Neue Architektur in Deutschland

Bauskulptur aus rotem Stein – ein Neubau für das Heidelberger Schloss

Das Heidelberger Schloss zählt zu den bedeutenden Bauwerken der Renaissance in Deutschland. An diesem romantischen Ort hat der renommierte Schweizer Architekt Max Dudler ein neues Besucherzentrum errichtet.

Besucherzentrum im Heidelberger Schloss, Foto: Stefan Müller

Der Schweizer Architekt Max Dudler (Jahrgang 1949) arbeitet gerne mit Stein, denn sein Vater war Steinmetz und weckte in ihm die Liebe zum Naturmaterial. Gerade bei historisch bedeutsamen Aufgaben beweist Dudler seine Qualitäten als bekennender Steinbaumeister. Dies zeigt die Erweiterung des demokratischen Erinnerungsortes „Hambacher Schloss“ und aktuell auch der Neubau des Besucherzentrums am romantischen Heidelberger Schloss.

Dudler wollte „keine Gegenwelten erfinden“, sondern aus der gegebenen Materialität, „aus der Geschichte heraus etwas Neues entwickeln, transformieren und damit Geschichte im aktuellen Kontext fortschreiben“. Beim Heidelberger Schloss war der Neubau mit Naturstein für Dudler zwingend: „Die Ruine wirkt wie ein Gebirge aus rotem Sandstein; weiterbauen kann man das nur mit dem gleichen Material, wenn auch in zeitgenössischer Interpretation“.

Von der Burg zur Schlossruine

Besucherzentrum im Heidelberger Schloss, Eingangshalle, Foto: Stefan Müller

Mit rund 1,4 Millionen Besuchern im Jahr ist das Heidelberger Schloss eines der beliebtesten Touristenziele in Deutschland. Um diesem Ansturm standzuhalten, wurde das neue Besucherzentrum gebaut und im Frühjahr 2012 eröffnet. Seit 400 Jahren ist es das erste neue Bauwerk an historischer Stelle, an der um 1300 zunächst eine Burg stand. Mehrere Jahrhunderte dauerte der Prozess, der das Heidelberger Schloss zu einem mächtigen Monument unterschiedlicher, ineinander verwobener Stilfacetten aus Romanik, Gotik, Renaissance und Barock formte. Das in rotem Sandstein erbaute Schloss war prächtige Residenz der Kurfürsten von der Pfalz, bis es im Pfälzischen Erbfolgekrieg um 1693 zerstört wurde. Das Schloss verfiel, bis die Romantik das efeuumrankte Idyll in Dichtung und Malerei feierte. Im 19. Jahrhundert konservierte die Denkmalpflege das Heidelberger Schloss als historische Ruine. Nur der Friedrichsbau wurde als Museum im Stil der Neorenaissance rekonstruiert. Für den Besucher von heute ist dieses reizvolle Ensemble hoch oben über Alt-Heidelberg ein wunderschönes Bild der Erinnerung an das Romantische Deutschland.

Bauskulptur aus Neckartäler Sandstein

Besucherzentrum im Heidelberger Schloss, Foto: Stefan Müller

Das langgestreckte neue Besucherzentrum liegt außerhalb des alten Wehrrings am Eingangsportal zum Schloss und zum Garten (Hortus Palatinus). Flankiert wird es von einem alten Gärtnerhaus und von der historischen Sattelkammer. Auf den ersten Blick erscheint das neue Haus wie eine begehbare Skulptur aus rotem Stein, in der tiefe Einschnitte Fenster und Eingänge markieren. Trotz seiner sehr ruhigen, puristischen Erscheinung fügt sich dieser in der Höhe gestaffelte Baukörper mühelos in das historische Ensemble ein. Max Dudler gelingt dieser Kunstgriff, indem er sich auf Material, Ordnungsstrukturen und Gebäudeelemente aus dem Schlossbereich bezieht. Dies lässt sich an vielen Beispielen ablesen: So wählte Dudler in Anlehnung an den roten Sandstein des Schlosses für die Fassade des Besucherzentrums den für Heidelberg typischen Neckartäler Sandstein.

Fast fugenlos gesetzt wirken diese rauen maschinell gespaltenen Steine wie monolithische Mauern. Diese lassen assoziativ das Thema „Burgeinfriedung“ anklingen. Die massiven über zwei Meter tiefen Fensterlaibungen des Neubaus verweisen außerdem ganz konkret auf die ebenfalls tief eingeschnittenen großformatigen Öffnungen der benachbarten Sattelkammer. Auch die bewusste Platzierung des Neubaus dient dem Einfügen in den historischen Kontext: Dudler setzt das Besucherzentrum auf Abstand direkt vor eine denkmalgeschützte Stützmauer und schafft dadurch eine schmale Gasse, die zwischen Alt und Neu vermittelt. Diese romantische „Schlossgasse“ führt von außen direkt auf die Dachterrasse des Besucherzentrums.

Südliche Akzente

Besucherzentrum im Heidelberger Schloss, Terrasse, Foto: Stefan Müller

Im Innern des Hauses zeigt sich, dass die Mauerstärke der Außenwände nicht nur eine historische Referenz ist, sondern auch praktische Gründe hat: In diesen dicken Mauern verbergen sich diskret und unsichtbar Technikräume und Treppen. Das Zentrum des schmalen Gebäudes bildet die weite, helle Besucherhalle mit dem Shop und der Kasse. Hier laden eigene für dieses Haus entworfene Sitzgelegenheiten aus Holz zum Verweilen und Entspannen ein. Der organisch fließende Raum, der sich fast über die gesamte Außenlänge des Hauses erstreckt, ist zurückhaltend, aber edel gestaltet. Weiß verputzte Wände, Lichtdecken, hellgrau schimmernder Terrazzo und maßgefertigte Kirschholzeinbauten vermitteln eleganten Lobbycharakter.

In diesem klaren Raum ergibt sich die optische Trennung der einzelnen Funktionsbereiche, zwischen denen der Besucher zwanglos umherwandern kann, wie von selbst. Die mit tiefer Laibung eingeschnittenen Fensteröffnungen schenken, wie in einem Bild gerahmt, immer neue reizvolle Ausblicke auf das weite, im Sommer reich durchgrünte Schlossareal. Von diesem zentralen Bereich aus gelangt der Besucher über Treppe und Aufzug zum Konferenzraum im Obergeschoss, der museumsdidaktisch und bei Schlossführungen genutzt wird. Direkt daneben liegt die steinerne Dachterrasse, mit der Dudler einen ganz südlichen Akzent setzt. Hier oben sitzt man umgeben von mächtigen alten Baumkronen, ruht sich aus und genießt abseits vom touristischen Trubel das milde Heidelberger Klima.

Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main (DAM) ehrt Max Dudler mit dem DAM Preis für Architektur in Deutschland 2012 für den denkmalgerechten Um- und Weiterbau des Hambacher Schlosses.

Ausstellung:
DAM Preis für Architektur in Deutschland 2012
Die 22 besten Bauten in/aus Deutschland
26. Januar bis 21. April 2013
Deutsches Architekturmuseum

Karin Leydecker
ist Architekturkritikerin und freiberufliche Kunsthistorikerin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2012

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