Zentrum und Peripherie

Sehnsuchtsbilder – vom widersprüchlichen Umgang mit dem baukulturellen Erbe

Dresdner Frauenkirche; Bilder vom Baugeschehen (Mai 2006); Copyright: Gesellschaft Historischer Neumarkt/Foto: Siegmar Baumgärtel

Der Jubel kannte keine Grenzen, als im Oktober 2005 die Dresdner Frauenkirche nach bald zehnjähriger Bauzeit geweiht wurde. Zuvor hatten die Trümmer der evangelischen Barockkirche fast fünfzig Jahre lang als Mahnmal im Dresdner Zentrum gestanden. Der Wiederaufbau, der in der Wendezeit 1989 als engagiertes Projekt einer kleinen Gruppe von Rekonstruktionsbefürwortern begonnen hatte, wurde zum weltweit beachteten medialen Großereignis - und zum architektonischen Normalfall auch außerhalb Dresdens.


Noch zu Beginn der neunziger Jahre stritt man in Deutschland erbittert darüber, ob die Rekonstruktion zerstörter Bauten zulässig sei. Inzwischen gibt es zahlreiche Wiederaufbauprojekte. So ist jüngst die Schlossfassade in Braunschweig wiedererstanden, hinter der sich nun ein profanes Einkaufszentrum der ECE verbirgt. Und weil das Areal des einstigen Schlosses für die gewünschte Verkaufsfläche nicht ausgereicht hätte, schließt sich seitlich an die Schlossattrappe noch ein mächtiger Neubau an.



Aber auch in Dresden setzt sich die Sehnsucht nach der Vergangenheit ungebrochen fort – zumindest, so lange sie erfolgreich zu vermarkten ist. Gleich neben der Frauenkirche wächst die Bebauung des Neumarkts empor. Sie ist Teil einer städtebaulichen Inszenierung Dresdens, in deren Kontext bereits das Taschenberg Palais (1992-95) und das Palais Cosel (bis 2000) wiedererstanden sind.

In Frankfurt am Main wird derweil kontrovers die Teilrekonstruktion der Altstadt diskutiert, sentimentale Bildreisen in eine seit über 50 Jahren verlorene Vergangenheit eingeschlossen.

Starke Bilder

Knochenhauer-Amtshaus
Frankfurts Rathaus


Ob der Römer in Frankfurt am Main oder das Knochenhaueramtshaus in Hildesheim - die Rekonstruktion untergegangener historischer Bauten beschränkt sich nicht auf die östlichen Bundesländer und sie ist keineswegs eine neue Entwicklung. Vielmehr begleitet sie die Denkmalpflege seit der Zeit um 1900. Damals stritt man über den Wiederaufbau des Heidelberger Schlosses. Inzwischen hat sich der Fokus der Rekonstruktionen jedoch verschoben. Gesucht werden starke Architekturbilder, die sich von Investoren erfolgreich als Marketingstrategien einsetzen lassen. Sie gehören zum Alltagsgeschäft der Architektur. Und da ist es letztlich egal, ob die zeichenhaften Häuser aus dem Baukasten eines Frank O. Gehry, einer Zaha Hadid stammen oder eben aus dem der Geschichte. Dass sich hinter den hübsch "historischen" Fassadenfälschungen im Regelfall moderne Stahlbetonkonstruktionen mit modernster Informationstechnik befinden, sieht man den Gebäuden nicht auf den ersten Blick an. Stattdessen geben Computersimulationen vor, dass einstige städtebauliche Zusammenhänge durch Rekonstruktionen wieder erstehen können, egal ob es sich um die Stadtschlösser in Berlin oder Potsdam handelt.

Gerade in Berlin wurde in den letzten Jahren hitzig darüber debattiert, ob anstelle des asbestverseuchten Palasts der Republik (1973/76) das in den fünfziger Jahren auf Befehl der DDR-Machthaber gesprengte Stadtschloss der Hohenzollern wieder aufgebaut werden soll. Im Jahr 2002 sprach sich daraufhin der Deutsche Bundestag dafür aus, zumindest die Fassade des Schlosses wieder zu errichten. Es soll nun den baulichen Rahmen für das neue "Humboldt-Forum" bilden. Das Humboldt-Forum wird neben wissenschaftlichen Beständen der Humboldt-Universität sowie Theater-, Kino- und Veranstaltungsräumen vor allem die außereuropäischen Sammlungen der Dahlemer Museen aufnehmen.

Doch die Fassadenrekonstruktion des Berliner Stadtschlosses kann die authentische Substanz des zerstörten Denkmals mit ihren zahlreichen Zeitspuren nicht zurückholen. Schließlich haben vom Mittelalter über die Renaissance und den Barock bis hin zum 19. Jahrhundert zahlreiche Baumeister und Handwerker ganz unterschiedlicher Epochen ihre künstlerischen Spuren an dem Denkmal hinterlassen. So gilt auch für das Berliner Stadtschloss, dass Rekonstruktionen immer nur Annäherungen an das verlorene Original bleiben.

Zerstörende Wirkung

Neumarkt Dresden

Doch weit schlimmer noch wiegt, dass "Rekonstruktionen zerstören", wie es der Denkmalpfleger Georg Mörsch, der lange an der renommierten ETH Zürich lehrte, formuliert hat. Sie zerstören den Respekt vor den wirklichen Denkmalen, vor ihrer einzigartigen Substanz. Denn die bundesdeutsche Leidenschaft für Rekonstruktionen geht keineswegs mit einem behutsamen Umgang mit wirklichen Denkmalen einher: So werden historische Bauten in den Innenstädten von Leipzig und Potsdam für große Kaufhäuser gleich blockweise entkernt. Was übrig bleibt, ist nur die dünne Fassadenhaut. Ob Barock, Historismus oder Moderne – Rekonstruktionen bedrohen die wirklichen Denkmale. Denn warum sollte man mit der Denkmalsubstanz behutsam umgehen, wenn sie doch so leicht wieder aufgebaut werden kann, besser wärmeisoliert und am günstigeren Standort?

Ohne Nachhaltigkeit

Palast der Republik

Während der Palast der Republik oder die ehemalige Fernmeldekabelfabrik (1927) in Berlin Oberschöneweide von Ernst Ziesel weichen mussten, werden andere Denkmale der Moderne wie das Doppelwohnhaus von Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung aufwändig restauriert.

Widersprüchlicher könnte der Umgang mit dem baukulturellen Erbe nicht sein. Die aktuellen architektonischen Leitbilder bewegen sich zwischen marktgängiger Geschichtscollage und Abrissforderungen, garniert mit einigen behutsamen Restaurierungen. Dass damit nicht nur Stadtbilder (re)-konstruiert werden, sondern auch Geschichtsbilder, wird dagegen in der öffentlichen Diskussion kaum reflektiert. Stattdessen wird die verklärte Sehnsucht nach der Vergangenheit zum Motor der Stadtgestaltung. Auf ihre Zukunftsfähigkeit hin wird sie dabei jedoch kaum befragt.

Dr. Jürgen Tietz
arbeitet als freiberuflicher Architekturkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2006

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