Auf der Sonnenseite – das Plusenergiehaus der Universität Darmstadt

Von außen betrachtet ist surPLUShome ein schwarz glänzender Glasquader. Innen dominieren auf einer Wohnfläche von 80 Quadratmetern Licht, Holz und klare Formen. Die Haustechnik ist perfekt ins Design integriert, und unterm Strich produziert das Gebäude rund doppelt so viel Energie, wie es verbraucht.
Das Haus, entworfen und gebaut von Studierenden der Technischen Universität Darmstadt, war der große Erfolg bei einem internationalen Wettbewerb für solares Bauen: Das „Team Germany“ siegte beim Solar Decathlon 2009, einem vom US-amerikanischen Energieministerium ausgeschriebenen internationalen Uni-Wettbewerb, der alle zwei Jahre stattfindet. 
20 Teams aus den USA, Kanada, Puerto Rico und Spanien hatten sich neben den Darmstädtern für den Wettbewerb qualifiziert. Die Aufgabe: ein allein mit Sonnenenergie betriebenes Wohnhaus zu planen, in Washington aufzubauen und sich dort dem Wettbewerb in insgesamt zehn Disziplinen zu stellen, darunter Architektur, Lichtkonzept, thermische Behaglichkeit, Marktfähigkeit und Energiebilanz. Konkret hieß das: Der gesamte Energiebedarf für einen Zwei-Personen-Haushalt musste allein über die Nutzung von Sonnenenergie bereitgestellt werden. Alle Funktionen wie Waschen, Kochen und Warmwasserbereitung wurden real durchgeführt, ebenso der Betrieb aller Haushaltsgeräte und der Unterhaltungselektronik. Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit mussten präzise definierten Werten genügen.
Fein abgestimmtes Verhältnis
Das Siegerhaus aus Darmstadt punktete mit einem fein abgestimmten Verhältnis von Energieeinsparung, Energieeffizienz und solarer Energiegewinnung. Die Gebäudehülle in Passivhausqualität sorgt für geringe Energieverluste und hohe Behaglichkeit, während die in Dach und Wände integrierten Fotovoltaikelemente die nötige Energie bereitstellen. Besonders überzeugen konnte die Fassade mit einem selbst entwickelten System fotovoltaischer Schindeln aus dunklen Glasmodulen, die dem Haus auch sein charakteristisches Aussehen geben.

Bereits 2007 hatten die Darmstädter den Solar Decathlon für sich entschieden. Der Sieg 2009 war also eine erfolgreiche Titelverteidigung. „Natürlich mit neuem Haus und neuem Team“, sagt Architekturstudentin Sardika Meyer, die sich beim surPLUShome auf die Außenraumgestaltung konzentriert hat. Rund eineinhalb Jahre dauerte die Entwicklung des Siegerhauses 2009, die Fachbereiche Architektur und Elektrotechnik der TU Darmstadt haben dafür eng kooperiert. Sardika Meyer hält interdisziplinäres Arbeiten für selbstverständlich. „Anders geht’s doch gar nicht, wenn man nachhaltig bauen will“, sagt die 24-Jährige. Auch Bauingenieure, Lichttechniker, Materialwissenschaftler und Soziologen waren am Projekt beteiligt. Sardika Meyer: „Wir haben gezeigt, wie sich energetische und solare Aspekte mit hohen architektonisch-ästhetischen Ansprüchen in Einklang bringen lassen“.
Prototyp „Wohnen 2015“
Mit diesen Qualitäten könnte das Siegerhaus zu einem Meilenstein für energieeffizientes Bauen werden, zumindest wenn man der Einschätzung von Werner Sobek folgt. Ökohäuser seien bisher auch deswegen ein kommerzieller Flop, weil sie von depressiver Entsagungsästhetik geprägt seien, meint der Architekt, Ingenieur und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen. Es komme darauf an, Ökologie „atemberaubend attraktiv und aufregend zu machen“, so Sobek in einem Vortrag zum nachhaltigen Planen und Bauen.
Doch nicht nur Schönheit zählt. Auch die (Bau-)Kosten spielen für die Marktfähigkeit von Solarhäusern eine entscheidende Rolle. Das surPLUShome entstand als Prototyp „Wohnen 2015“ für rund 450.000 Euro. Das Bundesbauministerium hat das Hightechprojekt unterstützt, ebenso Sponsoren aus der Baubranche. Es ist nun die Aufgabe von jungen Architektinnen und Architekten wie Sardika Meyer, solche Prototypen in interdisziplinären Kooperationen weiterzuentwickeln. Wie gut es gelingt, die zukunftweisenden Ansätze für das Wohnen im Alltag umzusetzen, hängt auch von der Qualität der universitären Ausbildung ab. Diplom-Ingenieurin Johanna Henrich von der TU Darmstadt hat das Solar-Decathlon-Projekt betreut und sagt zum Stand der Lehre: „Im Bereich der Energieeffizienz gibt es zwar viele Aufbaustudiengänge, sie werden aber meist nicht in Verbindung mit dem Studiengang Architektur angeboten.“ Anders sei das an der TU Darmstadt: „Mit unserem Fachgebiet Entwerfen und energieeffizientes Bauen gehören wir zu den Vorreitern in diesem Bereich und freuen uns über die Erfolge beim Solar Decathlon in Washington.“
Der solare Zehnkampf macht inzwischen auch in Europa Schule. Im Juli 2010 findet in Madrid der erste Solar Decathlon Europe statt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie fördert die Teilnahme von studentischen Teams aus Berlin, Rosenheim, Stuttgart und Wuppertal.
Ab 26. April 2010 steht das surPLUShome im Rahmen von RUHR.2010 auf dem Burgplatz in Essen.
Ein vergrößerter Nachbau des Solar-Decathlon-Siegerhauses 2007 ist noch bis 21. Mai 2010 auf dem Rathenauplatz in Frankfurt am Main zu besichtigen (dienstags bis sonntags jeweils 11-18 Uhr).
ist freie Journalistin in Berlin.
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März 2010
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