Paradigmenwechsel in Architektur und Städteplanung

Die Auswirkungen des Klimawandels gehören auch für Architektur und Städteplanung zu den größten Herausforderungen der Gegenwart. Führende Architekten fordern einen Paradigmenwechsel in der Baukultur, die der Verantwortung ihrer Zunft gerecht wird.
Stickige Luft, überflutete Straßen, abgedeckte Dächer – vor allem der dicht bebaute urbane Siedlungsraum erweist sich immer wieder als besonders anfällig für außergewöhnliche Witterungsereignisse, die im Zuge des Klimawandels immer häufiger werden. Wo Raumplaner und Städtebauer in Zukunft mit welchen Klimafolgen zu rechnen haben, lässt sich detailliert in der Weltkarte der Naturgefahren der Münchner Rückversicherung studieren.
So wird man sich in Ostdeutschland, dem norddeutschen Tiefland sowie im Becken und der Hügellandschaft Südostdeutschlands künftig auf mehr Trockenheit einstellen müssen, während in den Regionen der rechts- und linksrheinischen Mittelgebirge mit höheren Niederschlägen zu rechnen ist. Die Menschen im Oberrheingraben werden häufiger unter Hitzwellen stöhnen und von Hochwasserkatastrophen heimgesucht. Was aufgrund des steigenden Meeresspiegels auch für die Küstenbewohner gilt, denen obendrein immer öfter orkanartige Stürme ins Haus stehen. Gletscherschmelze und auftauender Permafrost in den Gipfelregionen der Alpen werden dort wiederum mehr Lawinen, Steinschläge, Muren und Überschwemmungen auslösen.
„Klimawandel zukunftsfähig gestalten“
Welche Anforderungen Extremwetterlagen auf urbane Infrastruktureinrichtungen wie Straßen, Abwasserkanäle, Brücken oder Deiche stellen, liegt auf der Hand. Was feuchtere Winter und heißere Sommer langfristig für Bauten bedeuten, lässt sich dagegen nur schwer abschätzen. Allgemeine Forderungen, die Normen für Bauplanung, -technik und -ausführung an den Klimawandel anzupassen, sind deshalb gar nicht so leicht in konkrete Vorgaben umzumünzen. Zumal sie sich bisher für gewöhnlich an Beobachtungsdaten aus der Vergangenheit orientiert haben, Gebäude und Infrastruktureinrichtungen aber zum Teil auf Jahrhunderte angelegt sind.
Mit dem Programm klimazwei unterstützt das Bundesforschungsministerium Projekte zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zur Entwicklung von Maßnahmen und Handlungshilfen zur Anpassung an den Klimawandel. Das 75 Millionen Euro schwere Förderprogramm Klimawandel in Regionen zukunftsfähig gestalten (KLIMZUG) soll Kommunen und Planungsbehörden bis 2013 fit für die zu erwartenden Extremwetterlagen machen. Von dem regionalen Klimaanpassungsprogramm für die Modellregion Dresden (REGKLAM) erhofft man sich Strategien zur Klimaanpassung städtebaulicher Strukturen.
Verbindung von Funktion, Ökologie und Ästhetik
Die bestehenden Gebäude gehören neben Verkehr und Industrie zu den größten Klimakillern. Allein in Deutschland gehen schätzungsweise 20 Prozent des gesamten Energiebedarfs auf ihr Konto. Um das Ziel des UN-Klimarats, die Treibhausgasemissionen bis 2050 um bis zu 80 Prozent zu senken, auch nur annähernd erreichen zu können, wird von Experten ein baukultureller Paradigmenwechsel für unumgänglich gehalten. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Baukunst allein der Ästhetik frönen konnte. Obwohl Deutschland in puncto Umwelttechnologie führend ist, fristet die Öko-Architektur noch immer ein Nischendasein. Und das nationale Großprojekt zur klimaschonenden Modernisierung und Sanierung von Altbauten findet bislang weitgehend ohne die Beteiligung von Architekten statt.
Doch es gibt auch Ausnahmen. Zu den Vorreitern einer neuen umweltgerechten Baukultur gehört der Stuttgarter Stararchitekt Werner Sobek, der mit seinen futuristischen Bauten den eindrucksvollen Beweis antritt, dass Ökogebäude nicht unbedingt aus Lehm bestehen müssen. Sein nahezu emissionsfreies würfelförmiges Glas-Wohnhaus R128 ist fast vollständig wiederverwertbar. Der für Heizung und Haustechnik benötigte Strom wird durch eine vollständig in den Baukörper integrierte Photovoltaikanlage erzeugt.
Aufsehen erregende Akzente weiß auch immer wieder der Münchner Architekt Thomas Herzog zu setzen, der in den Achtzigerjahren zu den Solarhaus-Pionieren gehörte. Ein weiterer Avantgardist des nachhaltigen Bauens ist der „SolarArchitekt“ Rolf Disch aus Freiburg. Seine Baukunst steht für die Verbindung von Funktion, Ökologie und Ästhetik.
Häuser mit positiver Energiebilanz
Dischs Spezialität sind Plusenergiebauten, die im Unterschied zu konventionellen und selbst zu Niedrigenergie- und Passivhäusern eine positive Energiebilanz vorweisen können. Das heißt, dass sie mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen. Hausdach und Fassade dienen als eine Art Solarkraftwerk, das sauberen Strom produziert, dessen Überschuss ins öffentliche Netz eingespeist wird.
Im Baukastensystem angeboten, erlauben Plusenergiehäuser ein Höchstmaß an gestalterischer Freiheit. Einen Glanzpunkt setzte Disch mit seinem im Gleichschritt mit der Sonne drehbare Wohn- und Geschäftshaus Heliotrop in Modulbauweise, das seit 15 Jahren in Freiburg steht.
Manifest „Vernunft für die Welt“
Zu den führenden Exponenten nachhaltiger Baukunst gehört auch der weltweit operierende Architekt Stefan Behnisch aus Stuttgart. Vorzeigeprojekt der Behnisch Architekten ist der im Bau befindliche Marco-Polo-Tower in der Hamburger Hafen-City, eine 16-geschossige Gebäudeskulptur, die 58 Luxuswohnungen beherbergen soll. Das „ungewöhnlichste Wohnhaus“ der Hansestadt basiert auf einem ausgetüftelten Konzept für ein ökologisches Niedrigenergie-Hochhaus.
Stefan Behnisch ist auch einer der Erstunterzeichner des Manifests Vernunft für die Welt, das am 27. März 2009 Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee überreicht wurde. In der Präambel bekennen sich Architekten, Ingenieure und Stadtplaner ausdrücklich zur besonderen Verantwortung ihrer Profession: „Mit nachhaltiger Architektur und Ingenieurbaukunst können und wollen wir einen entscheidenden Baustein zum notwendigen Wandel in der Nutzung unserer natürlichen Ressourcen liefern.“
arbeitet als freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Links zum Thema
- Weltkarte der Naturgefahren


- Regionales Klimaanpassungsprogramm (REGKLAM)

- Projekt Klimawandel in Regionen zukunftsfähig gestalten (KLIMZUG)

- Manifest der „Vernunft für die Welt“

- Werner Sobek Engeneering & Design

- Architekturbüro Rolf Disch


- Herzog + Partner


- Behnisch Architekten

- Kultur und Klimawandel – Architektur und Stadtentwicklung (goethe.de)


- Dossier: Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit (goethe.de)

















