Urbanes Laboratorium: temporäre Architektur
Im Regelfall ist Architektur auf möglichst große Dauerhaftigkeit ausgerichtet. Architekten, die sich temporären Projekten widmen, planen das Verschwinden ihrer Werke dagegen von Anfang an mit ein. Gerade junge, ambitionierte Planer scheinen zunehmend fasziniert zu sein von dieser Bauaufgabe. Zwei deutsche Büros, modulorbeat aus Münster und das Netzwerk osa, haben mit ihren Arbeiten bereits international Beachtung gefunden.

„Temporäre Projekte sind wie ein urbanes Laboratorium“, sagt Jan Kampshoff vom Büro modulorbeat - ambitious urbanists and planners aus Münster: „Das Faszinierende daran ist, dass wir mit ihnen Orte für kurze Zeit verändern können - verbessern, stören, ignorieren, neu lesen. Die Projekte verschwinden wieder, trotzdem sind diese Orte nie wie vorher.“ Bauten auf Zeit haben außerdem den Vorteil, dass sie häufig schneller und unkomplizierter umzusetzen sind als klassische Bauaufgaben und dennoch eine starke Wirkung haben können.
Urbane Weiche
So wie es etwa bei switch+ gelang, dem zweigeschossigen, zwölf Meter hohen temporären Informationspavillon, den modulorbeat für die Ausstellung skulptur projekte münster 2007 entwarfen. Die goldfarbene Außenhülle des Pavillons bestand aus perforiertem Kupferblech und reagierte auf die Lichtinstallation Silberne Frequenz von Otto Piene an der Fassade des angrenzenden Gebäudes. Besonders nachts, wenn auch das Innere des Pavillons beleuchtet war, entstand im Zusammenspiel mit der Silbernen Frequenz eine besonders reizvolle Atmosphäre. Als „urbane Weiche“ (englisch: „switch“) veränderte ein beweglicher Teil des Pavillons je nach Stellung die Wegführung auf dem Platz und damit auch die Nutzung und Wahrnehmung des öffentlichen Raums.
Temporäre Bauten sind oft auf das Wesentliche konzentriert, so auch die Minimalversion eines Nachtklubs, den modulorbeat 2006 entwickelten. Drei Monate lang stand auf einer Brachfläche in Berlin Kubik, ein Open-Air-Klub, den die Architekten aus 144 Plastikkanistern gebaut hatten. Die industrieüblichen Wassertanks waren mit einem einfachen System aus Metallgittern und Europaletten verbunden, jeder Kanister enthielt eine mit hitzebeständiger Farbfolie umhüllte 150 Watt-Glühbirne. Durch eine eigens entwickelte Steuerungssoftware war die Helligkeit stufenlos veränderbar. Lichtwände, eine Bar, Musik und darüber der Nachthimmel - Kubik war so erfolgreich, dass der Kanister-Klub seither in weiteren Städten wie Barcelona und Lissabon gastierte.
Aspekt der Nachhaltigkeit
In Zeiten knapper werdender Ressourcen und drängender Umweltprobleme ist der Aspekt der Nachhaltigkeit von entscheidender Bedeutung für eine zukunftstaugliche Architektur. „Auch wenn es zunächst paradox klingen mag, so sehen wir gerade hier ein großes Potenzial für temporäre Bauten und Installationen“, sagt Oliver Langbein von osa - office for subversive architecture, einem Netzwerk von acht ArchitektInnen und StadtplanerInnen, die gemeinsam in Darmstadt studiert haben und heute in acht Städten in fünf europäischen Ländern arbeiten. „Die Erfahrung zeigt, dass Zukunftsprognosen sehr unsicher sind und manche Bauten viel schneller obsolet werden als man sich das bei der Planung vorstellt“, erläutert Langbein. Der Schlüssel für eine zukunftsfähige Planung sei die Entwicklung einer angemessenen räumlichen Lösung: „Wesentlich nachhaltiger als ein besonders ökologisches Gebäude zu entwerfen kann es sein, mit einer temporären Installation zunächst die vorhandenen Potenziale eines Ortes sichtbar zu machen.“ Damit verbunden sei oft der Dialog mit lokalen Akteuren. Oliver Langbein: „Indem wir deren Hintergrundwissen in den Arbeitsprozess mit einbeziehen, können sich alternative Konzepte herauskristallisieren und Planungsfehler verhindert werden.“
Ästhetische Kraft
Auch die Qualität temporärer Architektur bemisst sich an der ästhetischen Kraft der realisierten Konzepte. Die osa-Architekten bewiesen ihr Können beispielsweise mit der Kunsthülle LPL, einem temporären Veranstaltungsraum für die Liverpool Biennale 2006. Der Raum, so lautete die Vorgabe, musste rückstandsfrei wieder abzubauen sein. Auf dem Flachdach einer ehemaligen Fabrik errichteten die osa-Planer eine simple Stahlkonstruktion, an der umlaufend PVC-Streifen zum Boden gespannt wurden. Auf dem Dach selbst bildete eine zweite, innere Hülle aus roten PVC-Streifen den eigentlichen Veranstaltungsraum. Die PVC-Lamellen dieser „zweischaligen“ Fassade ließen Licht und - an der inneren Hülle - auch Besucher durch. So entstand der besondere Charme dieses Raumes.

Wem gehört der öffentliche Raum?
Ein weiteres Beispiel für den Arbeitsansatz von osa ist der interdisziplinäre Workshop, den Oliver Langbein mit seiner Kollegin Britta Eiermann im Rahmen des Darmstädter Architektursommer 2008 durchführte. Ausgehend von der Frage „Wem gehört der öffentliche Raum (myspace)“ ging es um die Möglichkeiten für junge Menschen, Stadtraum aktiv zu benutzen. Zusammen mit Studenten und Schülern entwickelten die Architekten temporäre Transformationen. In der Aktion Landgewinnung etwa besetzten sie mit großen gelben Handtüchern Plätze und Haltestellen und ironisierten so die deutsche Unsitte der „Handtuchreservierung“ an Strand und Swimmingpool. Sie verwandelten einsame Parkbänke in Liegen und spielten Cross Minigolf in leeren Wasserbecken, durch alte Abflussrohre und Straßenrinnen. Deutlich wird: Der experimentelle Charakter temporärer Arbeiten ermöglicht zugespitzte architektonische Aussagen und neue Sichtweisen auf Plätze, Räume und Parks.

Zwischen Architektur, Kunst und Design
Dass sich dabei die Grenzen von Architektur, Kunst, Design und sozialer Intervention auflösen, gehört zum Konzept. „Die offenen Anschlüsse zu anderen Disziplinen sind bei temporären Projekten einfach vielfältiger als bei klassischen Bauaufgaben“, sagt Oliver Langbein, und Jan Kampshoff vom Büro modulorbeat betont: „Für uns sind alle diese Kategorien relevant, und es interessiert uns nur wenig, ob unsere Arbeiten dann Kunst, Architektur, Design oder wie auch immer genannt werden.ist freie Journalistin in Berlin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Oktober 2008












