist der Gebrüder Humboldt, den man mit dem Wiederaufbau des Preußenschlosses als Humboldtforum angestrengt wieder aufleben lassen will, hier im Neuen Museum ist er bereits intensiv spürbar.
200 Millionen Euro hat das Neue Museum den Bund gekostet. Mit der Errichtung des Eingangsbauwerks James-Simon-Galerie, ebenfalls durch David Chipperfield, des unterirdischen Verbindungsgangs aller Museen, „Archäologische Promenade“ genannt sowie mit der bis 2026 terminierten umfassenden Sanierung des Pergamonmuseums werden die Baustellen auf der Museumsinsel noch lange Zeit erhalten bleiben.
Die Museumsinsel in Berlin
Die Museumsinsel liegt im Zentrum Berlins zwischen Spree und Kupfergraben. Das im Jahr 1830 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Alte Museum war der erste Bau auf der Museumsinsel und das erste öffentliche Museum Preußens. Ihm folgten 1859 das Neue Museum, 1876 die Alte Nationalgalerie, 1904 das Bode-Museum und 1930 das Pergamonmuseum. Die Museen beherbergen vor allem die archäologischen Sammlungen und die Kunst des 19. Jahrhunderts.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Museen zu bis zu 70 Prozent zerstört. Der 1999 beschlossene Masterplan Museumsinsel sieht die Sanierung der Gebäude sowie die Zusammenführung und Neuordnung der nach dem Krieg in Ost und West geteilten Sammlungen vor. Seit 1999 gehört die Museumsinsel zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Die Museumsinsel liegt im Zentrum Berlins zwischen Spree und Kupfergraben. Das im Jahr 1830 nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Alte Museum war der erste Bau auf der Museumsinsel und das erste öffentliche Museum Preußens. Ihm folgten 1859 das Neue Museum, 1876 die Alte Nationalgalerie, 1904 das Bode-Museum und 1930 das Pergamonmuseum. Die Museen beherbergen vor allem die archäologischen Sammlungen und die Kunst des 19. Jahrhunderts.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Museen zu bis zu 70 Prozent zerstört. Der 1999 beschlossene Masterplan Museumsinsel sieht die Sanierung der Gebäude sowie die Zusammenführung und Neuordnung der nach dem Krieg in Ost und West geteilten Sammlungen vor. Seit 1999 gehört die Museumsinsel zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Literatur zum Thema
Neues Museum Berlin, Prestel (München 2009), Paperback, circa 192 Seiten, 168 farbige Abbildungen, 10 s/w Abbildungen, ISBN: 978-3-7913-4261-0, 9,95 Euro
Adrian von Buttlar: Neues Museum Berlin – Architekturführer, Hrsg. von den Staatlichen Museen zu Berlin, Deutscher Kunstverlag (Berlin 2009), 104 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 12 Euro, ISBN: 978-3-422-06889-6
Neues Museum Berlin, Prestel (München 2009), Paperback, circa 192 Seiten, 168 farbige Abbildungen, 10 s/w Abbildungen, ISBN: 978-3-7913-4261-0, 9,95 Euro
Adrian von Buttlar: Neues Museum Berlin – Architekturführer, Hrsg. von den Staatlichen Museen zu Berlin, Deutscher Kunstverlag (Berlin 2009), 104 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 12 Euro, ISBN: 978-3-422-06889-6
Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009
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