Spiritualität und Sakralität haben in Deutschland nach Jahren fortschreitender Profanierung wieder eine größere Bedeutung im öffentlichen Leben. So ist in jüngster Zeit eine bemerkenswerte Zahl an Sakralbauten neu entstanden.
Neigten die Kirchen in den siebziger Jahren dazu, statt eindeutiger Gotteshäuser multifunktionale Gemeindezentren zu errichten, die dem geselligen Gemeindeleben mehr verpflichtet waren als der Spiritualität, so entstehen heute wieder Sakralbauten, bei denen sich die Architekten bemühen, mit Raumwirkung, Licht- und Blickführung eine intensive Atmosphäre des Transzendenten zu erzeugen.
Canisius-Kirche in Berlin
Die Berliner Canisiuskirche zum Beispiel wurde von den Architekten Heike Büttner, Claus Neumann und George Braun als scheinbar einfacher und doch von komplizierten geometrischen Verhältnissen bestimmter Kubus entworfen, als Betonrahmen fast städtebaulichen Maßstabs, unter dem nicht nur der Kirchenraum, sondern auch noch ein Vorgarten nach Art des mittelalterlichen Paradieses (Narthex) Platz fand. Ein schlanker Campanile setzt den vertikalen Akzent gegen den mächtigen, deutlich von Le Corbusier beeinflussten Kubus. Der Innenraum nimmt mit seiner Ruhe und Gelassenheit gefangen und lebt vom Zauber des einfallenden Lichtes, das auf den Betonoberflächen spielt.
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"Haus der Stille" in Meschede
Noch weitaus elementarer und asketischer erlebt man das "Haus der Stille" der Benediktinerabtei Königsmünster in Meschede. Peter Kulka entwarf eine schlichte, karge Beton-Architektur, die sich formal gewiss nicht weiter reduzieren lässt und doch so wirkungsmächtig ist wie irgend vorstellbar. Im schmucklosen, archetypischen Raum wird ein kunstloses Kreuz zum eindringlichen Fanal, kann sich die innere Einkehr zur konzentrierten Geistesübung entwickeln. Hier geht es nicht um das gemeinsame Gotteserlebnis, sondern um die Selbstheiligung des Einzelnen in der stillen Zwiesprache mit Gott."Kapelle der Versöhnung" in Berlin
Ganz anders die Kapelle der Versöhnung bei der Mauer-Gedenkstätte Bernauer Straße in Berlin. Sie ist der gemeinsamen eucharistischen Feier gewidmet. Die Architekten Reitermann und Sassenroth entwarfen einen ovalen Versammlungsraum, dessen Wand aus Stampflehm besteht. Die Lichtstimmung, das lebendige Farbspiel der rauhen Oberflächen, sogar das als natürlich empfundene Klima des Raumes unterstützen die emotionale Entrückung vom Alltag draußen vor der Tür. Ein Holzbohlenspalier bildet die äußere Fassade der Kapelle und schützt die Lehmwand vor Bewitterung. Gleichzeitig entstand hinter der Holzfassade rings um den Versammlungsraum eine Zwischenzone, ein Vorraum zum Sammeln und Verweilen."Christus-Pavillion"
Christus-Pavillon hieß die bikonfessionelle Kirche auf der EXPO 2000 in Hannover, die Meinhard von Gerkan als modular aufgebaute, im Grund- und Aufriss einem strengen quadratischen Schema folgende Stahlkonstruktion errichtete. Nach der Ausstellung wurden Kirche und Kreuzgang demontiert und auf dem Gelände eines Zisterzienserklosters im thüringischen Volkenroda wieder aufgebaut. Der Kirchenraum, vollkommen umhüllt von dünnen, durchscheinenden Marmortafeln, ist von eigentümlichem Stimmungsreiz.
Herz Jesu-Kirche in München
Manche Parallelen sind zur in München entstandenen Herz Jesu Kirche zu entdecken. Auch die Architekten Allmann, Sattler und Wappner haben auf quadratischem Grundraster einen Kubus aus Stahlkonstruktion entworfen. An der Eingangsfront öffnet sich mit zwei Torflügeln gleich die ganze Fassade in einer einzigen großen Willkommensgeste. Ein subtiles Spiel mit Licht und Schatten, Transluzenz und Durchblicken sorgt im Inneren für ständig wechselnde Stimmungen je nach Tages- und Jahreszeit.
Synagoge in Dresden
Zu den eindrücklichsten neuen Sakralbauten in Deutschland gehört die Synagoge in Dresden. Die Architekten Hirsch, Wandel, Hoefer und Lorch schufen eine Hofanlage mit Gemeinde- und Bethaus von imponierender räumlicher Vielfalt und intensiver Spiritualität. Anders als die meist nüchternen Kirchen vergangener Jahrzehnte vermitteln die neuen Sakralbauten wieder eine geistige Einstimmung, wie sie historischen Kirchen zu Eigen ist.Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2004
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