Minigolf und Mönche statt Maschinen und Motoren – zur Zukunft von Tempelhof und Tegel

Im Jahr 2012 wird der neue Berliner Flughafen Berlin Brandenburg International in Schönefeld eröffnet. Für die alten Flughäfen Tempelhof und Tegel sucht die Stadt nach neuen Nutzungen.
Der Eurovision Song Contest soll im Flughafen Tempelhof stattfinden, so hat es der Senat von Berlin in seiner Bewerbung um den Sänger-Grand Prix 2011 beschlossen. Lena Meyer-Landrut, die 2010 für Deutschland gewann, soll also im Hangar des ältesten Verkehrsflughafens der Welt ihr Liedchen trällern und ihren Titel verteidigen.
Seltene Aufgabe
Dass es so weit kommen konnte, bedauern viele Berliner und viele Luftfahrtfreunde in der ganzen Welt. Denn irgendwie ist im Verlauf der Planungen für den neuen Flughafen Berlin Brandenburg International in Schönefeld südlich von Berlin ein Junktim in die Planungen gerutscht, das die Schließung der beiden Berliner Flughäfen Tempelhof und Tegel zur Bedingung machte. Angeblich wäre der neue Flughafen sonst nicht wirtschaftlich und genehmigungsfähig gewesen. Nun steht Berlin vor der seltenen Aufgabe (und Chance?), zwei komplette Flughafengelände im Stadtgebiet samt Immobilien zur Verfügung zu haben und umwidmen zu müssen.

Das Flugfeld Tempelhof, vormals ein Exerzierplatz vor den Toren der preußischen Residenz, ist seit dem 19. Jahrhundert von dichter Bebauung umgeben. Die Lärmbelästigung und die Gefährdung der Bevölkerung waren Hauptgrund für den Beschluss, den innerstädtischen Flughafen zu schließen. Am 30. Oktober 2008 wurde der Flugbetrieb eingestellt. Mit Planungen für die Nachnutzung des Geländes ließ sich der Senat zunächst Zeit, denn auf dem Höhepunkt der Immobilienkrise war ein Bedarf an Bauland nicht gegeben. Dennoch wird das 386 Hektar große Areal als innerstädtisches Quartier in die Stadtstruktur einwachsen. Die Frage ist, mit welchem Tempo dies geschieht.
Emotionale Diskussion
Inzwischen wird das Thema in der Stadt sehr emotional diskutiert. Die Senatsverwaltung steckt in der Klemme. Einerseits wird ihr Taten- und Ideenlosigkeit vorgehalten, andererseits hat das hoch verschuldete Land Berlin keine Mittel, um große Vorhaben auf dem riesigen Gelände zu realisieren. Konkreter als die im März 2008 vorgestellten Pläne, die am Rand eines großen Freigeländes ein „Stadtquartier Tempelhof“ als Adresse für Zukunftstechnologien, am Columbiadamm „innovatives Wohnen“ und im Stadtquartier Neukölln „städtisches Wohnen am Park“ vorsehen, kann man derzeit kaum werden. Die Senatsbaudirektorin plant eine Internationale Bauausstellung, über deren Umfang und Details noch nichts bekannt wurde.
Unmut und Demonstrationen gab es, weil der Senat die Freiflächen zunächst unter Verschluss hielt. Seit Mai 2010 ist der „Tempelhofer Park“, bislang nicht mehr als die Wiese des Flugfelds, tagsüber für die Öffentlichkeit zugänglich und wird intensiv genutzt. 2017 soll auf dem Gelände eine Internationale Gartenschau stattfinden, wozu Teile des Geländes zu einem Park umgestaltet werden, aber auch für die Anlage von Schrebergärten erheben sich immer wieder Stimmen. 138 Vorschläge gingen beim Senat für Pionier- und Zwischennutzungen ein, vom Shaolintempel bis zur Minigolfanlage. Ein erster Wettbewerb für Landschaftsplaner ging mit sechs Arbeiten im Juni 2010 in die zweite Runde. Die endgültige Entscheidung über das Konzept für die Parklandschaft soll im Dezember 2010 fallen.
