Spurensuche - Nachdenken über Geschichte im öffentlichen Raum

Der deutsche Begriff des „Denkmals“ beinhaltet wörtlich dessen vorrangige und eigentliche Funktion: eine Markierung im öffentlichen Raum zu sein, die zum „Denken“ auffordert und die Hinweise auf Spuren der Geschichte bietet. Ein wesentlicher Kritikpunkt in der zeitgenössischen Debatte um Denkmalkonzepte ist jedoch, dass zahlreiche Denkmäler genau diese Funktion nur unzureichend erfüllen.Denkmäler abstrahieren und suchen das allgemein Verbindliche. Sie erheben den Anspruch, Ausdruck einer kollektiven Stellungnahme zu historischen Ereignissen zu sein, doch oft genug werden dem individuellen Betrachter kaum oder zu wenig Anhaltspunkte für eine eigenständige Reflexion gegeben.
Erinnerungs-Haken
An diesem Punkt versuchten seit den 1980er Jahren deutsche wie internationale Künstler kritisch und kreativ anzuknüpfen. Sie legten Konzepte vor, die einen alternativen Zugang zum Nachdenken über Geschichte im öffentlichen Raum eröffnen sollten. Im Zentrum zahlreicher dieser Ansätze stand die Überlegung, auf einen klassischen, erhabenen Denkmaltyp zu verzichten und stattdessen ebenso unauffällige wie überraschende „Erinnerungs-Haken“ im öffentlichen Raum zu installieren. Diese Suche nach alternativen Erinnerungsprojekten war grundsätzlicher Art, doch wurde sie in Deutschland vor allem in Zusammenhang mit einer Reihe von jüngeren Mahnmalen gegen den Faschismus manifest. Gunter Demnigs „Stolpersteine“, die er in zahlreichen deutschen Städten verlegen ließ, verdeutlichen dieses Konzept exemplarisch: Vor den Hauseingängen der Wohnungen von Menschen, die während des Nationalsozialismus deportiert worden waren, erinnern Pflastersteine mit den Namen der Deportierten an deren Schicksal. Der Betrachter „stolpert“ über diese Spuren und wird zum Nachdenken aufgefordert.
Spuren im Alltag
Eine in dieser grundsätzlichen Absicht vergleichbare Aktion realisierten die beiden Berliner Künstler Renata Stih und Frieder Schnock 1993 im Berliner „Bayerischen Viertel“ im Stadtteil Schöneberg als Mahnung gegen Antisemitismus. Stih und Schnock ließen 80 farbige Doppelschilder an den Straßenränder aufstellen, die auf den ersten Blick an alltägliche Verkehrsschilder oder Werbehinweise erinnern. Erst beim genaueren Blick wird deutlich, dass die Vorderseiten der Schilder mit Piktogrammen versehen sind, die sich auf Texte an der Rückseite beziehen. Deren Aussagen wurden nationalsozialistischen Verordnungen und Gesetzen zur sukzessiven Ausgrenzung jüdischer Bürger entnommen. Das Piktogramm einer Ruhebank beispielsweise verbindet sich in diesem Konzept mit einem Verordnungstext, der jüdischen Bürgern lediglich die Benutzung spezifisch für Juden ausgewiesener Ruhebänke erlaubte.Recherche
Schließlich sei noch auf ein Projekt des französischen Künstlers Christian Boltanski hingewiesen, das er 1990 im Berliner Bezirk Mitte realisierte. Boltanskis Arbeit The Missing House konzentrierte sich auf die Baulücke eines kriegszerstörten Hauses in der Großen Hamburger Straße, deren Umgebung bis in die 1930er Jahre einen hohen Anteil an jüdischer Bevölkerung aufwies. Der Künstler recherchierte in Archiven die ehemalige Bewohnerstruktur des zerstörten Hauses und stellte dabei fest, dass die jüdischen Bewohner durch die Nationalsozialisten vertrieben oder deportiert worden waren. Zur Erinnerung an die ehemaligen Bewohner wurden Tafeln mit ihren Namen, ihren Berufen und ihren Wohndaten an den Brandwänden der angrenzenden Gebäude angebracht. Die Leerstelle des zerstörten Hauses wird somit mit den Hinweisen auf seine früheren Bewohner verknüpft, die dadurch aus ihrer Anonymität geholt werden. Boltanski verband seine Installation mit der Präsentation seiner Recherche-Ergebnisse, die dem Besucher zusätzliche Informationen zu den Einzelschicksalen gaben. Die Arbeit ging später in den Besitz des Bezirksamt Berlin-Mitte über, heute sind die Archivalien im Heimatmuseum des Bezirks einzusehen. Boltanskis Ziel war es, zwischen dem exemplarischen und „authentischen“ Ort einerseits und den recherchierten Einzelbiographien andererseits einen „Gedächtnisraum“ zu eröffnen, der die reflektierende Eigeninitiative des Betrachters anregen soll.
All den exemplarisch angesprochenen Projekten gemeinsam ist der Versuch, die Arbeit der Erinnerung und die daraus resultierende individuelle moralische Positionierung vom tradierten und erhabenen Denkmaltypus loszulösen. Vielmehr sollen historische Spuren in der Alltagswelt verankert werden, die zum eigenständigen Denken auffordern und auf die Notwendigkeit einer alltäglichen kritischen Verantwortung des Einzelnen verweisen.
Paul Sigel
ist Kunst- und Architekturhistoriker
ist Kunst- und Architekturhistoriker
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2005















