Ökologisch bauen in Deutschland

Technik als Gestalter – das Oskar-von-Miller-Forum in München

Unter den zeitgenössischen deutschen Architekten ist Thomas Herzog der Pionier für nachhaltiges Bauen. Diese Leistung wird schon seit Langem auch international anerkannt. Sein jüngstes Beispiel für energieeffiziente Architektur ist das multifunktionale Oskar-von-Miller-Forum im Zentrum von München.

Wenn „German Architecture“ in der Welt häufig mit „Green Architecture“ gleichgesetzt wird, dann hat der Münchner Baumeister Thomas Herzog daran einen großen Anteil. Als einer der wenigen deutschen Architekten mit internationaler Wirkung arbeitet er seit vierzig Jahren an einer zukunftsfähigen Erneuerung des modernen Bauens. Ein Bauwerk, so sagt Herzog, werde erst dann zu einem glaubwürdigen Botschafter, wenn es über Konstruktion und Material hinaus auf umweltbewusster Technologie und sozialer Verantwortung gegründet sei. Inzwischen weiß man selbst in China zu schätzen, welche Pionierleistungen Thomas Herzog beim Einsatz von erneuerbaren Energien und dem nachwachsenden Rohstoff Holz geschaffen hat. Herzog lehrt bereits seit 2003 an der Tsinghua Universität in Peking „Green Architecture“.

Stand der Gebäudetechnologie

Oskar-von-Miller-Forum München, Fassadendetail, Foto: Verena Herzog-LoiblAußerdem hat Herzog den Beweis erbracht, dass gerade konstruktiv wie energetisch optimierte Entwürfe zu einer einprägsamen Architektur führen können. Besonders für seine großen Hallen verwendet Herzog den Oberbegriff „Leistungsform“: Die Gestalt dieser Gebäude ergibt sich daraus, was sie unter thermischen und lichttechnischen Anforderungen leisten sollen. Hatte Herzog bis dahin die energetischen Systeme möglichst elegant in die „Haut“ des jeweiligen Bauwerks integriert, so gab er seinem jüngsten Gebäude die gegenteilige Erscheinung. Beim Oskar-von-Miller-Forum in München stellt Herzog die Systeme an den Fassaden und auf dem Dach aus, um ihre Funktion zu zeigen. Dieses Bauwerk demonstriert den aktuellen Stand der Gebäudetechnologie in Deutschland.

Oskar-von-Miller-Forum München, Foto: Cassian Herzog

Die Ziele des Bauherrn, der Zweck der Institution, die technischen Lösungen und die Erscheinung des Gebäudes decken sich in idealer Weise. Das Forum ist ein internationales Begegnungszentrum, das die Ausbildung von Ingenieuren im Bauwesen an der Technischen Universität (TU) München fördern soll. Getragen von der Stiftung Bayerisches Baugewerbe, enthält es auf der einen Seite ein mehrgeschossiges Studentenhaus, das Gäste aus vielen Nationen beherbergt. Dem Bauherrn kam es besonders darauf an, dass die künftigen Ingenieure mit nachhaltiger Technologie konfrontiert werden. Auf der anderen Seite umfasst das Forum auch mehrere großzügige Räume für Veranstaltungen. Das funktionale Herzstück ist die sechs Meter hohe Halle im Erdgeschoss des Hauptgebäudes, die sich sowohl für Vorträge und Konferenzen als auch für Ausstellungen und Feste nutzen lässt.

Städtebauliche Aufwertung

Oskar-von-Miller-Forum München, Innenhof, Foto: Verena Loibl-Herzog

Das Forum liegt sehr prominent an der Nahtstelle zwischen der Münchner Altstadt und dem Universitätsviertel. Es besteht aus drei Baukörpern, die einen sorgfältig gestalteten Innenhof umschließen. Das Hauptgebäude orientiert sich nach Süden zum Altstadtring. Um dessen starke Verkehrsimmissionen zu puffern, ist dieses Gebäude, das Studentenhaus, ungewöhnlich organisiert: Zur Straße hin erstrecken sich die Gemeinschaftsräume, von denen aus die nach Norden, zum ruhigen Hof ausgerichteten Zimmer abgehen. Im Ostgebäude liegen über dem internen Bistro die Appartements der Gastdozenten, im Westgebäude befindet sich die Verwaltung. Vergleicht man das technisch-elegante Bauwerk mit seiner Umgebung, so hat es den städtischen Raum enorm aufgewertet.

Konstruktive und energetische Optimierung

Oskar-von-Miller-Forum München, Fassadendetail, Foto: Verena Loibl-HerzogDas Forum ist die Summe von Herzogs langjährigen Forschungen. Konstruktive Intelligenz zeigt das primäre Tragwerk, eine Stahlbetonkonstruktion aus minimierten Fertigteilen, deren Struktur den Kräfteverlauf sichtbar macht. Das Dach des Hauptgebäudes wird gebildet von einer selbstständige Stahlkonstruktion mit Kragarmen auf dem zurückgesetzten Dachgeschoss. Im Süden trägt sie die äußere Fassadenschicht: eine eigens entwickelte, nach außen gefaltete gläserne Doppelfassade mit Sonnen- und Schallschutzfunktionen. Im Norden hängen daran die Fluchtbalkone wie eine Harfe. Die Glasflächen des östlichen Treppenhauses werden zur Sommerzeit durch Lamellen mit silbergrau schimmernden Fotovoltaik-Modulen vor übermäßiger Wärmeentwicklung geschützt. Deren Ertrag wird in das öffentliche Netz eingespeist, wie sich das Gebäude überhaupt durch einen hohen Grad an Eigenerzeugung von Energie auszeichnet. Der aktuelle Energieausweis nennt einen extrem geringen Wert. Hierzu trägt bei, dass auch die Systeme von Heizung und Kühlung, Lüftung und Dämmung optimiert wurden, etwa durch großflächige thermische Sonnenkollektoren auf dem Dach.

Hervorzuheben sind noch die künstlerischen Beiträge von Sabine Kammerl, Nikolaus Lang und Rainer Wittenborn. In den öffentlichen Bereichen des Hauses führt Kunst die kulturellen Dimensionen des Ingenieurwesens vor Augen. Somit ist auch der große Kunstfreund Thomas Herzog in seinem Gebäude gegenwärtig.



Wolfgang Jean Stock
arbeitet seit vielen Jahren als Architekturkritiker für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für die Süddeutsche Zeitung.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2012

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