Entwicklungsfähig: Weltkultur Wohnblock

Der moderne Wohnblock ist die am weitesten verbreitete Architekturform aller Zeiten. Vom Pilotplan von Brasilia zu den „housing projects“ in Chicago, von den Pariser Vorstädten zu den Hochhäusern von Schanghai – Millionen von Stadtbewohnern leben in standardisierten mehrstöckigen Massenbehausungen. Eine Erfolgsgeschichte? Zumindest zum Teil. Am Anfang stand eine ehrgeizige Vision, die um 1900 in Europa und Nordamerika formuliert und ab den 1930er-Jahren in vielen Ländern umgesetzt wurde: Zum ersten Mal in der Geschichte sollten alle Mitglieder einer Gesellschaft in nie gekanntem Komfort leben, mit Zentralheizung, fließendem Wasser und abschließbaren Räumen. Die erschreckenden Kontraste zwischen Hütten und Palästen, die die Städte der Antike ebenso prägten wie die des Absolutismus oder des frühen Industriezeitalters, sie sollte ein für alle Mal verschwinden, und mit ihnen der Staub und Gestank in den Quartieren der Armen. Massenwohnungsbau, organisiert und verteilt von einem starken, dem Gemeinwohl verpflichteten Staat, versprach gleiche Wohnverhältnisse für alle.
Grundlegender Imagewandel
Die Ideen von Staatsregulierung und Gleichheitsideal wurden unterschiedlich umgesetzt und erreichten den Höhepunkt ihrer Popularität in den 1960er-Jahren. Im sozialistischen Osteuropa etwa gelang es damals, durch staatliche Planung den meisten Bürgern bezahlbare und im Vergleich zu früheren Zeiten komfortable Wohnungen zur Verfügung zu stellen. Es war jedoch nicht möglich, diese Wohnungen auch zu erhalten und nachhaltig zu bewirtschaften. Marode Stuckfassaden und bröckelnde Plattenbauten gelten bis heute als Chiffre für den „real existierenden Sozialismus“ in der DDR und ihren Nachbarländern; sein Untergang war zu einem großen Teil im Scheitern des planwirtschaftlichen Bau- und Wohnungswesens begründet. Dem gegenüber galten das bundesdeutsche gemeinnützige Modell und seine Entsprechungen in den westlichen Nachbarländern lange als ein goldener Mittelweg zwischen Raubtierkapitalismus und Planwirtschaft, der das Potenzial besaß, soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlicher Nachhaltigkeit zu verbinden. Seit den 1970er-Jahren verblassten jedoch auch diese Hoffnungen, ungeachtet des durch den Massenwohnungsbau in nie gekannter Weise gestiegenen durchschnittlichen Lebensstandards. Die großen Wohnungsbaugesellschaften Westeuropas wurden zwar weiterhin als Garanten von Wohnkomfort und bezahlbaren Mieten gefeiert, andererseits jedoch als Zwangsumsiedler und Kahlschlagsanierer angeprangert. Letzteres führte in West-Berlin und anderen westdeutschen Großstädten zu einem grundlegenden Imagewandel. Wurden die Massensiedlungen zuvor mit Arbeiterwohl und sozialer Gerechtigkeit assoziiert, sah man sie nun zunehmend als Produkte einer seelenlos hierarchischen Stadtplanung ohne Bürgerbeteiligung. Es ist nicht ohne Ironie, dass zu jener Zeit sowohl die Wohnungsbaugesellschaften als auch ihre schärfsten Kritiker vorgaben, die Interessen der Armen und gesellschaftlich Benachteiligten zu vertreten. Sowohl in der Bundesrepublik als auch in vielen anderen westlichen Ländern stand am Ende die Gleichsetzung von Wohnblöcken mit Elend und Gewalt, und als letzter Ausweg der Abriss. Am spektakulärsten traf es 1972 die Sozialbausiedlung Pruitt-Igoe in St. Louis oder 1986 die „Debussy-Scheibe“ in La Courneuve bei Paris, die beide unter großem Medienrummel gesprengt wurden.
Bis heute im Repertoire der Städtebauer
In anderen Weltgegenden verlief die Entwicklung sehr anders. In Indien oder China etwa gehören unterschiedliche Varianten des Massenwohnungsbaus bis heute zum Repertoire zeitgenössischer Städtebauer – offensichtlich ohne größere Diskussionen. Neben kulturellen Faktoren spielt der soziale Kontext eine wichtige Rolle für die dortige Popularität der Wohnblöcke. Bis in die 1970er-Jahre etwa hatte der durchschnittliche Bewohner von Shanghai statistisch klägliche vier Quadratmeter Wohnraum – weniger als die Größe eines Doppelbetts. 2006 war es mit etwa zwanzig Quadratmetern immer noch nur die Hälfte von dem, was der Durchschnittsdeutsche zur Verfügung hat. In Mumbai ist jede feste Behausung ein Privileg – sechzig Prozent der Stadtbewohner leben gegenwärtig in selbstgebauten Hütten oder auf der Straße. Auch die monotonste Wohnblocksiedlung bietet hier vergleichsweise Luxus: Privatsphäre und sanitäre Einrichtungen.
Dass die staatlich gesteuerte Wohngleichheit ihren Preis hat, merkt man aber in beiden Ländern. Massenproduzierte Stockwerksbauten sind, anders als Wellblechhütten, extrem unflexibel in ihrer Nutzung. Weder kann man sie anbauen, wenn die Familie größer wird, noch lassen sie sich in Heimwerkstätten und Kleinstläden umfunktionieren. Speziell für die Armen ist der Wohnblock damit nicht in allen Fällen eine Verbesserung. Ihre neue Unfreiheit verstärkt sich durch die Abhängigkeit von staatlicher Organisation. In beiden Städten gibt es jedoch auch Massenwohnungsbau für reichere Schichten. In der Boomstadt Schanghai etwa werden leicht variierte Versionen von Wohnblöcken à la Berlin-Marzahn für eine wachsende Mittelschicht errichtet. In Mumbai sind die bröckelnden Hochhäuser, die von Stadtverwaltung und Staatsbetrieben in den 1960er- und 1970er-Jahre errichtet wurden, zu einem Notanker für viele Abstiegsgefährdete geworden, die von einem überhitzten Immobilienmarkt sonst in die Obdachlosigkeit gedrängt würden. Damit ist auch etwas über die Entwicklungsfähigkeit der „Weltkultur Wohnblock“ gesagt. Der Massenwohnblock wurde eben gerade nicht als soziokulturelles Fertigprodukt von Westeuropa aus in die Welt verschifft. Vielmehr entstand seine gesellschaftliche Bedeutung vor dem jeweiligen lokalen Hintergrund und ist bis heute flexibel. Ein Zusammenhang zwischen Massenarchitektur und sozialem Unfrieden, wie ihn etwa viele Kommentatoren im Oktober 2005 nach den Ausschreitungen in den französischen Vorstädten diagnostizierten, lässt sich im internationalen Vergleich nicht feststellen. Architektur allein erzeugt eben weder Frieden und Gerechtigkeit noch Elend und Gewalt.
Florian Urban
lehrt Architektur- und Stadtgeschichte an der Technischen Universität Berlin. Im Sommer 2009 erscheint sein Buch „Tower and Slab – a Global History of Mass Housing” bei Princeton Architectural Press.
lehrt Architektur- und Stadtgeschichte an der Technischen Universität Berlin. Im Sommer 2009 erscheint sein Buch „Tower and Slab – a Global History of Mass Housing” bei Princeton Architectural Press.
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März 2009
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