Deutsche Fotografie heute

Museen – Ausstellungen – Magazine: die fotografische Szene in Deutschland

Blick in die Ausstellung „A Clear Vision“ , Haus der Photographie in den Deichtorhallen, 2003, 
Copyright: Deichtorhallen/Ingo TaubhornEine gestalterische Szene besteht sicher nicht nur aus den Produzentinnen und Produzenten, sondern auch aus den Institutionen der Vermittlung und vor allem aus dem Publikum. Letzteres ist schwer zu beschreiben, aber die Instanzen der Übertragung von der Produktion zur Konsumtion sind leicht anzugeben. Drei seien hier stellvertretend für alle genannt, die Museen, die Ausstellungen und die Magazine.

Hinzu kommt am Ende eine Wissenschaft, die sich mit der Wirkung fotografischer Bilder auf die Menschen beschäftigt und die Umstände ihrer Entstehung beschreibt.

Die Museen

Nachdem die deutschen Museen in den 1970er-Jahren diverse Kabinette mit Fotografiepräsentationen eingerichtet hatten und insgesamt durch Aufbau von Sammlungen wie durch große Ausstellungen das Medium selbst verbreiteten, hat sich seit Beginn des neuen Jahrhunderts die Begeisterung abgekühlt. Deutsche Fotografie, obwohl international erfolgreich, wird seit langem nur wenig gezeigt – mit Ausnahme einiger Wiederentdeckungen wie Martin Munkácsi oder Heinz Hajek-Halke. Obwohl der 2005 verstorbene Peter Keetman seit langem mit seinen Prints Höchstpreise auf dem internationalen Kunstmarkt erzielt, hat es außer zwei kleinen Präsentationen in den Jahren 1998 und 2003 keine umfassende Ausstellung zu seinem Leben und Werk gegeben. Die für viele anderen Künstler üblichen Kabinette sind für Fotografinnen und Fotografen bis heute nicht eingerichtet worden, obwohl die Wertschätzung etwa eines Otto Steinert oder Albert Renger-Patzsch mit der eines Ernst Nolde oder Otto Dix gleichzusetzen ist, für die es selbstverständlich eigene Museen gibt.

Museum der Arbeit, Wiesendamm 3, Eingang Neue Fabrik,
Copyright: Museum der Arbeit/Foto: Karin PlessingEine Ausnahme von dieser eher unschönen Regel bilden einige Regionalmuseen, die sich abseits der großen Ströme und Themen zu eigenständigen Orten der Bildpräsentation entwickelt haben. An erster Stelle ist hier das Ruhrlandmuseum in Essen zu nennen, dessen vielfältige Aktivitäten in der Fotografie bereits die am gleichen Ort ansässige Fotografische Sammlung des Folkwang-Museums zu überstrahlen beginnen. Neue Museumstypen mit großem fotografischen Anteil entstehen allerdings auch noch von Zeit zu Zeit, etwa das, auf einer privaten Initiative beruhende, Hamburger Museum der Arbeit, das eine ungewöhnlich große und umfassende Sammlung von Industriefotografien besitzt. Gelegentlich werden große Sammlungen wie die von Ann und Jürgen Wilde in Museen übernommen, hier in die Pinakothek der Moderne in München. Andernorts schlummern noch immer große Konvolute in Depots und Kellerräumen, etwa die Sammlung von Otto Steinert im Saarlandmuseum Saarbrücken.

