Vom Bundeskanzleramt bis zu Melnikows Moskauer Avantgarde: das Netzwerk Guiding-Architects
Architekten führen in Europas Metropolen zu den neuen und alten Wahrzeichen der modernen Baugeschichte. 
Ein großes Ausflugsboot tuckert die Spree entlang, Richtung Berliner Regierungsviertel. Trotz eisigem Wind findet man die über hundert Passagiere geschlossen an Deck, wo sie sich um den Architekturführer Thomas Michael Krüger versammeln. Der ist genau wie seine Zuhörer – Architekten aus ganz Deutschland, die für einen Fachkongress nach Berlin gekommen sind, – an Wind und Kälte gewöhnt. Vielleicht sogar noch ein wenig mehr als seine Kollegen, denn als Guide für zeitgenössische Architektur ist „draußen“ immer Teil seines Programms – vor allem, wenn sich eine Tour den interessanten Gebäuden nähert wie gerade jetzt.
In Sicht kommt nämlich am Moabiter Werder die „Bundesschlange“ genannte Wohnanlage von Georg Bumiller, die sich hier vom Wasser aus gesehen freundlich und offen präsentiert. Thomas Krüger erklärt das Gebäude aus seiner Lage heraus: ruhig am Wasser und auf der anderen Seite lärmumtost an den Gleisen der Stadtbahn. Die großzügigen Fensterbänder, die die Architekten und Ingenieure vom Boot aus sehen, seien eben nur die eine Seite. Auf der anderen zeige sich den meisten Berlinern und Besuchern eine verschlossen wirkende Lochfassade, hinter der sich aus Lärmschutzgründen ausschließlich Wirtschaftsräume befänden.
Da er diesmal ein Fachpublikum als Zuhörer hat, braucht Thomas Krüger an dieser Stelle nur ein paar Worte, um die Idee der Architekten zu skizzieren und gleichzeitig die Irritationen der meisten Berliner und Besucher diesem teuren Bau, der für Bundesbedienstete geplant war, gegenüber zu erklären. Denn sie sehen davon im Zug beim Vorbeifahren immer nur die Rückwand, deren Öffnungen an Schießscharten erinnern.
Die Absicht der Kollegen verdeutlichen
Der Blick auf Gebäude von mehr als einer Seite, gepaart mit Fach- und Insiderwissen, zeichnet die Führungen von Krüger und seinen Kollegen vom Netzwerk Guiding-Architects generell aus. Er und seine zwanzig Netzwerkspartner in ganz Europa, Dubai und Moskau versuchen seit 1996 Bauwerke zunächst aus sich heraus zu erklären. Sie sind selbst Architekten oder Hochschullehrer, wie Krügers Netzwerksmitbegründer Hans Geilinger in Barcelona. Während er in der Gaudí-Metropole dem allgegenwärtigen Jugendstil die neuen spanischen Meister wie Enric Miralles und Ricardo Bofill gegenüberstellt, ist es Peter Knoch in Moskau gelungen, Touren zu den Resten der großartigen und vom Abriss dauerbedrohten 1930er-Jahre-Avantgarde zusammenzustellen.
Die Guiding-Architects versuchen als Architekten die Absichten der Kollegen darzustellen und die großen und kleinen Katastrophen in der Baugeschichte zu erklären. Und sie verschweigen nicht die Diskussion, die es um die – auch im Sinne ihrer Architekten gelungenen – Bauten in der Öffentlichkeit gibt. Denn neben dem Fachpublikum sind auch zu einem Drittel interessierte Laien bei Führungen von Krüger und seinem Team vertreten. Er weiß also, auf welche Ressentiments moderne Architektur zuweilen trifft. Nach einer Tour sind es meistens ein paar mehr, die in Berlin umstrittene Bauten wie die neue Akademie der Künste von Günther Behnisch am Pariser Platz oder das Velodrom und die Schwimm- und Sprunghalle des französischen Architekten Dominique Perrault im Europasportpark im Stadtteil Prenzlauer Berg anders sehen.
