Die IBA Lausitz – eine Werkstatt für neue Landschaften

Die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land begleitet seit 2000 die Gestaltung der Lausitz nach dem Bergbau und unterstützt neue Nutzungen alter Industriemonumente. Die ostdeutsche Region war das Kohle- und Energiezentrum der DDR.
Millionen Tonnen von Braunkohle wurden dort gefördert und weiterverarbeitet. Mit der Stilllegung von 17 Tagebauen Anfang der Neunzigerjahre verschwanden auch die Arbeitsplätze, zurück blieben gigantische Kraterlandschaften und Industriegebäude ohne Funktion. Mit dem IBA-Finale 2010 wird der angestoßene Prozess längst nicht zu Ende sein. Die Neuerfindung der Lausitz steht ganz im Zeichen von Tourismus und Kulturwirtschaft.
Durch die Flutung der ehemaligen Braunkohlegruben an der sächsisch-brandenburgischen Landesgrenze entsteht derzeit eine Seenlandschaft, die mit insgesamt 14.000 Hektar Wasserfläche größer ist als der Starnberger See und der Chiemsee zusammen. 7.000 Hektar davon werden über schiffbare Kanäle verbunden. Die Flutung mit Flusswasser läuft unter der Regie des bundeseigenen Sanierungsunternehmens Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Bis zum Jahr 2015 (spätestens bis 2020) soll sie abgeschlossen sein. 23 neue Seen werden dann Besucher anlocken. Oder gleich neue Bewohner. Denn zusammen mit der LMBV und der Fachhochschule Lausitz profiliert sich die IBA auch als „Kompetenzzentrum für schwimmende Architektur“.
Schwimmende Architektur
Das ehrgeizige Ziel der 2006 gegründeten Initiative: Die Region soll sich in den nächsten Jahren als Zentrum für die Entwicklung und den Export von Architektur auf dem Wasser etablieren. Es klingt sehr visionär, schwimmende Häuser zum Markenzeichen des Lausitzer Seenlandes zu machen. Doch Ansätze dazu gibt es durchaus. Im Sommer 2006 eröffneten das erste schwimmende Ferienhaus am Partwitzer See und eine schwimmende Tauchschule auf dem Gräbendorfer See. Seit Juli 2009 kann auf dem Geierswalder See ein Musterhaus der Firma Steeltec 37 besichtigt werden – der Investor Thomas Wilde plant hier bis 2011 einen schwimmenden Wohnhafen mit 20 Häusern. Das Neue ist noch nicht fertig, und das Alte existiert nicht mehr. Auf Europas größter Landschaftsbaustelle kann man hautnah erleben, wie sich die Canyons der stillgelegten Kohlegruben Zentimeter für Zentimeter in eine Seenlandschaft verwandeln.
Reise zum Mars
Die IBA bietet verschiedene Touren in diese Zwischenlandschaften an. In Großräschen, wo sich die IBA-Zentrale und das Besucherzentrum an der Kante des ehemaligen Tagebaus Meuro befinden, startet zum Beispiel die „Reise zum Mars“, eine Wanderung auf den Grund des entstehenden Ilse-Sees. Den noch aktiven Tagebau in Welzow-Süd kann man auf einer Jeep-Safari erkunden: gigantische Bergbaugeräte und bizarre Wüstenlandschaften. Der Kohle-Bergbau in der Lausitz hat eine Tradition von 150 Jahren. Im Zuge des Strukturwandels sind viele Zeitzeugen aus Stahl und Stein inzwischen verschwunden. Einige Industrieriesen jedoch konnten mithilfe der IBA und ihrer Projektpartner gerettet werden, darunter das älteste Braunkohlekraftwerk Europas in Plessa, die Biotürme in Lauchhammer, eine einstige biologische Kläranlage für Phenolabwässer der Großkokerei, und die Abraumförderbrücke F60 in Lichterfeld, westlich von Großräschen. Als Paradebeispiel für ein gelungenes IBA-Projekt beweist die F60, dass die Industriemonumente von damals auch ein Wegweiser in die Zukunft der Region sein können.
Wegweiser in die Zukunft
Die F60, eines der größten beweglichen Arbeitsgeräte der Welt, war im Tagebau Klettwitz-Nord eingesetzt und transportierte als „verlängerter Arm der Bergleute“ den Abraum direkt über das freigelegte Kohleflöz hinweg. Nach der Schließung der Grube 1992 war der 11.000 Tonnen schwere und 500 Meter lange Stahlgigant überflüssig geworden und sollte wie viele andere Tagebaugeräte gesprengt werden. Doch dann hatte die Gemeinde Lichterfeld-Schacksdorf die Vision, die F60 zu einem Besucherbergwerk auszubauen. Mit Unterstützung der IBA wurde der Traum Wirklichkeit. Das ingenieurtechnische Meisterwerk, das wirkt, als hätte jemand den Eiffelturm in die Lausitz gelegt, ist zum Wahrzeichen und zur touristischen Attraktion geworden. Rund 70.000 Besucher pro Jahr erklimmen das Monument zu Fuß, um die Dimension des Stahlriesen und die Weite der Landschaft zu erkunden. Die F60 ist Schauplatz von Konzerten und Veranstaltungen und wird nachts sogar zum Kunstwerk. Eine Licht-Klang-Installation von Hans Peter Kuhn überzeichnet die Kontur der Abraumförderbrücke mit einer „Lichtschraffur“ und belebt den Koloss durch den Klang verschiedener Arbeitsgeräusche aus Lautsprechern.Die IBA steht kurz vor ihrem Finale, die Neugestaltung der Bergbaufolgelandschaft ist jedoch noch lange nicht beendet. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob die insgesamt 25 Projekte, die die IBA begleitet, wirtschaftlich tragfähige Strukturen entwickelt haben. Denn nur so können sie die Zukunft der Lausitz in eigener Regie weiter gestalten.
Elisabeth Schwiontek
ist freie Journalistin in Berlin.
ist freie Journalistin in Berlin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2009
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