Der Klang der Stadt
Künstler setzen sich schon seit den 1960er Jahren mit der akustischen Gestaltung der Stadt auseinander. In der baulichen und stadtplanerischen Praxis fehlt dieser Aspekt weitgehend.
Die Stadt hat ein akustisches Problem. Der hörbare Ausdruck ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Aktivität und mithin Lebendigkeit, dieses imposante Dröhnen schlägt in der Wahrnehmung häufig um in bleiernen Lärm, der Menschen krank macht.
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R. Murray Schafer |
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Toronto Island Sound Map |
Als Resultat dieser Entwicklung kann man heute mit dem Pariser Anthropologen Marc Augé viele städtische Areale als akustische Nicht-Orte beschreiben. An ihnen kann weder der gebaute Raum noch Zeit oder lokale Kultur hörend wahrgenommen werden. Städtische Straßen und Plätze machen es zunehmend unmöglich, sich anhand klanglicher Informationen zu orientieren und mit dem Ort zu identifizieren. Der Lärm überdeckt z.B. den Klang meiner eigenen Schritte, deren Widerhall mir Informationen über Größe und Beschaffenheit einer Gasse geben könnten. Er überdeckt auch die Stimmen und Geräusche der dort agierenden Menschen, welche Hinweise auf deren Tätigkeit und Stimmung enthalten würden.
Städtische Klangsphären
Das von Murray Schafer initiierte World Soundscape Project und weitere Initiativen setzen sich seit den 1970er Jahren global für die Schaffung einer menschengerechten Lautsphäre ein. Angesichts der Dominanz des Visuellen in unserer Epoche haben sie einen schweren Stand. In den 30 Jahren seit der Entstehung dieser Projekte entstanden großflächige Analysen städtischer Klangsphären. Künstler wie z.B. Max Neuhaus, Bill Fontana, Christina Kubisch, Ulrich Eller, Ros Bandt, Andres Bosshard, Robin Minard, Bill & Mary Buchen, Sam Auinger, Bruce Odland u.v.a. machten mit Klanginstallationen und musikalischen Interventionen auf die Probleme aufmerksam und legten Vorschläge für die akustische Gestaltung der Stadt vor. In der baulichen und stadtplanerischen Praxis fand die Initiative aber keinen nennenswerten Niederschlag. Dort werden in der Regel erst im Nachhinein Maßnahmen ergriffen, etwa in Form von Geschwindigkeitsbeschränkungen oder Schallschutzwänden. Auch in den seltenen Fällen stadtplanerisch koordinierter Anstrengungen sind diese heute rein quantitativer Natur: auf eine Lärmreduktion, und nicht an qualitativen Kriterien ausgerichtet.


Akustische Stadtraumgestaltung der Zukunft
Für das Katalogbuch zur Klangkunstausstellung 'sonambiente berlin 2006' fragten die Herausgeber daher drei Experten unterschiedlicher Disziplinen nach Konzepten für eine zukünftige akustische Stadtraumgestaltung.Der Klangkünstler Andres Bosshard bringt das Problem mit einer Frage auf den Punkt: 'Wie kommen wir von den sicher notwendigen akustischen Beruhigungsmaßnahmen zu einer lebendigen, gemeinsam getragenen Klangsphäre?' Als Mitgestalter stadträumlicher Klangplanungsprojekte in Florenz und Zürich favorisiert er ein Modell, das sich an Praktiken des Gartenbaus orientiert und dadurch nicht von einer bloßen Beschallung öffentlicher Räume ausgeht. Es will stattdessen offene, dynamische Räume gestalten, die sich in der Interaktion mit ihren Nutzern entwickeln. Der Klanggarten soll sich nach Bosshard mit den Jahreszeiten wandeln und langsam entwickeln.
Dem Architekten Khaled Saleh Pascha zufolge sollte zur Reduktion des Lärmpegels die bislang ungenutzte Möglichkeit einbezogen werden, Fassaden mit speziellen Baustoffen bzw. bestimmten Oberflächenprofilen zu bauen, die Schall schlucken oder in den Himmel reflektieren. Zweitens betont er, dass sich Stadtplanung auch der Aufgabe annehmen muss, akustische Eigenschaften kleingliedriger Stadtbereiche individuell zu stärken. Das ist z.B. möglich, indem man den Lautcharakter von Märkten, Sportplätzen etc. gezielt platziert, mithin die Klangsphäre nach Gesichtpunkten sozialer Nutzung komponiert. Als eindrucksvolles Beispiel dafür führt er die chilenische Ciudad Abierta auf, in der klangliche Raumwirkungen und die akustische Verbindung zwischen Innen- und Außenraum gezielt geformt sind. In der Versuchssiedlung an der Pazifikküste Chiles ist der Versammlungsraum ohne Dach ausgeführt, um ihn akustisch an die Landschaft anzukoppeln; Wände haben zum Teil konkave Form, um die Schallreflexionen wellenartig zu strukturieren; ein durch das Gebäude geführter Bach und z.B. Windpfeifen und flatternde Dachsegel erzeugen einen die Außenbedingungen widerspiegelnden Geräuschkokon.

Der Stadtsoziologe Detlev Ipsen entwirft Muster für die stadtplanerische Komposition urbaner Klangsphären. Die 'duale Klanglandschaft' greift das aus vielen Städten bekannte Prinzip des Kontrastes auf, bei dem umtriebige, laute Areale (z.B. Märkte) häufig an kontemplative, stille Orte (z.B. Kirchen oder Parks) angrenzen. Weiter schlägt er vor, bestimmte Klangquellen so zu positionieren, dass sie aufeinander Bezug nehmen oder in eine Art Gespräch treten. Als berühmtes Beispiel hierfür können die Nebelhörner am kalifornischen Golden Gate gelten, die San Francisco mit einem changierenden Pattern satter Horntöne überdecken.
Für die Aufwertung des Akustischen
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Harmonic Bridge MP3-Datei, 2:21 Min. |
ist Musik- und Medienwissenschaftler an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und arbeitet als freier Kurator, u.a. für das Radiokunstfestival RADIO REVOLTEN in Halle/Saale. Er befasst sich mit alltäglichen und künstlerischen Formen von Audiokultur, z.B. in dem Online-Artikel 'Audio Art'. http://medienkunstnetz.de/themen/medienkunst_im_ueberblick/audio/
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Juni 2006

















