Späte Liebe – die Diskussion um die Architektur der Nachkriegsmoderne

Architektur schafft Raum für Gefühle. Das beweisen die Bauten der Nachkriegsmoderne, die kaum einen Betrachter unberührt lassen. Während vor einigen Jahren zunächst die Bauten der 1950er-Jahre in das Blickfeld von Öffentlichkeit und Denkmalpflege gerieten, folgt nun die Architektur der 1960er-Jahre und frühen 1970er-Jahre. Dabei schwanken die Empfindungen, die sie auslöst, zwischen heftiger Ablehnung und tiefer Zuneigung.
Und so wundert es nicht, dass sich rund um die Nachkriegsmoderne in den letzten Jahren zwischen Bonn, Köln, Hannover und Berlin eine öffentliche Streitkultur entwickelt hat. Die Gründe für die Diskussionen über Erhalt oder Zerstörung von Bauten aus den Boomjahren des deutschen Wiederaufbaus sind dabei so unterschiedlich wie die Bauten selbst. Sie betreffen die Ästhetik ebenso wie energetische und funktionale Aspekte.
Neu erwachtes Interesse

Beispiel Bonn. Dort träumte man von einem Ersatz für die Beethovenhalle am Rheinufer, die der Architekt Siegfried Wolske (1925–2005) entworfen hatte, ein Schüler von Hans Scharoun. Ende 1959 eingeweiht, entstand sie sogar noch vor Scharouns berühmter Berliner Philharmonie. Für sein Konzerthaus formulierte Wolske damals einen hohen Anspruch: „Der Mensch als Maßstab, die gesellschaftliche Atmosphäre als das Bestimmende.“ Nun sollte das Denkmal einem Neubau nach Entwurf von Stararchitektin Zaha Hadid weichen – doch der öffentliche Protest und die Finanzkrise verhinderten seine Verwirklichung. Seit April 2010 wird das Projekt von der Stadt nicht mehr weiter verfolgt.
Dabei steht das bürgerschaftliche Engagement für die Erhaltung der Beethovenhalle nicht nur für ein neu erwachtes Interesse an der Nachkriegsmoderne, sondern auch für neue Kommunikations- und Informationsformen über Denkmale via Internet. So viel Denkmal-Engagement ist dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz sogar einen Preis wert: Die von Studenten angestoßene Initiative Beethovenhalle erhält einen der Preise für Denkmalschutz 2010.
Bürgerschaftliches Engagement
Bürgerschaftliches Engagement war es auch, das in Köln den bereits beschlossenen Abriss des Schauspielhauses und des ehemaligen Restaurants Opernterrassen im Zuge der Sanierung des Opernquartiers verhinderte, beide, wie auch die Oper, waren nach Entwurf von Wilhelm Riphahn (1889–1963) entstanden. Mit einem Bürgerbegehren kippte die Initiative „Mut zur Kultur“ den Ratsbeschluss. Derzeit geht die Kölner Diskussion in eine neue Runde: Der Initiative wird vorgeworfen, ihre Kostenangaben für die Sanierung des Hauses wären zu niedrig angesetzt, was diese jedoch zurückweist.
Wie immer der Streit ausgeht – er unterstreicht die neue öffentliche Wertschätzung der späten Moderne. Das spiegelt sich auch in dem Projekt „Liebe deine Stadt“, mit dem der Grazer Künstler Merlin Bauer in den vergangenen Jahren die Sensibilität für die Nachkriegsmoderne in Köln erfolgreich gesteigert hat.
Zwischen Abriss und Erhalt
Doch während in Köln und Bonn die Nachkriegsmoderne einen Sieg davon getragen hat, stehen die Zeichen in Hannover auf Zerstörung: Dort haben die Abgeordneten für den Abriss des von Dieter Oesterlen (1911–1994) geschaffenen Plenarsaals (1957/62) gestimmt, mit dem der Architekt das von ihm wieder aufgebaute Leineschloss ergänzt hatte.
Jenseits aller ästhetischen und emotionalen Architekturdiskussionen um die Nachkriegsmoderne erweisen sich ihre Bauten oft als nur schwer energetisch sanierbar.
Dass es dennoch möglich ist, beweist der berühmte Vierzylinder, das markante BMW-Hochhaus (1968/72) des österreichischen Architekten Karl Schwanzer (1918–1975) in München. Dem Hamburger Architekturbüro von Peter Paul Schweger ist es gelungen, bei der Sanierung die charakteristische originale Fassade aus Aluminiumgusselementen weitgehend zu erhalten und zugleich energetisch zu ertüchtigen. Eine aufwendige Lösung, die nicht überall möglich ist.

Einen anderen Weg haben daher Springer Architekten aus Berlin bei ihrer Sanierung und Nachverdichtung der Hamburger Siedlung am Altenhagener Weg gewählt. Die Wohnungsgrundrisse der Altbauten aus der Nachkriegszeit wurden durch Zusammenlegung einzelner Wohnungen vergrößert und eine neue Ziegelfassade trägt zur Energieoptimierung bei. Aufgrund seines vorbildlichen Konzepts wurde das Projekt mit einer Nike ausgezeichnet, dem Architekturpreis des Bundes Deutscher Architekten.
Heimateffekt
Ob Bonn, Hamburg oder Köln – in dem Engagement für die Architektur der Nachkriegsmoderne spiegelt sich auch die Entdeckung ihres Potenzials als Heimat wieder. Stellen doch für viele der heute Vierzigjährigen die Orte der Nachkriegsmoderne jene vertraute Umgebung dar, in der sie aufwuchsen: „Die moderne Stadt der Nachkriegszeit ist Selbstverständlichkeit, sie ist unsere Heimat“, schreiben die BDA-Mitglieder Michael Frielinghaus und Doris Gruber im Ausstellungskatalog „Prägung der Stadt durch den Nachkriegsstädtebau“. Trotz dieses Heimateffekts bedarf es wohl auch weiterhin einer intensiven Aufklärungsarbeit über Qualitäten und Denkmalwerte gerade der späten Nachkriegsmoderne. Sie findet nur langsam – und häufig gegen erhebliche politische Widerstände – den Weg auf die bundesdeutschen Denkmallisten, wie etwa das Kieler Universitätsareal, das als herausragendes Beispiel des Gestaltungswillens einer Epoche Raum für die ganz großen Architekturgefühle bietet.

arbeitet als freiberuflicher Architekturkritiker in Berlin.
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September 2010
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