Deutsche Fotografie heute

Auffächerung in viele Richtungen: die wichtigsten Schulen für Fotografie in Deutschland

Daniel Rosenthal:
„G8-Gipfel Heiligendamm“, 
Copyright: Daniel RosenthalDie deutsche Nachkriegsgeschichte war, was die Fotografie-Ausbildung anging, von einer durchaus fruchtbaren Konkurrenz zwischen Ost und West gekennzeichnet.

Im Osten gab es die Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst als nicht nur eine der ältesten Akademien Deutschlands, sondern auch als die Hochschule, an der 1913 die erste Professur für künstlerische Fotografie eingerichtet worden war. Sie war nach 1945 wichtigstes Institut der Fotografen-Ausbildung nahezu des ganzen Warschauer Pakts, sieht man von einigen Filmschulen in Polen, dem Baltikum und der Sowjetunion ab. Im Westen gab es mit Otto Steinert – der erst in Saarbrücken und ab 1959 in Essen lehrte – und einigen etwas jüngeren Lehrern wie Pan Walther oder Gottfried Jäger mehrere starke Persönlichkeiten, die ein eher subjektives Programm verkörperten.

Als zu Beginn der 1980er-Jahre die DDR-Fotografie zu einem begehrten Handelsartikel im Westen wurde, war dort gerade mit Bernd Becher ein Lehrer für Fotografie an die Düsseldorfer Akademie berufen worden. Die 1980er-Jahre sind daher durch eine Konkurrenz der beiden Hochschulen in Düsseldorf und Leipzig gekennzeichnet, die auch durch die Wiedervereinigung 1990 nicht aufgehoben, sondern durch Leipziger Neuberufungen eher verstärkt wurde. Die letzte Wirkungsstätte Steinerts in Essen erlitt durch ihre Integration in die dortige Gesamthochschule einen schweren Stoß, den selbst eine engagierte Pädagogin wie Angela Neuke bis zu ihrem frühen Unfalltod 1997 nicht auffangen konnte. Nach wie vor scheint die Lehre auf das akademische Klassensystem nicht verzichten zu können. Immerhin aber gibt es eine Auffächerung in viele Richtungen, die für die deutsche Fotografie eine insgesamt gute Basis im internationalen Vergleich bietet.

Düsseldorf

Von 1976 bis 1996 leitete Bernd Becher eine Klasse an der Akademie Düsseldorf, die den Anspruch höchster künstlerischer Qualität in der deutschen Fotografie über drei Generationen von Schülerinnen und Schülern hinweg halten konnte. Ab 2000 wurde diese Klasse von Bechers Schüler Thomas Ruff betreut, und seit 2008 hat Christopher Williams diesen Lehrstuhl inne.

Seit den frühen 1990er-Jahren konzentrierte sich Thomas Ruff nahezu ausschließlich auf die Übernahme von Fotografien aus alten Archiven, Sammlungen und Zeitungen. Diese Bilder reproduziert er, verändert sie gelegentlich in der Reproduktion, und vor allem vergrößert er sie auf Formate, die sie gemeinsam mit der Platzierung in Ausstellungen und Museen als bildende Kunst ausweisen – die Fotografie als Readymade im Sinn Marcel Duchamps und darüberhinaus als Verweis auf das Unnötige eines Beharrens auf objektiver Abbildung.

Ruffs Schülerinnen und Schüler an der Düsseldorfer Akademie hatten dieses Programm ganz oder teilweise übernommen. Was die neueren Entwicklungen an dieser Akademie bringen, ist noch nicht absehbar.

Leipzig

Mit Timm Rautert und Joachim Brohm haben um 1990 zwei Schlüsselfiguren der westdeutschen Fotografie aus den 1970er- und 1980er-Jahren an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst den Unterricht übernommen; im Übrigen waren noch eine Reihe von Lehrern aus der alten Hochschulstruktur vorhanden, die wie Rautert inzwischen die Schule verlassen haben. Aus der HGB Leipzig sind bislang vor allem komplexe Formen des Dokumentarischen bekannt geworden, wie sich in den sozial engagierten Arbeiten von Katja Klose oder in den Porträtserien von Anna Katharina Olthoff ablesen lassen. Beide waren 2008 auf dem Leipziger Festival F/STOP prominent vertreten, das sich eng an die HGB angelehnt hatte, nun aber aus dessen Schatten heraustritt. Solange Joachim Brohm Rektor der HGB ist, wird er von Heidi Specker vertreten; mit Tina Bara und Peter Piller lehren zwei weitere profilierte Figuren der deutschen Fotoszene in Leipzig.

Andere Schulen

Peter Bialobrzeski:
„Neon Tiger City 1“, 2000,
Copyright: Peter BialobrzeskiGenerell lässt sich auch hier feststellen, dass die Fotografie in der Kunst angekommen ist – fast überall sind Fotoprojekte in den Klassen von Bildhauern, Lichtkünstlern, Malern und Zeichnern vertreten. Aber auch die eine oder andere reine Fotoklasse wurde erhalten, vor allem an den Hochschulen, an denen Kunst und Design gleichermaßen gelehrt wird.

Fotoklassen von sehr unterschiedlicher Ausrichtung unterhalten diverse Fachhochschulen, etwa die Klasse von Rolf Nobel an der FH Hannover, die von Katharina Bosse an der FH Bielefeld oder die von Susanne Brügger an der FH Dortmund. Sie seien hier stellvertretend für den klassischen Konflikt benannt, der sich im streng regulierten FH-Alltag aus staatlichen Lehrzielen und freien Ansprüchen einer fotografischen Kunst ergibt.

An der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe ist die Fotografie Teil der Medienkunst, und die Klasse von Elger Esser – durch unterschiedliche Gastprofessuren unterstützt – folgt diesem Credo durch eine breit gestreute Interessenslage. Unabhängig von seiner Prägung durch die Düsseldorfer Becher-Schule finden sich hier große Serien von Porträts und Interieurs wie die von Frederik Busch und narrative Sequenzen wie die von Patricia Roeder. Deutlicher anwendungsorientiert und mit einem spezifischen Hang zum architektonischen Raumbild stellen sich die Klassen von Peter Bialobrzeski in Bremen und von Vladimir Spacek in Mainz vor, die auch immer wieder mit Ausstellungen an die Öffentlichkeit treten. Erst vor kurzem hat Wiebke Leister die künstlerische Professur für Fotografie an der Folkwangschule in Essen von Jörg Sasse übernommen, und die Klasse von Wolfgang Tillmans an der Städelschule Frankfurt scheint zu wenig profiliert, um als solche wahrgenommen zu werden.

Damit mag einmal mehr die Position der Fotografie an deutschen Kunstakademien so bestimmt werden, dass sich immer wieder in einzelnen Klassen Projektgruppen zusammenfinden, die ganz bemerkenswerte Impulse in die Fotoszene tragen, sich danach aber auch wieder anderen Medien zuwenden. Ein Beispiel dafür ist die Klasse des Lichtkünstlers Daniel Hausig an der Hochschule der Bildenden Künste Saarbrücken. Ebenso wichtig erscheint jedoch der zunehmende Einfluss privater Ausbildungsanstalten, die sich zwar primär an zukünftige Designerinnen und Designer wenden, jedoch auch immer wieder erfolgreiche Teilnehmer an Kunstausstellungen ins Rennen schicken.
Prof. Dr. Rolf Sachsse
lehrt Designgeschichte und Designtheorie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2009

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