Ausstellungen

Blick in die Ausstellung von Martin Parr, Haus der Photographie in den Deichtorhallen , 2004,
Copyright: Deichtorhallen/Ingo TaubhornDer sicherlich beste Vermittlungsaspekt in der deutschen Fotoszene der letzten Jahre ist die nahezu unüberschaubare Fülle von Ausstellungen, die es möglich machen, dass man zu jeder Zeit an fast jedem Ort hervorragende Fotografien sehen kann. Die Zeit der Blockbuster Shows in der Fotografie scheint vorbei zu sein; dafür gibt es viele gute Retrospektiven – etwa von Helmut Newton, Michael Ruetz oder Gisèle Freund –, die durch zahlreiche Städte touren und damit mehr für die Bekanntheit des Mediums tun als spektakuläre Events. Hervorragende Arbeit leisten auch zahlreiche private Initiativen, wie etwa das C/O Berlin von Stephan Erfurt, und schließlich eine ganze Reihe von Galerien, deren Arbeit über den üblichen Kunsthandel hinausgeht; hier seien stellvertretend für andere zwei aus Köln genannt: Thomas Zander und Kudlek van der Grinten Galerie.

Magazine

Cover Camera Austria, 105/2009
Hans van der Meer, Hamme, Belgien, 1999. C-print auf Aluminium, 67 cm x 100 cm,
Copyright: Camera AustriaSchlecht sieht es im Gegensatz zur Ausstellungstätigkeit mit den Magazinen aus, die sich der Fotografie in Deutschland widmen. Letztlich sind vom künstlerischen Anspruch her nur die aus einer früheren Zeitschrift hervorgegangene, nur mehr unregelmäßig erscheinende European Photography und als Informationsblatt die PhotoNews übrig geblieben, sieht man von der österreichischen Camera Austria ab, die als einzige deutschsprachige Zeitschrift ihrer Art Weltniveau beanspruchen darf.

Im Design ist es glücklicherweise so, dass doch eine Reihe von Zeitschriften wie der Design-Report, Designer’s Digest und form wenn nicht feste Rubriken für die Fotografie, so doch einen regelmäßigen Blick auf dieses Medium werfen. Daneben widmen sich Blätter wie Photo-International den ökonomischen Aspekten der Fachpublizistik, auch mit einigem Augenmerk auf der Positionierung deutscher Fotografie in der internationalen Szene. Doch setzt in der Amateurfotografie kein Blatt mehr irgendeinen Maßstab in der Auseinandersetzung mit der Fotografie; hier sind die Computerspiele und andere Beschäftigungen vorrangig.

Wissenschaft

Dafür, dass es kaum Institutionen mit Anspruch und Repräsentanz gibt, hat sich die wissenschaftliche Bearbeitung der Fotografie in Deutschland verhältnismäßig gut entwickelt. Zwar ist das ambitioniert gestartete Deutsche Centrum für Fotografie in Berlin öffentlich bis zur Unkenntlichkeit kleingespart worden, dennoch wird dort im Kleinen und fast Geheimen unter der Leitung von Ludger Derenthal gute Arbeit geleistet. Allerorten gibt es kleine, präzis erarbeitete Ausstellungen zur Geschichte der Fotografie; fast täglich werden alte Namen neu entdeckt. Die Zahl der abgeschlossenen Magisterarbeiten und Dissertationen zur Fotogeschichte ist mittlerweile dreistellig und in stetem Wachstum begriffen.

Allerdings kommen hier die wenigsten Arbeiten aus einer genuinen Fototheorie – es gibt nur eine Professur für dieses Fach in Deutschland. Lange Zeit waren in diesem Bereich die Literaturwissenschaften führend, doch die haben sich wieder anderen Themen zugewandt. Eine neue, jedoch noch kaum wahrnehmbare Spur scheint die Kommunikationsforschung zu legen – vor allem werden dort immer mehr Untersuchungen jenseits der monografischen Darstellung einzelner Künstlervitae von Fotografinnen und Fotografen angeregt. Und die historischen Wissenschaften haben die Fotografie längst als integralen Bestandteil ihrer Arbeit entdeckt, wovon allein die zunehmende Zahl an Fotokritiken in der Onlinezeitschrift Zeithistorische Forschungen zeugt. Die deutsche Fotografie ist endgültig da angekommen, wo sie immer hin wollte: Sie ist ein Medium und vermittelt Bildwissen in Design, Kunst und Wissenschaft.
Prof. Dr. Rolf Sachsse
lehrt Designgeschichte und Designtheorie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2009

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