Architektur und Geschichte in Deutschland

Welterbe Fagus-Werk

Fagus-Werk Alfeld, Foto: © Fagus-GreconPünktlich zu ihrem 100-jährigen Bestehen wurde die 1911 vom späteren Bauhaus-Direktor Walter Gropius errichtete Schuhleisten-Fabrik im niedersächsischen Alfeld von der UNESCO Ende Juni in die Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt aufgenommen. In Berlin zeigt das Bauhaus-Archiv dazu die Fotografien von Albert Renger-Patzsch.

Die 40 Kilometer südlich von Hannover gelegene Fabrikanlage der Fagus GmbH gilt als Schlüsselwerk der Moderne in Deutschland. Der damals 27-jährige Architekt Walter Gropius und sein Mitarbeiter Adolf Meyer prägten gleich mit ihrem ersten eigenen Auftrag eine neue Stilrichtung.

Fagus-Werk Alfeld, Rückseite, Foto: Hans Szyska, ErfurtGropius stammte aus wohlhabenden Verhältnissen, sein Studium hatte er ohne Diplom abgebrochen. Carl Benscheidt, sein um 25 Jahre älterer Auftraggeber, war ein Selfmademan, der sich aus ärmlichen Verhältnissen kommend selbständig gemacht hatte. Beide verband ihr Bewusstsein der drängenden sozialen Probleme ihrer Zeit: Die Arbeitswelt, so ihre Vorstellung, müsse nach ethischen und ästhetischen Gesichtspunkten reformiert werden.

Der Arbeit Paläste errichten

Bei Walter Gropius klang das 1911 so: „Der Arbeit müssen Paläste errichtet werden, die den Arbeiter etwas spüren lassen von der Würde der gemeinsamen Idee.“ Und weiter: „Weitsichtige Organisatoren haben (…) erkannt, daß mit der Zufriedenheit des einzelnen Arbeiters aber auch der Arbeitsgeist wächst und folglich die Leistungsfähigkeit des Betriebes.

Belegschaft des Fagus Werks um 1911, Foto: © Fagus-Grecon












Carl Benscheidt wollte nicht nur eine Fabrik, in der die gut ausgebildeten Arbeiter der Region ihre Fertigkeiten voll entfalten konnten, er erkannte auch den Marketingeffekt der von Gropius gezeichneten Stahl-Glas-Fassade: Das Werk stand direkt an der Bahnstrecke zwischen Hannover und Kassel, „und so ein mustergültiger Bau“, so Benscheidt in einem Brief an Gropius, „kann auch zugleich eine gute Reklame sein“. Deshalb beauftragte er die Berliner mit der Neukonzeption der Fassaden – Eduard Werner aus Hannover, der die Gebäude bis dato geplant hatte, bekam die Bauleitung übertragen.

Ikone des Neuen Bauens

Rückblickend bewies Carl Benscheidt mit seinem Vertrauen in Gropius’ moderne Auffassung von Architektur ein gutes Gespür: 15 Jahre vor dem Bauhaus Dessau (1925–26) ist die Fabrik das vorweggenommene Manifest der Neuen Sachlichkeit. Die Anordnung der Gebäude entsprach dem Produktionsablauf, den ein Schuhleisten von der Anlieferung des Rohstoffs Holz bis zum fertigen Zustand durchlief: Sägerei, Lagerhaus, Trockenhaus und Arbeitssaal.

Fagus-Werk Alfeld, Seitenansicht, Foto: Hans Szyska, Erfurt
















Während die übrigen Gebäude des 1911–25 in drei Bauabschnitten errichteten Industriekomplexes sich ganz ihrer jeweiligen Funktion anpassen – das Lagerhaus ist ein solider Steinbau, im Arbeitssaal mit seinen großen Glasfronten herrschen ideale Lichtverhältnisse für die Schuhleistenproduktion – wurde das dreistöckige Hauptgebäude der „Fagus“ zur Ikone der Moderne und der von ihr propagierten Transparenz. Ihre stützenlosen, vollständig verglasten Ecken ließen den Industrieklassizismus hinter sich und markierten den Beginn des modernen Skelettbaus. Zur Kanonisierung ihres Erstlingswerks trugen Gropius und Meyer, die bereits die Baustelle regelmäßig von einem der renommiertesten Architekturfotografen seiner Zeit dokumentieren ließen, von Anfang an bei.

Albert Renger-Patzsch und die Fagus

1928 fotografierte mit Albert Renger-Patzsch einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit im Auftrag von Carl Benscheidt junior das Fagus-Werk: Von seinen bis ins Detail durchkomponierten Fotografien wurde neben den „Schuhbügeleisen“ und den Porträts der Firmeninhaber vor allem die Aufnahme Nummer 16 berühmt. Sie zeigt die verglaste Ecke des Hauptgebäudes im dramatisch-harten Licht der Nachmittagssonne, und Gropius verwendete sie bis an sein Lebensende als Beleg für die „fundamentalen Grundsätze der neuen Architektur“ – die bis auf die Lichtverhältnisse identische Neuaufnahme von 1952 überzeugte ihn nicht.
Die beiden Serien – sie dokumentieren die Architektur ebenso wie die Produkte und ihren Herstellungsprozess – zeigte das Bauhaus-Archiv in der Ausstellung Die Moderne im Blick. Albert Renger-Patzsch fotografiert das Fagus-Werk; begleitend dazu ist ein deutsch-englischer Katalog erschienen.

Fagus-Werk Alfeld, historische Aufnahme, Foto: © Fagus-Grecon











Baudenkmal seit 1946

Im Gegensatz zu vielen anderen Weltkulturerbestätten ist das seit 1946 als Baudenkmal eingetragene Fagus-Werk bis heute in Betrieb und auch Schuhleisten werden dort immer noch gefertigt – allerdings nicht mehr aus Buchenholz (lateinisch: fagus), sondern aus froschgrünem Kunststoff. Seit 1974 ergänzen Mess- und Brandschutzsysteme sowie Holzbearbeitungsmaschinen die Produktion.

Museumsbereich im Fagus-Werk, Foto: © Fagus-Grecon1982 bis 2001 wurde die Fabrikanlage vom Hamburger Architekten Wilfried Köhnemann in insgesamt 15 Bauabschnitten für umgerechnet 6,67 Millionen Euro aufwändig restauriert. Davon übernahmen die Urenkel des Firmengründers, Gerd und Ernst Greten, knapp die Hälfte als Eigenanteil. Außerdem richteten sie im Rahmen der denkmalgerechten Sanierung einen öffentlich zugänglichen Museumsbereich ein, der richtungweisende Leistungen von Benscheidt und Gropius in einer permanenten Ausstellung dokumentiert.
Jochen Paul
war bis 1999 Redakteur bei der Bauwelt in Berlin.
Seit über zehn Jahren schreibt er als freier Journalist und Autor über Architektur und Design für Fachzeitschriften, Magazine und Online-Dienste.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2011

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