Bauen und Glauben – Sakralarchitektur in Deutschland

Die Renaissance des spirituellen Raumes

Doppelkirche Maria-Magdalena, Freiburg, Architekten Kister Scheithauer Groß; Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser VerlagsAuf die Frage, welche Art von Gebäude sie gerne noch bauen wollten, antworten fast alle Architekten gleich: Eine Kirche. Zum einen natürlich, weil die wenigsten die Gelegenheit hatten, diese selten gewordenen Bauaufgabe anzugehen, zum anderen jedoch, weil im Kirchenbau wie bei keinem anderen Bautypus die künstlerische Gestaltung von Körper, Form und Raum gefragt ist.

Doppelkirche Maria-Magdalena, Freiburg, Architekten Kister Scheithauer Groß; Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser VerlagsDoppelkirche Maria-Magdalena, Freiburg, Architekten Kister Scheithauer Groß; Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser Verlags

Die Baukünstler lockt die von profanen funktionalen Einschränkungen scheinbar unbehelligte Freiheit, es reizt sie die Vorstellung, endlich wieder einmal mit Licht und Farbe Atmosphäre zu zaubern. Natürlich sieht die Wirklichkeit ein wenig anders aus, sind enge Rahmenbedingungen durch Bebauungsplan, Versammlungsstättenverordnung und andere Richtlinien und nicht zuletzt durch das in aller Regel sehr knappe Budget gegeben. Und dann sind da noch die liturgischen Vorgaben, die manche Raumvorstellung als Möglichkeit im Vorhinein ausschließt.

Zwei Raumtypen

Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser VerlagsRudolf Stegers hat bei den Recherchen für sein Buch über den Sakralbau die Welt der Kirchen, der Synagogen und der Moscheen erkundet, um zu den Ursprüngen und Grundlagen zu gelangen. Kirchen, so stellt er fest, bestehen im Grund nur aus zwei Räumen, dem Raum für den Gottesdienst und dem Raum für die Vorbereitung des Gottesdienstes (die Sakristei). Grundsätzlich gibt es zwei Raumtypen, den gerichteten Langbau mit Axialität und Exzentrizität und den auf seinen Mittelpunkt bezogenen Rundbau.

Zwei Typen lassen sich auch bei den Synagogen unterscheiden. In orthodoxen Synagogen Mittel- und Osteuropas steht das Lesepult (Bima) in der Mitte des Raumes, in jenen West- und Südeuropas vor der Westwand, während sich der Schrein mit der Thorarolle an der nach Jerusalem weisenden Ostwand befindet. Die Bänke an den Längswänden begleiten die freie Achse zwischen beiden. Jüngere, liberalere Gemeinden konzentrieren Thoraschrein und Lesepult auf einer Bühne vor der Gemeinde. Die Moschee hingegen kommt mit einem fast leeren Betsaal aus, der freilich zwingend eine exakt nach Mekka ausgerichtete Wand aufweisen muss.

Wie nun diese Vorgaben in den vergangenen vier Jahrzehnten von den Architekten in Stahl, Glas und Beton (und manchmal noch in Naturstein) umgesetzt wurden, welche faszinierende Formen und Räume sie sich ausgedacht haben, davon handelt das Buch.

Bruder-Klaus-Kirche, Graz, Szyszkowitz – Kowalski; Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser VerlagsSankt-Maria-Kirche, Marco de Canaveses, Alvaro Siza; Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser Verlags

Kluges Kompendium

Sicher gibt es auch dem entwerfenden Architekten wertvolle Hinweise, etwa in den Kapiteln über Licht und Akustik, aber „Entwurfsatlas“ hätte man es nicht nennen sollen, denn damit stellt man es in eine Reihe mit dem Stahlbauatlas oder dem Betonatlas. Ein solcher, von dem schematische Grundriss- und Konstruktionslösungen, Listen und Tabellen erwartet werden, ist es nun wahrlich nicht. Stattdessen ein kluges Kompendium, das über die Geschichte und Gegenwart des Sakralbaus der drei in Mitteleuropa präsenten Weltreligionen informiert und das im Hauptteil an die 70 Kirchen, Synagogen, Moscheen sowie Krematorien und Aussegnungshallen anhand zahlreicher Bilder, Grundrisse und erläuternder Texte vorstellt.

Tadao Andos Kapelle in Ibaraki; Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser VerlagsTadao Andos Kapelle in Ibaraki; Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser Verlags

Neuer Sinn für Atmosphäre und Spiritualität

Die größtenteils aus Mitteleuropa, zum Teil aber auch aus Übersee stammenden Beispiele aller stilistischen Spielarten belegen jedenfalls eines: In welcher formalen Hülle Gott zu dienen ist, darüber sind sich die Menschen weniger denn je einig.

Peter Kulka Haus der Stille, Königswinter; Aus Entwurfatlas Sakralbau; Mit freundlicher Genehmigung des Birkhäuser VerlagsDa gibt es die asketischen Andachtsräume, meist aus purem Sichtbeton wie etwa Tadao Andos Kapelle in Ibaraki (Japan) mit dem Kreuz aus Licht in der Südwand oder Peter Kulkas Haus der Stille im sauerländischen Königsmünster. Es gibt die aus Ziegeln und viel Holz errichteten, Wärme und Geborgenheit vermittelnden Glaubensburgen wie Tamás Nagys Kirche von Dunaújváros in Ungarn oder Szyszkowitz-Kowalskis Bruder-Klaus-Kirche in Graz/Österreich. Und es gibt elegante, strahlend weiße Artefakte wie Alvaro Sizas Sankt-Maria-Kirche im portugiesischen Marco de Canaveses oder ruppig-rohe Betongehäuse wie die Doppelkirche Maria-Magdalena der Architekten Kister Scheithauer Groß in Freiburg. Neubauten in Dresden, Duisburg oder Tel Aviv belegen diesen Trend auch bei den Synagogen, und selbst im noch stark historischen Form- und Dekorvorstellungen verhafteten Moscheenbau fanden sich in Bosnien und in Dubai Beispiele für moderne Raumschöpfungen.

Die Zeiten, in denen man allerorten in der Basilika das Gotteshaus erkannte, sind also Geschichte. Dafür entwickelte sich im Sakralbau eine räumliche Vielfalt und ein neuer Sinn für Atmosphäre und Spiritualität, die zu entdecken und zu erleben Rudolf Stegers den Schlüssel geliefert hat.

Stegers, Rudolf (Hg.): Entwurfsatlas Sakralbau, 247 Seiten, 80 farbige und 920 schwarz/weiße Abbildungen, Zeichnungen und Pläne, Großformat 24 x 33 cm, Birkhäuser Verlag, Basel, Bosten, Berlin 2008. 89.90 Euro. ISBN 978-3-7643-6684-1.

Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2008

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