Neue Architektur in Deutschland

Ein Glücksfall und nicht die Regel – das KfW-Hochhaus in Frankfurt am Main

Übermäßig hoch ist es gar nicht, das Hochhaus der Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW in Frankfurt am Main. Hochhaus genug ist es trotzdem, wie die Auszeichnung mit dem international renommierten Annual Award 2011 als bestes Hochhaus der Welt zeigt. Der Award wird vom Council on Tall Buildings and Urban Habitat (CTBUH) in Mies van der Rohes Illinois Institute of Technology in Chicago vergeben.

KfW-Hochhaus Frankfurt, KfW-Bildarchiv, Foto: Thomas Klewar

Die KfW, eine staatliche Bank, zu deren Aufgaben es gehört, staatliche Fördermaßnahmen finanztechnisch abzuwickeln, unterstützt schwerpunktmäßig Baumaßnahmen, die der energetischen und ökologischen Optimierung dienen. Keine Frage, dass die Bank bei den eigenen Dienstgebäuden in puncto Nachhaltigkeit mit leuchtendem Beispiel vorangehen will. So geschah es beim Neubau des Erweiterungsgebäudes „Westarkade“ am angestammten Standort in Frankfurt am Main. Unmittelbar neben dem Stadtpark Palmengarten entstand das 14-geschossige Gebäude für die IPEX-Bank. IPEX ist eine Tochter der KfW, die sich mit der Finanzierung von deutschen Investitionen im Ausland befasst, etwa von größeren Schiffen.

Innovation und zeichenhafte Präsenz

KfW-Hochhaus in Frankfurt, Foto: Sebastian Melzer

Architekten des Neubaus sind Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton aus Berlin. Sie gehören zu jenen Baukünstlern, die sich das Thema Ökologie schon frühzeitig auf die Fahnen geschrieben haben. Mit dem GSW-Hochhaus in Berlin hatten sie einen ebenfalls mehrfach preisgekrönten Bau vergleichbarer Dimension realisiert, der energietechnisch innovative Wege aufzeigte und der mit seinem ausgeprägten Farbkonzept Zeichen setzte.
Beides, technische Innovation und exklusive, zeichenhafte Präsenz, strebte die KfW in Frankfurt an und beauftragte die Gewinner des Wettbewerbsverfahrens mit dem Bau, der sich trotz der für Frankfurter Verhältnisse moderaten Bauhöhe aus dem Bürobaueinerlei herausheben sollte.

Fassade im Farben- und Musterspiel

KfW-Hochhaus Frankfurt, Fassade, KfW-Bildarchiv, Foto: Thomas Klewar

Das ist zweifellos geglückt. Die Autofahrer heben unwillkürlich den Blick, um den Turmbau zu mustern. Und sie müssen verkehrsbedingt den Blick schon wieder lösen, bevor sie das Prinzip der Fassadengestaltung richtig durchschaut haben. Wie ein Vexierbild spielt der tausendfach verpixelte Bau mit Farben und Mustern und wechselt chamäleonhaft die Farben. Farbträger sind nur die schmalen, sägezahnartig heraustretenden Lüftungsklappen, deren Wahrnehmbarkeit zudem vom individuellen Öffnungswinkel abhängt. Entlang der Zeppelinallee herrschen Rottöne vor, die mit dem in Frankfurt anzutreffenden roten Sandstein und den Ziegeldächern korrespondieren. Mit Blautönen antwortet das Haus auf das benachbarte stahlblaue Haupthaus des Unternehmens, während nach Norden, zum Palmengarten hin, Grüntöne vorherrschen.

Ausgeklügelte Lüftungstechnik

KfW-Hochhaus Frankfurt, Fensterdetail, KfW-Bildarchiv, Foto: Holger Peters

Ursache für das ungewöhnlich komplexe Fassadenbild ist auch die Konstruktion der Doppelfassade aus vorgefertigten Elementen. Die Außenfassade besteht aus geschosshohen Gläsern, die innere aus einer Doppelverglasung in hochwärmegedämmten Aluminiumprofilen. Jedes zweite Innenfenster lässt sich öffnen, sodass Frischluft wettergeschützt durch die schmalen äußeren Lüftungsklappen individuell in die Räume gelangen kann. Die Klappen sind Teil des ausgeklügelten Lüftungssystems, das mit einem „Druckring“ zwischen den Fassadenschichten arbeitet. Schon die Stromlinienform des Gebäudes ist daraufhin konzipiert und richtet sich nach der Hauptwindrichtung. Mit den Lüftungsklappen kann der Druck automatisch geregelt werden. Verbrauchte Luft wird im Inneren abgesogen und der Wärmerückgewinnung zugeführt. Zusätzlich dient ein Erdkanal zur Temperierung von Zuluft. So wird in allen Fällen – Sommer und Winter, Tag und Nacht, Kühlung und Heizung – durch eine intelligente Haustechniksteuerung die energetisch optimale Konzeption ermöglicht.

Flexible helle Atmosphäre

KfW-Hochhaus Frankfurt, KfW-Bildarchiv, Foto: Thomas Klewar

In den Bürogeschossen ergeben sich durch die Grundrissform geschwungene, vom Tageslicht erhellte Flure, die von den Architekten mit rotem Linoleumboden, raumhohen Glastüren, kontrastierenden Schattenfugen und Rundleuchten perfekt detailliert wurden. Das Grundriss-System lässt verschiedene Bürokonstellationen zu, wenngleich zunächst nur Einzelbüros eingerichtet sind.  Wer gerne den Blick schweifen lässt, wird sich nur bei Nebel voll auf die Arbeit konzentrieren können, bietet doch die großzügige Verglasung vor allem aus den oberen Stockwerken beste Aussichten auf die Umgebung und die Skyline der Stadt.

KfW-Hochhaus Frankfurt, KfW-Bildarchiv, Foto: Holger PetersFührt man sich die Anforderungen vor Augen, die heute an ein innerstädtisches Hochhaus gestellt werden – moderate Höhe, Dialog mit der Nachbarschaft, optimale Innenraum- und Arbeitsplatzqualitäten, ökonomische und nachhaltige Bau- und Betriebsweise – so wird ihnen das Haus auf beeindruckende Weise gerecht. Dass das Bürohaus darüber hinaus auch vom Normalbürger als schön und interessant angesehen wird, ist ein Glücksfall und keineswegs die Regel.

Falk Jaeger
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2012

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