Zeitgenössische Denkmalkonzepte in Deutschland

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin

Denkmal für die ermordeten Juden Europas; Copyright: picture alliance, dpaBesucher im Stelenfeld, Denkmal für die ermordeten Juden Europas, September 2005, Foto: Yara Lemke, Copyright: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden EuropasWenn man in der deutschen Hauptstadt zu einem Taxifahrer sagt: „Bringen Sie mich bitte zum Mahnmal!“, kommt keine Rückfrage – und man gelangt, meist mit hinlänglichen Kommentaren versehen, zum Stelenfeld nahe dem Brandenburger Tor. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas avancierte seit seiner Eröffnung im Mai 2005 zu einer der touristischen Attraktionen Berlins. Ein Stein des Anstoßes bleibt es dennoch.

Das Stelenfeld mit seinen 2.711 Betonquadern prägt das Zentrum der Hauptstadt zwischen Pariser und Potsdamer Platz in einer Selbstverständlichkeit, als wäre es schon immer dort gewesen. Fast vergessen sind die jahrelangen Debatten um das Ob und Wie eines zentralen deutschen Holocaustdenkmals in den 1990er Jahren.

Jahrelange Debatten

Prof. Eisenman prüft die Qualität der Probestelen im Betonwerk; Foto: StiftungDen Anstoß zu diesem Vorhaben gab 1988 ein Kreis um den Historiker Eberhard Jäckel und die Publizistin Lea Rosh. Dem Förderkreis zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas e. V. gelang es in den folgenden Jahren, große Teile der Öffentlichkeit für die Verwirklichung seines Vorhabens zu gewinnen. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Abbau der Grenzanlagen der DDR 1989/90 entstand die Idee, das Denkmal auf der freigewordenen Brachfläche in den früheren Ministergärten – südlich des Brandenburger Tors – zu errichten. Mitte der 1990er Jahre fanden zwei Architekturwettbewerbe statt. Der Deutsche Bundestag beschloss am 25. Juni 1999 in einer seiner letzten Sitzungen in der alten Bundeshauptstadt Bonn - nach lebhafter Debatte, mehrheitlich und fraktionsübergreifend - den Bau des Holocaustdenkmals nach dem Entwurf von Peter Eisenman, ergänzt durch einen Ort der Information. Mit diesem Denkmal, so das Parlament, will Deutschland die von den Nationalsozialisten ermordeten sechs Millionen Juden ehren und die Erinnerung an ein unvorstellbares Geschehen der deutschen Geschichte wach halten.

Tag und Nacht frei zugänglich und begehbar

Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin; Copyright: Bundesbildstelle/ Andrea BienertAnfang April 2003 begann der Bau. Als die ersten Stelen montiert waren, wurde im Oktober bekannt, dass ihr Graffitischutz ein Produkt der Firma Degussa ist. Eine Tochter der Degussa, die Degesch (Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung), hatte während der NS-Zeit das Giftgas Zyklon B vertrieben, durch das Millionen Menschen, vor allem europäische Juden, ermordet worden waren. Es kam zum Baustopp. Nach vierwöchiger öffentlicher Diskussion über den Umgang mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit entschied das Kuratorium unter Vorsitz des damaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse Mitte November 2003, den Bau mit Degussa-Produkten fortzusetzen. Am 12. Mai 2005 konnte das Denkmal für die ermordeten Juden Europas – Stelenfeld und Ort der Information – dann der Öffentlichkeit übergeben werden. Schmierereien gab es seitdem kaum.

Stelen des Holocaust-Mahnmals in Berlin. Copyright: Bundesbildstelle/Guido BergmannBereits kurz nach der Übergabe gab es erneut eine Debatte darüber, was Besucher im Stelenfeld dürfen und was nicht. Der Umgang der Menschen mit diesem Denkmal ist auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, und so gibt es zuweilen Kinder, die Fangen spielen, oder junge Menschen, die von Stele zu Stele springen. Doch zugleich gibt es Unzählige, die Blumen, Kränze, Kerzen oder – wie auf einem jüdischen Friedhof – Steine niederlegen. All dies gehört zum Wagnis, mitten im Leben, mitten in der deutschen Hauptstadt, eine 19.000 Quadratmeter große, Tag und Nacht frei zugängliche und begehbare Plastik zu errichten. Und die Bilanz zeigt, dass sich die Mehrheit angemessen verhält – ohne umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen oder Verbotsschilder.

Raum der Dimensionen, Denkmal für die ermordeten Juden Europas, April 2008, Foto: Marko Priske, Copyright: Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden EuropasIm unterirdisch angelegten `Ort der Information´, Copyright: Bundesbildstelle/Andrea Bienert

Personalisierung der Erinnerung

Wenngleich das Stelenfeld als Postkarten- und Werbemotiv das Bild vom Denkmal prägt, ist der unterirdische Ort der Information eine der meist besuchten Ausstellungen Berlins. Die Funktion der dortigen Ausstellung besteht darin, die abstrakte Form der Erinnerung, die die Stelen vermitteln, durch Informationen zu den Opfern und zum Mord an den europäischen Juden zu ergänzen. Diese Personalisierung von Erinnerung erfolgt unter anderem durch die Darstellung exemplarischer Familiengeschichten aus den sehr unterschiedlichen jüdischen Lebenswelten, die durch den Holocaust zerstört wurden, und durch die Verlesung von Namen und Kurzbiographien ermordeter oder verschollener Juden über Lautsprecher. Zugleich wird anhand von über 200 Orten die Ausdehnung der Verfolgung und Vernichtung auf ganz Europa dokumentiert. Nicht zuletzt dient der Ort der Information als virtuelles Portal zur vielfältigen Gedenkstättenlandschaft in Deutschland und Europa. Ebenso ist der gesetzliche Auftrag, die Erinnerung an alle Opfer des Nationalsozialismus wach zu halten, Teil des Konzepts der historischen Präsentation.

Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, Copyright: Elmgreen u.DragsetAufgrund dieser Verpflichtung betreut die für das Holocaustdenkmal zuständige Bundesstiftung auch das am 27. Mai 2008 eröffnete Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen im Großen Tiergarten und später das noch im Bau befindliche Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma nahe dem Reichstagsgebäude.

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist – allen Befürchtungen zum Trotz – kein Schlussstrich unter die nationalsozialistische Vergangenheit, sondern ein lebendiger Ort der Aufklärung und der Begegnung, der als solcher wahr- und angenommen wird. Als zentrales Denkmal des wiedervereinigten Deutschland erinnert es an die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden – und mahnt für die Gegenwart.

Uwe Neumärker
ist Geschäftsführer der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin

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Juli 2008