„Gesellschaftliches Engagement, kulturelle Innovation“ – der neue Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau im Interview

Seit März 2009 leitet der Architekt und Publizist Philipp Oswalt die Stiftung Bauhaus Dessau. Wir sprachen mit ihm über den Mythos Bauhaus, Bildungsarbeit und nachhaltige Ideen. Herr Oswalt, worauf gründet sich der Mythos Bauhaus? Welche Idee, welches Konzept machte die interdisziplinäre Kunst-, Design- und Architekturschule in den 1920er-Jahren zum deutschen „Labor der Moderne“?
Der Mythos beginnt in der Zeit des Bauhauses selber: Schon in den 1920er-Jahren wurde es als extrem erfolgreiches Kulturprojekt weltberühmt. Das lag nicht nur an der Qualität der Bauhaus-Arbeiten, sondern auch an ihrer gezielten Vermarktung. Denn die Bauhäusler haben von Anfang an sehr zielstrebig versucht, Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit für sich zu gewinnen. Dahinter steckte nicht allein der Geltungsdrang von Künstlern und Gestaltern. Gute Öffentlichkeitsarbeit war für das Bauhaus vielmehr ein notwendiger Akt der Selbstbehauptung, um das Überleben einer Institution zu sichern, die seit ihrer Gründung politischen Attacken von rechts ausgesetzt war. Nachdem das Bauhaus zunächst Weimar, dann Dessau verlassen musste, wurde es 1933 in Berlin vom Naziregime geschlossen.
Diese Geschichte prädestinierte das Bauhaus nach 1945 dazu, zum Paradebeispiel eines liberalen, fortschrittlichen Deutschland stilisiert zu werden und so eine wichtige Rolle bei der Identitätsstiftung in Westdeutschland zu spielen.
In Ostdeutschland war die Rezeption etwas verschoben. In der frühen DDR gab es zwar ernsthafte Versuche, die Bauhaus-Tradition wieder aufleben zu lassen, diese waren dann aber mit dem Stalinismus beendet. In den 1960er- und 1970er-Jahren begann die sukzessive Wiederentdeckung.
Wie möchten Sie die Bauhausideen für die Gegenwart fruchtbar machen?
Es sind vor allem drei Ideen, auf denen die nachhaltige Wirkung des Bauhauses beruht und die mir wichtig sind. Zunächst das Interdisziplinäre, diese Entschiedenheit, ganz unterschiedliche Disziplinen zusammenzubringen. Das Bauhaus hat in vielen Formen Entgrenzung gesucht – zwischen Avantgarde und Alltagsgebrauch, zwischen den verschiedensten Arbeitsbereichen: Ein Künstler baut ein Haus, ein Architekt arbeitet im Flugzeugwerk. Gerade in diesen Hybridisierungen sind wesentliche Innovationen des Bauhauses entstanden.
Der zweite Punkt ist die gesellschaftliche Orientierung der Gestaltung, also der Anspruch, mit gestalterischer Arbeit die Lebensbedingungen in der Gesellschaft zu verbessern. Der dritte Baustein ist die Bereitschaft, radikal neu zu denken, alle Gewohnheiten über den Haufen zu werfen. In unglaublich kurzer Zeit ist am Bauhaus eine unheimliche Dichte an Möglichkeiten ausgelotet worden. Dieser extreme Experimentierwunsch und -drang ist in dieser Form seither nie mehr erreicht worden.
Welche Wege möchten Sie bei der konkreten Umsetzung dieser Ideen gehen? Welche Fragestellungen haben für Sie dabei Priorität?
Zunächst einmal: Die Stiftung Bauhaus Dessau ist die größte Bauhausnachfolgeinstitution – aber sie ist nicht das Bauhaus! Aus den verschiedensten Gründen nicht. Wir sind keine Kunsthochschule mehr, die mit den berühmtesten Köpfen ihrer Zeit an gestalterischen Aufgaben arbeitet. Da spielen auch andere Komponenten mit hinein: Dessau-Anhalt war das Silicon Valley der 1920er-Jahre und als global führende Hightech-Region ein wichtiger Kontext für das Bauhaus.
Wir sind eine andere Institution, die unter ganz anderen Bedingungen arbeitet. Sachsen-Anhalt ist in großen Teilen eine deindustrialisierte, schrumpfende Region, und die Situation von damals ist nicht reproduzierbar. Die Stiftung Bauhaus Dessau ist heute im Wesentlichen wissenschaftlich besetzt. Wir arbeiten an der Schnittstelle zwischen Forschung und Gestaltung an zwei wichtigen Aufgaben: das historische Erbe zu pflegen und zu vermitteln und die Bauhausideen mit Themen, Projekten und Fragestellungen der Gegenwart fortzuschreiben. Das wahrscheinlich drängendste Thema unserer Epoche ist der Klimawandel. Wie müssen wir unsere Umwelt gestalten, um eine Antwort auf die Klimakatastrophe zu finden? Die Bauhausmethoden und -ideen lassen sich auf diese Frage sehr gut anwenden, sie haben nichts an Aktualität verloren.
Könnten Sie am Beispiel des Themas Klimawandel erläutern, wie Sie gesellschaftliche Veränderungen in Gang setzen möchten?