Erfolgreiche Zwischennutzungen
Noch ungelöst ist die Frage, was mit dem Flughafengebäude geschehen soll. Das 1936–41 entstandene, mit einer Bruttogeschossfläche von 307.000 Quadratmetern zweitgrößte Gebäude der Welt wird derzeit für Kurzzeitnutzungen vermietet. 2009 bis 2019 mietet die Modemesse Bread & Butter zweimal jährlich für jeweils einen Monat sämtliche Hangars, das Vorfeld sowie die Haupthalle. Eishockey, Reitturniere, die Musikmesse Popkomm und andere Events finden statt. Die Vermarktung ist so erfolgreich, dass der Druck, eine langfristige Nutzung zu finden, etwas nachgelassen hat.
Dabei gibt es ernsthafte Vorschläge, beispielsweise den, ein deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt einzurichten, in dem die Industrie präsent ist, in dem einschlägige Dienststellen und Organisationen zusammengefasst sind, wo Ausstellungen und ein Flugzeugmuseum möglich sind. Vorgeschlagen wurde auch, das jenseits der Havel in Berlin-Gatow im Dornröschenschlaf liegende Museum der Luftwaffe mit seiner einmaligen Sammlung in den 5 Hektar umfassenden Hangars publikumswirksam unterzubringen. Das vom Senat propagierte „Tempelhof Forum THF für Kultur-, Medien- und Kreativwirtschaft“ ließ sich wegen zahlreicher Konkurrenzunternehmen noch nicht entscheidend vorantreiben.
TXL+: Ideen für eine nachhaltige Stadtentwicklung
Inzwischen muss sich der Senat noch ganz andere Gedanken machen, denn mit der Eröffnung von Berlin Brandenburg International am 3. Juni 2012 rückt auch die Schließung von Tegel zum selben Zeitpunkt näher. Der Flughafen Tegel, zuvor Luftschifflandeplatz und Truppenübungsplatz, war während der Blockade Westberlins 1948 innerhalb von 90 Tagen gebaut worden, um Westberlin aus der Luft versorgen zu können. 1974 wurde der heutige, moderne Terminalbau in Betrieb genommen. Von Gerkan, Marg und Partner, zwei junge Architekten aus Hamburg, hatten den vorbildlichen „Flughafen der kurzen Wege“ entworfen und damit ihren Ruhm als bedeutendstes deutsches Architekturbüro begründet. Tegel liegt eher außerhalb, hat aber keine Zukunft, weil auch dessen Einflugschneise über dichte Wohngebiete von Marzahn bis Wedding führt.
TXL+ – nach dem Kürzel des Flughafens nennt gmp die „Strategie für eine nachhaltige Stadt“, mit der Studierende der Hamburger Academy for Architectural Culture aac Vorschläge für das 466 Hektar große Gelände machten. gmp wollte damit vorpreschen, Zeichen setzen, Weichenstellungen provozieren: in Richtung „Energie-Plus-Stadt“ mit „Triple Zero-Konzept“, die weder Energie verbraucht, noch Emissionen abgibt oder Rückstände produziert. Kernpunkte sind die Erhaltung der Flughafengebäude von 1974 und deren Umnutzung, die Beibehaltung der Landebahnen als Relikte und gestalterische Elemente oder deren Umbildung in Wasserbecken, die Ausweisung von Bauflächen für einen Forschungscampus, einen Industriepark und für Wohnungen sowie der übrigen Flächen als Naturraum, alles unter dem Vorzeichen einer „Green City“.
Die Strategie ging auf, die Pläne werden im Rahmen eines Werkstattverfahrens unter Beteiligung der Fraunhofer-Gesellschaft und der Universitäten weiter verfolgt. Neben dem Forschungscampus Adlershof, übrigens ebenfalls auf einem ehemaligen Flughafengelände, dem 1909 eröffneten und bis 1952 genutzten Flugplatz Johannisthal gelegen, bekommt Berlin ein weiteres städtebauliches Zukunftsprojekt mit dem Ziel, nachhaltige Stadtentwicklung zu erforschen und zu demonstrieren. Das Gelände in Tegel bietet dafür ideale Voraussetzungen.
Buchdokumentation TXL+ Schaufenster einer Energie-Plus-Stadt, Callwey Verlag (München 2008), 116 Seiten, gebunden, Deutsch/Englisch, 29,95 Euro, ISBN 978-3-7667-1815-0
ist Bauhistoriker und Architekturkritiker in Berlin.
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August 2010
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