Die globale europäische Stadt

Die Europäische Stadt ist überall und nirgendwo. Man kann ihr in Kalifornien ebenso begegnen wie in Potsdam oder Südchina. Sie ist kein realer Ort, sondern ein Diskurs um die Leitbilder des nachmodernen Städtebaus, die seit etwa dreißig Jahren Architekten und Stadtplaner beschäftigen und die außerhalb des deutschen Sprachraums als New Urbanism oder „traditionelles Stadtdesign“ bekannt geworden ist.
Entwickelt wurde die Europäische Stadt einst als Gegenmodell zur Moderne: statt Kahlschlagsanierungen, Stadtautobahnen und Betonblocksiedlungen versprach sie Dichte, Funktionsmischung und sensiblen Umgang mit der historischen Bausubstanz. Heute haben sich die Bilder der traditionellen europäischen Stadt internationalisiert und verselbständigt. Man kann kaum noch von einem Export sprechen. Mit den historischen Stadtkernen von Paris, Stockholm, Kiew oder Dinkelsbühl haben diese Bilder ebenso wenig zu tun wie der Klassizismus mit dem alten Rom. Umso mehr aber mit einer globalen kulturellen Entwicklung. Sie versprechen eine postnationale und dennoch kulturell abgegrenzte Identität, die mal regional und mal gruppenspezifisch verstanden wird.
Absage an die moderne Stadtplanung
In den USA etwa ist der New Urbanism derzeit die populärste Strömung für neue Stadtentwicklungsprojekte. Auch hier ging es ursprünglich um eine Absage an die moderne Stadtplanung, allerdings in ihrer spezifisch amerikanischen Form. Städte sollen nicht, wie bis in die 1970er Jahre üblich, als autogerechtes Ringsystem mit Central Business District in der Mitte und ewig gleichen Eigenheimvororten drum herum gebaut werden, sondern als kompakte Mischung unterschiedlicher Lebensbereiche. Der Bezug zu europäischen Modellen ist sowohl ästhetisch als auch programmatisch. Die bekannteste Siedlung des New Urbanism etwa, Seaside in Florida, erinnert entfernt an eine französische Kleinstadt. Wie in vielen europäischen Ländern wurden auch hier Baukörper und Fassadenentwürfe behördlich genau festgelegt. Errichtet wurde Seaside ab 1981 nach Entwürfen des amerikanischen Architektenduos Andres Duany und Elizabeth Plater-Zyberk; der Luxemburger Architekt und Theoretiker Leon Krier stand als Berater bei.Garant für Nachhaltigkeit
Die Planer verfolgten den Anspruch, den Bewohnern ein Stück Lebensqualität zurückzugeben, das in den gewöhnlichen amerikanischen Mittelklassevororten verloren gegangen war. Statt Einkaufszentren mit bis zum Horizont reichenden Parkplätzen gibt es in Seaside einen Dorfplatz mit Cafés und Lebensmittelgeschäften, statt kilometerlangen Zufahrtsstraßen entlang überdimensionierter Rasenflächen kleine Straßen und vergleichsweise kompakte Einfamilienhäuser. Ähnliches gilt für die Stadt Celebration, ebenfalls in Florida gelegen und erbaut ab 1997 für etwa 20.000 Einwohner. Auch hier erteilten die Architekten der monströsen Suburb-Kultur à la American Beauty eine Absage und setzten stattdessen auf Kleinteiligkeit und traditionelles Fassadendesign. Als Folge der Platzreduzierung können die Kinder zu Fuß laufen und ihre Mütter werden nicht zu frustrierten „Soccer Mamas“ – Hausfrauen, die ihre Sprösslinge in fußgängerfeindlichen Vororten den lieben langen Tag im Auto zum Fußballplatz, zur Schule oder zum Musikunterricht chauffieren müssen. Die Prinzipien des New Urbanism sind daher nicht nur bei Kleinstadtnostalgikern beliebt; viele sehen sie als Garant für Nachhaltigkeit und umweltgerechte Stadtentwicklung.