Forscher, Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler arbeiten in ganz unterschiedlichen Einzelbereichen zu diesem Thema, aber für die breitere Öffentlichkeit wird das nicht anschaulich. Und die Fachleute haben eher Detailwissen, kein Gesamtbild. Unsere Aufgabe als Bildungsinstitution kann gerade darin bestehen, bestehendes Wissen zusammenzutragen, anschaulich zu machen und zu vermitteln.
Gesellschaftliche Veränderungen beruhen auf grundlegenden Reflexionen und Bewusstseinswandel. Ich denke, die Stiftung Bauhaus kann hierzu einen Beitrag leisten.

Zum Beispiel auch für den Zusammenhang zwischen Finanzmarkt (krise) und Architektur. Dazu veranstaltet die Stiftung unter Ihrer Regie im November ein Symposium. Warum ist es Ihnen so wichtig, Politik und Ökonomie im Architekturdiskurs zu verankern?
Weil diese Aspekte gegenwärtig völlig unterbelichtet sind und wir es deshalb heute mit einer Vielzahl von architektonischen Entwürfen zu tun haben, die jeder Relevanz entbehren. Denn kaum jemand denkt darüber nach, wie diese Entwürfe eigentlich umgesetzt werden sollen. Diese Haltung, Architektur als autonome Disziplin zu betrachten, ist ein Erbe der Postmoderne – und eine fatale Selbstbeschneidung der Profession, weil sie sich aus zentralen Fragestellungen heraushält.
Am historischen Bauhaus lässt sich ganz wunderbar sehen, dass die Bewegung der klassischen Moderne nicht möglich gewesen wäre ohne politische und ökonomische Innovationen: Das Finden und Entwickeln neuer Finanzierungsmodelle, die Gründung von Genossenschaften, die Kommunen als Bauherren, all das war notwendig, um das Neue Bauen auf den Weg zu bringen.
Was sollte am Ende Ihrer Amtszeit über Ihre Leistung als Bauhaus-Chef gesagt werden?
Ich habe ja gerade erst angefangen. Fest steht, dass ich mich – stärker als das in der Stiftungsarbeit bisher der Fall war – dem historischen Erbe und dessen Vermittlung zuwenden werde. Die Relevanz der Bauhausideen liegt in ihrer Mischung aus gesellschaftlichem Engagement und kultureller Innovation. Dieses Erbe möchte ich lebendig halten.
1964 in Frankfurt am Main geboren, war Oswalt langjähriger Redakteur der Architekturzeitschrift archplus und Mitarbeiter im Büro von Rem Koolhaas. Oswalt gründete außerdem das Forschungsprojekt „Urban Catalyst“ (2001–2003) und gehörte zu den Initiatoren der künstlerischen Zwischennutzung des (inzwischen abgerissenen) Palastes der Republik in Berlin (Volkspalast 2004). Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zur zeitgenössischen Architektur und Stadtentwicklung.
Die Stiftung Bauhaus Dessau ist mit mehr als 60 Mitarbeitern die größte Bauhausnachfolgeinstitution und wird vom Bund, dem Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Dessau-Roßlau gefördert. Sie hat den Auftrag, das Bauhaus-Erbe zu pflegen und zu vermitteln sowie Bauhausideen mit Gestaltungsprojekten in der Gegenwart fortzuschreiben. Folgerichtig versteht sich die Stiftung daher als „Archiv, Museum, Hotel, Akademie, Bühne, Forschungsinstitut und Projektwerkstatt“
Das Bauhaus wurde 1919 in Weimar als interdisziplinäre Kunst-, Design- und Architekturschule gegründet. Gründer und erster Direktor war Walter Gropius (1883–1969).
Mit Ausstellungen, Workshops, Performances, Symposien und künstlerischen Projekten wird das 90-jährige Bestehen des Bauhauses gefeiert. Das vollständige Programm ist unter www.bauhaus-dessau.de zu finden.
Eine Auswahl der Ausstellungen:
Modell Bauhaus
(22. Juli bis 4. Oktober 2009) im Martin-Gropius-Bau in Berlin
Rund 900 Objekte erzählen die Geschichte des historischen Bauhauses 1919–1933.
www.modell-bauhaus.de, www.gropiusbau.de
Filmausstellung Bauhaus in Aktion
(9. Juni bis 4. Oktober 2009) im Bauhaus Dessau
Großprojektionen von Originalfilmen zeigen Arbeiten und Arbeitsweisen von Walter Gropius, László Moholy-Nagy, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer.
Eine Krone für die Stadt – Walter Gropius im Wettbewerb
(22. November 2009 bis 24. Januar 2010) in der Stiftung Moritzburg in Halle (Saale)
1927 schrieb die Stadt Halle einen Architekturwettbewerb für ein neues urbanes Zentrum mit Stadt- und Konzerthalle, Museum und Sportanlagen aus, eine „Stadtkrone“. Erstmals werden die eingereichten Architekturzeichnungen präsentiert. Im Mittelpunkt stehen der Entwurf „Hängende Gärten“ von Walter Gropius sowie die Planungen von Peter Behrens und Hans Poelzig.
www.stiftung-moritzburg.de
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Juni 2009
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