Counter-Monuments - Kritik am traditionellen Denkmal

Der US-amerikanische Anglist und Judaist James E. Young prägte in Zusammenhang mit den Debatten um zeitgemäße Denkmalskonzepte in den 1990er Jahren den Begriff der „Counter-Monuments“. Youngs Terminus verwies auf eine künstlerische Denkmalkritik, die sich von einer traditionellen Denkmal-Ikonographie bewusst verabschiedet beziehungsweise diese ad absurdum führt. Durch die Inszenierung des „Verschwindens“ von Denkmälern soll darauf aufmerksam gemacht werden, dass Denkmäler zwar Verweise auf historische Zusammenhänge aufzeigen, jedoch niemals die öffentliche und individuelle Verantwortung für kritisches Erinnern und verantwortungsbewusstes Gedenken ersetzen können.
Kritik am traditionellen Denkmal
Ein grundlegender Gedanke Youngs, den er zur Begründung dieser alternativen Denkmalkonzepte anführte, war die These vom „geschichtsrevisionistischen Potential“ vieler traditioneller Denkmalsetzungen. Hinter dieser provokanten Überlegung stand die Beobachtung, dass zahlreiche Denkmäler weniger Anstöße zur Auseinandersetzung mit komplexen historischen Sachverhalten bieten, sondern eher Ausdruck eines abgeschlossenen und mitunter eindimensionalen Interpretationsprozesses sind. Youngs Gedankengänge spiegeln wesentliche Themen der zeitgenössischen Auseinandersetzung um Denkmale - und damit um die Qualität des öffentlichen Geschichtsbewusstseins - wider.Die Debatte um die Neue Wache
Exemplarisch entzündete sich diese Debatte am Beispiel der Neueinrichtung der Neuen Wache in Berlin als nationalem Mahnmal. Der Bau von Karl Friedrich Schinkel von 1816 wurde ursprünglich als königliches Wachgebäude genutzt und diente seit der Weimarer Republik, seit 1931, als Kriegsgedenkstätte. Zu DDR-Zeiten wurde die Neue Wache zu einem antifaschistischen Mahnmal umgebaut. 1993 wurde das Gebäude unter maßgeblicher Prägung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl erneut umgestaltet und zu einem „Mahnmal gegen Krieg und Gewaltherrschaft“ umgewidmet. Bereits in dem unspezifischen Verweis auf „Krieg“ und „Gewaltherrschaft“ sahen zahlreiche Kritiker eine Tendenz zur pauschalen Verallgemeinerung und einen Mangel an prägnanter Aussagekraft. Dazu kam die umstrittene Aufstellung einer Plastik nach dem Vorbild einer Arbeit von Käthe Kollwitz, die eine Mutter mit totem Sohn zeigt. Die Denkmal-Inszenierung erhielt dadurch zwar einen emotional ansprechenden, aber ebenfalls historisch wenig aussagekräftigen Gesamtcharakter. Anstatt eine klare Differenzierung von Tätern und Opfern sowie von Ursache und Folge vorzunehmen, wurde hier eher ein universaler Ausdruck von Trauer und Versöhnung angestrebt. Die starke Kritik seitens zahlreicher Politiker und Denkmalexperten führte im Nachhinein dazu, dass am Eingang zusätzliche Tafeln angebracht wurden, die auf die verschiedenen Opfergruppen hinweisen.
Alternative Denkmalkonzepte
Das Beispiel der Neuen Wache macht die Kritik an der Aussagekraft zahlreicher Denkmäler deutlich. Die Debatte provozierte auch die Frage, ob es möglich ist, Denkmalkonzepte zu entwickeln, die sich der Gefahr der historischen Verengung entziehen und die mehr leisten können als nur Ausdruck abgeschlossener und eventuell sogar ideologisch überformter Geschichtsinterpretation zu sein. Kritik am traditionellen Denkmal und der Versuch Alternativen aufzuzeigen, sind daher auch Gegenstand der Arbeit einer Reihe von Künstlern, die im Lauf der letzten 20 Jahre durch bemerkenswerte Konzepte auf sich aufmerksam gemacht haben.
Das Denkmal als Leerstelle – die Arbeiten von Horst Hoheisel und Jochen Gerz/Esther Shalev-Gerz
Einer der bemerkenswertesten Künstler in dieser Hinsicht ist Horst Hoheisel. Sein „Negativ-Denkmal“ in Kassel wurde 1987 als Mahnmal für den von den Nazis als „Judenbrunnen“ bezeichneten und zerstörten „Aschrott-Brunnen“ konzipiert. Der ursprüngliche Bau war eine Stiftung des deutsch-jüdischen Unternehmens Sigmund Aschrott und wurde 1908 als repräsentative Brunnenpyramide aufgestellt. Hoheisel griff in seiner Arbeit diese Pyramidenform wieder auf, versenkte sie jedoch als Trichter in die Tiefe, so dass der Bau an der Platzoberfläche kaum mehr in Erscheinung tritt. „Der Besucher ist das Monument“, so Hoheisels Kommentar zu seinem „negativen“ Spiegelbild des zerstörten Baus, wodurch der Künstler nicht nur ein traditionelles Denkmalkonzept ad absurdum führt, sondern auch auf die alltägliche historische Verantwortung und Reflexionsfähigkeit der Bürger verweist.Ein weiteres und ebenso prägnantes Beispiel ist eine Arbeit des Künstlerpaars Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz. An einer Fußgängerbrücke in Hamburg-Harburg stellten sie 1986 eine 12 Meter hohe Stele mit Bleimantel auf. Das als „Denkmal gegen Faschismus und Krieg“ bezeichnete Objekt erinnerte durch seinen Pfeilercharakter zunächst entfernt an ein traditionelles Denkmal. Gleichzeitig wurde von den Künstlern dazu eingeladen, die Oberfläche der Stele mit persönlichen oder politischen Bemerkungen zu beschriften. Sukzessive wurde das Denkmal im Laufe der folgenden Jahre abgesenkt, seit 1993 ist es vollständig von der Oberfläche verschwunden und lediglich durch ein Fenster einzusehen. Das Denkmal, so Gerz, könne dem mündigen Bürger nicht die Verantwortung für ein aktives und kritisches Politik-Bewusstsein abnehmen, denn – wie auf einer Bodenplatte neben dem versunkenen Denkmal zu lesen ist – „nichts kann sich auf Dauer an unserer Stelle gegen das Unrecht erheben“. Die Künstler schufen durch dieses Konzept ein prägnantes Bild vom „Verschwinden des Denkmals“.

Die Leerstellen dieser Negativ-Denkmäler von Hoheisel und Gerz verweisen nicht nur auf historische Brüche und Verluste; sie delegieren die Aufgabe des Erinnerns und des moralisch begründeten Handelns direkt zurück an den Besucher.
ist Kunst- und Architekturhistoriker
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November 2005















