Hamburger Hafencity – Utopia an der Elbe
Die prestigeträchtigste Großbaustelle Europas befindet sich mitten in Hamburg. Auf den Elbinseln vor der Altstadt entsteht seit 2001 für mehr als zehn Milliarden Euro die neue Hafencity. Ein kühnes architektonisches Projekt – aber auch ein Risiko.
In der neuen Hafencity reihen sich avantgardistische Wohn- und Bürohäuser aneinander, die Architekturpreise gewinnen. Weltfirmen überbieten sich gegenseitig mit extravaganten Niederlassungen – es gilt als chic, am Elbufer dabei zu sein. Die Fertigstellung der gewagtesten Bauprojekte, darunter die Elbphilharmonie als künftiges Hamburger Wahrzeichen, steht allerdings noch aus.


Stadtplanerische Vision
Wo heute Werbetexter oder Finanzdienstleister in lichtdurchfluteten Büros arbeiten, befand sich im Mittelalter eine Hinrichtungsstätte: Auf den damaligen Feuchtwiesen wurde 1401 der berühmte Seeräuber Klaus Störtebeker geköpft. Um 1835 begann die feste Bebauung, Hafengewerke und Tagelöhner siedelten sich an. Nur 50 Jahre später wurden die Häuser wieder geschleift – für die Erweiterung des Hafengeländes. Doch auch diese Nutzung war begrenzt. Als sich Ende des 20. Jahrhunderts herausstellte, dass der traditionelle Stückgut-Verladehafen für die moderne Container-Schifffahrt nicht mehr taugte, kam der nächste Abriss. Dadurch wurden gut 150 Hektar Bebauungsfläche frei, direkt neben der Innenstadt Hamburgs: der Beginn eines Stadtplaner-Traums.Im Hamburger Rathaus war man sich schnell einig: In dem neuen Viertel am Wasser sollte geklotzt werden, nicht gekleckert. Eine Stadt in der Stadt sollte es sein, die in Sachen Wohnen und Arbeiten auch architektonisch neue Maßstäbe setzt. Eine perfekte Infrastruktur für mehr als 50.000 Menschen – allen voran „Kreative“ und Unternehmen – sollte realisiert werden. Doch die Hafencity hat es seit dem Baubeginn im Jahr 2001 schwer. Besonders bei den Hamburgern: „Disneyland für Reiche“ ist noch eines der netteren Urteile, die sie über ihren neuen Stadtteil äußern. Tatsächlich kann man diesen Eindruck gewinnen, steht man zum Beispiel vor dem Marco-Polo-Tower. Wohnungen in dem 55 Meter hohen Wabengebäude direkt am Elbufer kosteten bis zu 3,75 Millionen Euro – und waren bei Fertigstellung 2010 sofort verkauft.
Hoher Erfolgsdruck
Allerdings stellt der Tower ein Extrem dar. Auch Baugenossenschaften vermieten hier Wohnungen zu sozial verträglichen Preisen, doch ist deren Anteil an der Gesamtwohnungsmasse bislang noch niedrig. Aber man will nicht den Fehler wiederholen, der mit Hamburgs City Nord passierte: In das während der 1960er-Jahre aus Glas und Beton errichtete Viertel zog wegen fehlenden Schulen, Läden und Gaststätten nie städtisches Leben ein. In der Hafencity gibt es hingegen zahlreiche Orte, an denen sich Menschen wohlfühlen können.Die Hafencity ist eine wirtschaftspolitische Vision, die von Westen nach Osten und von Norden nach Süden realisiert wird. 51 Projekte waren bis Mai 2013 fertiggestellt, weitere 35 Projekte in Bau oder Planung. Vermutlich muss das städtebauliche Prestigeprojekt noch lange gegen Vorurteile und Planungsfehler – nicht zuletzt fehlende Parkplätze – kämpfen. Der Erfolgsdruck ist enorm. Bis 2030 soll der gesamte Komplex stehen – koste es, was es wolle.
Jochen Schütze
lebt und arbeitet als freier Journalist in Hamburg.
Fotos: Armin Plöger,
Hamburger Kameramann und Fotograf
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2013
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de
lebt und arbeitet als freier Journalist in Hamburg.
Fotos: Armin Plöger,
Hamburger Kameramann und Fotograf
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2013
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de