Missverstandene Bauwerke und Architekturstreitigkeiten
Eines der besten Beispiele für ein oft missverstandenes Berliner Bauwerk, das jetzt nach der Bundesschlange in Sicht der Bootstouristen kommt, ist das Bundeskanzleramt von Axel Schultes und Charlotte Frank. So wie es dasteht, sei es ja nie gedacht gewesen, sagt Krüger. Schultes, dessen Krematorium in Berlin-Treptow Krüger für eines der großartigsten Berliner Bauwerk hält, habe eigentlich ein durchgehendes „Band des Bundes“ an dieser Stelle geplant. Es sollte Ost und West durch eine Kette mehrerer Gebäude entlang des Spreebogens vereinen. Nicht umgesetzt wurde dann das Bürgerforum vor dem Kanzleramt, das somit als Solitär ohne begleitendes Ensemble zu wuchtig die Szenerie beherrscht, „ohne wirklichen Bezug zu anderen Gebäuden, also entgegen dem demokratischen Grundgedanken von Schultes Planungen“, wie Krüger erklärt.
Beim nächsten Bauwerk wissen die Bootsfahrer schon vorher ziemlich genau, was das Problem ist. Ob ohne oder mit Fachwissen – die Verkürzung der markanten Glaseinfahrt für Züge im neuen Hauptbahnhof von Gerkan, Marg und Partner durch den Auftraggeber Deutsche Bahn ist eine der größten Architekturstreitigkeiten in Deutschland. Die Bahn hatte mit den Argumenten Zeitdruck und explodierende Kosten das Dach um mehr als ein Viertel gekürzt, der Architekt Meinhard von Gerkan sprach daraufhin von einer Verstümmelung seines Bauwerks.
Inwieweit das zutrifft, kann Krügers Architektengruppe jetzt selbst beurteilen, der Guide zeigt auf zwei Stellen, die einiges entfernt vom Ende des Glasdachs liegen: Bis dorthin hätte das Dach reichen sollen. Dann erzählt er seinem Publikum noch die aktuellste Entwicklung: Das Dach soll laut Empfehlungen des Bundesbauministeriums doch noch verlängert werden, da es einen wichtigen Lärmschutz für die Anwohner des neuen Stadtquartiers am Humboldthafen darstellt, an dem das Boot gerade vorbeituckert. Die Bemerkungen aus der Gruppe zu dieser Entwicklung kommentiert Krüger lieber nicht.
Neue Wahrzeichen
Überhaupt verliert der professionelle Guide nur einmal auf dieser Tour kurz die unparteiische Fassung: als er auf den geplanten Wiederaufbau des Berliner Schlosses auf der Fläche des gerade abgerissenen Palastes der Republik aus DDR-Zeiten angesprochen wird. Da ist er es, der seufzt und dann sagt, dass er schon glaube, dass es junge Architekten in Deutschland gibt, die diesen riesigen Platz mitten in der Stadt mit einer neuen Idee statt mit einer alten Barockhülle hätten füllen können. Kurz danach dreht das Boot vor dem Weltkulturerbe Museumsinsel bei, und das Thema „gute Architektur in alten Hüllen“ nimmt hier mit der subtilen Innengestaltung des Neuen Museums durch den britischen Architekten David Chipperfield einen für Krüger und die Freunde moderner Architektur deutlich besseren Verlauf als in der leidigen Schlossplatzdebatte. Krügers Büro wird bald auch Touren in den kühnen neuen/alten Hallen anbieten können, jetzt muss es vom Boot aus reichen, schnell noch seinen Mitfahrern den ebenfalls von Chipperfield geplanten neuen Empfangskomplex für die gesamte Museumsinsel zu skizzieren. Er ist gespannt auf dieses moderne neue Eingangshaus, denn: „Wenn man nichts wagt, kommen nur noch pseudohistorische Wiederholungen heraus.“ Auf der Rückfahrt durch das Regierungsviertel greift er dieses Ur-Berliner Thema noch einmal auf: „Architektur muss sich trauen, wenn sie relevant sein will. Manchmal kommt ja sogar ein neues Wahrzeichen für die Stadt dabei heraus.“ Der Blick der Gruppe fällt dabei nicht zufällig auf Sir Norman Fosters glänzende Reichstagskuppel.
ist freie Journalistin und Autorin in Berlin.
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Mai 2009
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