Kritik an der Künstlichkeit
Anderen geht die Reglementierung zu weit. Da die Cafés und Tante-Emma-Läden im amerikanischen Wildwuchskapitalismus wirtschaftlich nicht überleben könnten, werden sie von der Stadtverwaltung subventioniert und genauestens überwacht. Ebenso viele Details des Alltagslebens. In Celebration sind nur sechs Haustypen erlaubt, die sich an englische, französische und italienische Landhausmodelle anlehnen, darunter „Victorian“, „Mediterranean“ und „French“. Flachdächer sind ebenso verboten wie rote Gardinen, ungemähter Rasen, Schrottautos in der Garageneinfahrt oder Abwesenheit von mehr als drei Monaten, die darauf schließen lässt, dass das Haus nur als Ferienwohnsitz verwendet wird. Und natürlich gibt es, ebenso wie in anderen amerikanischen Vororten, kaum soziale Durchmischung. Kritiker bemängeln zudem die Künstlichkeit der Neugründungen. Den Disney-Konzern, Ideengeber und Erbauer von Celebration, sehen sie ebenso als Chiffre für das demagogische Potenzial des durchgeplanten Kleinstadtlebens wie den Film The Truman Show (1998), der in Seaside gedreht wurde und in dem ein junger Mann lange nicht ahnt, dass sein ganzes Leben heimlich von einer Produktionsfirma choreographiert und live im Fernsehen übertragen wird.Europa in China
Die Europäische Stadt findet man auch auf der anderen Seite der Welt. In den seit der Jahrtausendwende errichteten Vorortsiedlungen der boomenden Metropole Shanghai reicht die Vielfalt von skandinavischen Giebeldachhäusern in Luodian, entworfen von der schwedischen Firma SWECO FFN, zu den venezianischen Kanälen in Pujiang (Entwurf: Augusto Cagnardi), oder der „Thames Town“ der britischen Atkins-Gruppe in Songjiang mit Fachwerkhäusern im Tudorstil. Aber ebenso wie in den USA ist auch in China der europäische Bezug nicht nur ein ästhetischer.
In Anting etwa, gut vierzig Kilometer vom Stadtzentrum gelegen, wurde kürzlich eine von Albert Speer und Partner entworfene Kleinstadt für 20.000 Einwohner fertig gestellt. Hier gibt es keine Fachwerkhäuser und keinen Retrokitsch, und doch empfindet ein westlicher Besucher die Siedlung als irgendwie deutsch – und zwar durchaus in positiver Hinsicht. Die farbenfrohen, vierstöckigen Wohngebäude erinnern an deutsche Siedlungen der 1950er Jahre, es gibt eine kompakte Blockrandbebauung, verkehrsberuhigte Spielstraßen und einen zentralen Platz
mit Cafés und Geschäften – ein angenehmer Kontrast zu anderen Neubauprojekten in der Shanghaier Peripherie, die entweder aus massenproduzierten Eigenheimen oder monotonen, zwanzigstöckigen Wohnblöcken bestehen. Über den Erfolg lässt sich derzeit wenig sagen. Wie auch bei vielen Neugründungen des New Urbanism in den USA muss sich erst zeigen, wie sich die neuen Siedlungen in das regionale Wirtschaftsgefüge einordnen, und gerade hier ist der Einfluss der Architekten begrenzt.
Internationalisierte Europäische Stadt
Auch in Deutschland orientieren sich die Befürworter der Europäischen Stadt inzwischen ebenso am internationalen New Urbanism wie an heimischen Traditionen. Unter ihnen ist etwa der Architekt Rob Krier, Bruder des Seaside-Planers Leon Krier. Seine Siedlung Kirchsteigfeld in Potsdam, errichtet ab 1992 für etwa 7.000 Bewohner, baut auf traditionellen Stadtgrundrissen auf und betont Kleinteiligkeit und Kontextualität. Wie sein Bruder sieht auch Rob Krier in seiner Herangehensweise einen Ausweg aus der Sackgasse der aufgelockerten, autogerechten Stadt. Als Forum für seine Ideen nutzt er den Congress for New Urbanism, jene Vereinigung von Planern und Architekten, die von den Seaside-Architekten Andres Duany und Elizabeth Plater-Zyberk mitgegründet wurde und seit einigen Jahren eine deutsche Untersektion besitzt.Die Mehrheit der deutschen Architekten verhält sich gegenüber der internationalisierten Europäischen Stadt widersprüchlich. Der New Urbanism wird wahlweise als reaktionär, elitär, „amerikanisch“ oder disneyfizierend geschmäht. Auf der anderen Seite sind die ihm zugrunde liegenden Prinzipien kompakte Bebauung, Funktionsmischung und Einschränkung des Autoverkehrs inzwischen städtebaulicher Mainstream und werden von den allermeisten Planern und Kommunalpolitikern geteilt. Während man in weiten Teilen der Welt angesichts explodierender Bevölkerungszahlen und fortschreitender Industrialisierung weiter nach Wegen zu einem nachhaltigen Städtebau sucht, ist die Debatte um die Europäische Stadt in den schrumpfenden Städten Europas vielerorts zu einem Streit um die richtige Fassade verebbt.
lehrt Architekturgeschichte an der Technischen Universität Berlin. Sein Buch „Berlin/DDR, neo-historisch“ erschien 2007 beim Gebrüder-Mann Verlag in Berlin.
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Juni 2008
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