Neues Gütezeichen für nachhaltiges Bauen

Modelle zur ökologischen Bauzertifizierung existieren im Ausland schon länger. Doch anders als dort wollte man sich in Deutschland nicht allein auf die Bewertung der Umweltverträglichkeit beschränken. Die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) hat jetzt ein Programm zur umfassenden Taxierung von Bauwerken vorgestellt. Dabei werden darüber hinaus auch die ökonomischen und soziokulturellen Gebäudequalitäten berücksichtigt – und mit einem Gütesiegel in Gold, Silber oder Bronze belohnt.
Schätzungsweise ein Drittel des Ressourcenverbrauchs geht in Deutschland auf das Konto von Gebäuden. Trotz stagnierender Bevölkerungszahl ist der Landschaftsverbrauch durch Häuser- und Siedlungsbau ungebrochen. Die fortschreitende Landschaftszersiedelung bereitet erhebliche Umweltprobleme. Hochwasserkatastrophen, überlastete Kanalisationen und sinkende Grundwasserspiegel sind nur die augenfälligsten Auswirkungen der Bodenversiegelung durch Straßen, Wege und Parkplätze. Die CO2-Emissionen und das Abfallaufkommen bei der Errichtung und dem laufenden Betrieb von Gebäuden sind enorm. Angesichts der international hoch gesteckten Ziele zum Schutz des Klimas und zur Schonung der Ressourcen kann es folglich gar nicht ausbleiben, dass die Reglementierung des Bausektors zunehmen wird – und zwar weltweit.Umweltverträglichkeit als Kaufargument
Dass Umweltverträglichkeit nicht nur in Deutschland zu einem marktrelevanten Kriterium bei der Bewertung von Gebäuden geworden ist, zeigt ein Blick über die Grenzen. Ausgerechnet die als Umweltsünder verschrienen USA waren es, die mit LEED (Leadership in Energy & Environmental Design) als Erste ein wegweisendes Programm zur ökologischen Bauzertifizierung einführten. Andere Länder folgten diesem Beispiel, unter anderem Großbritannien, Frankreich und Japan. Doch die Systeme, die sich inzwischen etabliert haben, basieren allesamt auf einem Punkteschema, das sich ausschließlich auf die Aspekte Umwelt und Energie konzentriert. Eine Fokussierung, die der universell angelegten Nachhaltigkeitsstrategie nicht genügen kann, der sich Deutschland zur Bewältigung der komplexen Umwelt-, Klima- und Ressourcenproblematik verschrieben hat.Nachhaltiges Bauen geht über umweltfreundliches, ressourcensparendes und wirtschaftlich effizientes Bauen weit hinaus. Gebäude sollten für ihre Bewohner und Nutzer nicht nur behaglich und gesund sein, sondern sich auch optimal in ihr soziokulturelles Umfeld einfügen.
Präsentation auf der Consense
Nicht weniger als einen „großen Wurf“ versprach sich die Regierung, als sie Ende 2001 Sachverständige aus der Bau- und Immobilienwirtschaft an einen „Runden Tisch“ lud, um mit ihnen Wege zu einem zukunftsorientierten Bauen zu erörtern. Dies führte im Mai 2007 zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) in Stuttgart. Ihre zentralen Aufgaben: der Austausch von Wissen und Erfahrung, Weiterbildung sowie eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Erfordernisse einer nachhaltigen Bauwirtschaft. Zu den ersten Früchten ihrer Arbeit gehört die Zertifizierung nachhaltiger Bauwerke.Vorgestellt wurde sie auf der 1. Consense, einem internationalen Kongress für nachhaltiges Bauen, der am 17./18. Juni 2008 in Stuttgart stattfand. Die von der DGNB als künftige Leitmesse konzipierte Veranstaltung wartete mit Dutzenden hochkarätigen Referenten aus dem In- und Ausland auf. Sie wurde begleitet von einem anspruchsvollen Rahmenprogramm und einer Fachausstellung, bei der innovative Produkte und Dienstleistungen aus den Bereichen nachhaltige Gebäudetechnik, Forschung und Entwicklung, Baustoffe und Bauprodukte präsentiert wurden.
Im Mittelpunkt des Publikumsinteresses stand das neue „Deutsche Gütesiegel für nachhaltiges Bauen“. Die Einstufung der Bauwerkgüte in Gold, Silber und Bronze erfolgt auf Grundlage einer Benotung in den Kategorien Ökologie (Primär- und Trinkwasserverbrauch, Emission von Schad- und Risikostoffen), Ökonomie (Reinigungs-, Instandhaltungs- und Reparaturfreundlichkeit der eingesetzten Materialien sowie der Baukonstruktion), Prozesse (Konzeption, Planung und Realisierung des Bauwerkes), Standort (Faktoren mit positiven Umweltauswirkungen wie etwa Lage oder Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr etc.). Bewertet werden im Sinne der Nachhaltigkeit auch soziokulturelle und funktionale Aspekte (Umfeld, Erholungs- und Freizeitwert, Behaglichkeit und Komfort).
Markteinführung Anfang 2009
Verliehen wird das Gütesiegel von der DGNB und dem Bundesbauministerium. Architekten und Planer können sich durch eine Zusatzausbildung als Zertifizierer qualifizieren. Dabei sollen sie in die Lage versetzt werden, Bauherren in Fragen des nachhaltigen Bauens von der Planung bis zur Fertigstellung zu beraten. Dies ist Voraussetzung für die Verleihung eines Vorzertifikats, das Bauherren frühzeitig für die Vermarktung des Gebäudes nutzen können. Die Markteinführung des Zertifizierungssystems erfolgt nach einer Testphase dann Anfang 2009.DGNB-Präsident und Stararchitekt Werner Sobek: „Das aussagekräftige Gütezeichen bietet Investoren, Betreibern und Nutzern gleichermaßen Sicherheit. Außerdem kann die deutsche Bau- und Immobilienwirtschaft damit ihre hohe Kompetenz im weltweiten Wachstumsmarkt der so genannten ‚green buildings’ ausweisen.“
Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
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September 2008
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