Kette und Schuss – Architektur-Hüllen aus metallenen Geweben und Textilien
An die Stelle von Mauerwerk, Stahl und Glas treten heute neue Materialien zur Komposition und nachhaltigen Gestaltung von Gebäuden und ihren Fassaden. 
Fast zeitgleich mit den Planungen von Frei Otto und Günter Behnisch für das legendäre Zeltdach des Olympiastadions in München entwickelten Christo und Jeanne-Claude Ende der 1960er-Jahre die ersten Ideen für das Projekt „Wrapped Reichstag“ in Berlin. Beide Planungen – wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven – umfassen grundlegende technische und künstlerisch-ästhetische Überlegungen, wie sich textile Leichtigkeit und Architektur miteinander verbinden lassen. Während die schwebenden Konstruktionen und Zeltdachlösungen 1972 bei der Olympiade weltweit als innovative deutsche Architektur und Ingenieurleistung bestaunt wurden, mussten die beiden amerikanischen Künstler noch viele Hürden überwinden, bis sie ihr Projekt realisieren konnten. Auch ihre Aktion war bis ins kleinste Detail geplant. Die vorgefertigten Gewebebahnen und Metallgerüste waren exakt so bemessen, dass sie den schwerfälligen historistischen Reichtagsbau von Paul Wallot unter Gewebeplanen verschwinden ließen. Im Sommer 1995 wurde die Architektur schließlich mit einem veredelten Gewebe aus aluminiumbedampften Polypropylen verpackt. Die Umsetzung dieses Projekts wurde zum Symbol für das wiedervereinigte Deutschland und zog fünf Millionen Besucher an.
Stoffliche Metamorphose unter einem transluzenten Schleier

Die stoffliche Metamorphose des Baus unter einem transluzenten, also lichtdurchlässigen, Schleier, der wie ein Kleid oder eine neue Haut über das Gebäude gelegt war, beflügelt seitdem eine Reihe von Architekten und Ingenieuren zu neuen, an textilem Design orientierten Fassadenlösungen. Die Gleichzeitigkeit von Stabilität und Wandel, hinter deren faszinierender und geheimnisvoller stofflicher Ummantelung sich Erwartungen auf das Verhüllte verbergen, zitieren die Münchner Architekten Allmann, Sattler und Wappner nicht nur in der Bearbeitung der gläsernen Hülle im Hauptbau ihrer im Jahr 2000 fertiggestellten Herz-Jesu-Kirche, sondern auch am Glockenturm.
Der Turm besteht aus sich nach oben hin verdichtenden Metallgeweben, die aus rechtwinkligen Maschengittern zusammengesetzt sind. In der Überlagerung von bis zu fünf Gitter-Schichten bildet sich ein Moiré-Effekt, ein Schauspiel figürlicher Abbildungen. Dieses verhüllende Tuch aus Metall ummantelt die Glockenhaube aus Holz und bildet ein Kleid, das mit dem verborgenen Körper in Beziehung steht. Das „Spinnen“ und „Weben“ von Stoffen erhält hier im religiösen Kontext der Arbeit an der „Weltenwebe“ eine überirdische Konnotation.
Ein Reif aus metallenen Stahlbändern
Von eher irdischer Verbundenheit zeugt die Metallhaut für die 2004 fertiggestellte Geschäftsstelle der Firma Südwestmetall in Heilbronn. Architekt Dominik Dreiner entwickelte ein Metallgeflecht aus 0,4 Millimeter flachen und 50 Millimeter breiten, nicht rostenden Stahlbändern, das sich wie ein glänzender, geflochtener Rahmen oder Reif um den eingeschossigen großflächig verglasten Baukörper legt.
Bahnen aus Metall
Die aus der Industrie- und Baustellenplane weiterentwickelten modellierbaren Streckmetallfassaden verwendete das Architekturbüro Petzinka Pink aus Düsseldorf 2003 für die Umnutzung der denkmalgeschützten Jahrhunderthalle auf dem ehemaligen Bochumer Krupp-Gelände. Hinter einer schützenden Hülle aus weitmaschigen und quadratischen Streckmetallelementen, die sich wie eine schuppenartige Verkleidung über die alten Mauern legt, verbirgt sich heute ein multikultureller Veranstaltungsort: die Montagehalle für Kunst. Bahnen aus Metall oder Stoff können heterogene Gebäudeformen zu einer Einheit zusammenfassen und sie verbinden. Sie schützen Fassaden oder lassen große Volumen schrumpfen.
Die Gruppe OMP Architekten aus Rastede und der Lüneburger Architekt Frank Möller nutzten die Leichtigkeit und Lichtdurchlässigkeit der Streckmetallmaschen 2011 für ihre 102 Meter lange Fassade der Werkstätten, Lager und Büros des Technischen Gebäudedienstes auf dem Campus der Lüneburger Leuphana Universität. Als grob gerastertes Bild spiegelt sich die Umgebung in dem metallischen membranartigen Flechtwerk.
Textile Fassadennetze zur Energieeffizienz
Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Kostenoptimierung waren die Ziele der Architektin Gesine Lingens aus Fintel, als sie bei der Gestaltung des Passiv-Bürohauses für die Firma Polyplan einfache und innovative Materialien aus dem Industriebau einsetzte. Anstelle von Holz wählte Lingens für die Fassade des 2008 in der Bremer Überseestadt realisierten Gebäudes ein farbiges, vor Wind und Wetter schützendes, UV-beständiges und zugfestes Netz, das straff um den Baukörper gespannt ist. Befestigt ist dieses Kunststoffnetz mit rostfreien Schrauben, Aluscheiben und Dichtgummi. Es stammt ursprünglich aus dem Bereich Gartenbau und wird von einer kleinen Firma in Vorarlberg produziert.
Variabel und vielseitig
Die Variabilität ist der Grund, warum textile Fassaden auch für private Wohnhäuser verwendet werden. Das 2008 fertiggestellte smac house in Potsdam von kleyer.koblitz.letzel.freivogel.architekten und Julia Bergmann ist mit einer textilbespannten Außenpaneele versehen, die wie eine zweite Hülle vor der eigentlichen Außenwand steht, aber auch nach Bedarf verschiebbar ist. Tagsüber schimmert die rot verputzte Hausfassade farblich changierend durch das graue Textilgewebe. In der Abendstimmung bestimmt die Tiefenwirkung der erleuchteten Räume das hinter einem feinen Schleier verhüllte Gesicht des Hauses.
Ute Maasberg
ist Kuratorin und Publizistin. Sie lebt in Hannover.
ist Kuratorin und Publizistin. Sie lebt in Hannover.
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August 2012
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Links zum Thema
- Allmann Sattler Wappner Architekten


- Dominik Dreiner Architekt

- Frank Möller Architekten

- Petzinka Pink Technologische Architektur

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- Architekturbüro Gesine Lingens

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