
Das Bilderbuch ist in Deutschland traditionell ein unterbewertetes Medium. Dennoch haben gerade in Deutschland und in den angelsächsischen Ländern immer große Zeichner Bücher für Kinder gemacht. Auf das Bilderbuch wurde von Anfang an große künstlerische und inhaltliche Sorgfalt verwendet– nicht obwohl sondern gerade weil es sich an Kinder richtet.
Die ersten Bilderbücher dienten der Belehrung und waren nur einer Elite zugänglich, erst im 19. Jahrhundert setzt sich die unterhaltsame Bildergeschichte durch. Die wendet sich zunächst durchaus nicht nur an Kinder – denken wir an Wilhelm Busch oder Ludwig Richter.
Was macht ein gut illustriertes Bilderbuch aus?
Natürlich fängt es meist mit einem guten Text an. Eine Geschichte mit einer stark verkürzten Dramaturgie zu erfinden, mit Witz, Spannung und einer guten Schlusspointe ist oft eben so schwierig wie ein relativ komplexes literarisches Gebilde zu schaffen. Oft überzeugen die Bücher am meisten, deren Illustratoren auch die Autoren sind, weil sie die Geschichte von den Bildern oder Figuren her entwickeln.
Zunächst muss der Zeichner dem Protagonisten der erzählten Geschichte ein Gesicht, einen Körper geben. Zudem müssen der Ort, der Zeitpunkt der Handlung (Jahres- und Tageszeit), die anderen Figuren definiert werden. Darauf folgen die formalen Fragen: Welche Form der Darstellung, welche Technik benutze ich, welches Format wähle ich, welche Bilddramaturgie, wie setze ich den Text typografisch ein? Ein Bilderbuch ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Bildern, die Details aus Geschichten erzählen. Die Bildfolge ist ebenso wichtig wie die Einzelbilder. Spannung entsteht nicht nur aus der Geschichte selbst. Der Illustrator muss ein guter Regisseur sein, er muss seine Figuren geschickt durch Orte und Handlungen führen. Die Storyboards von Filmregisseuren sehen kaum anders aus als die Planungszeichnungen von Bilderbuchillustratoren.
Bilderbücher sind kleine Gesamtkunstwerke, die verschiedene Disziplinen verbinden. Ein Element, das in der Aufmerksamkeit der Betrachter wohl am meisten vernachlässigt wird, ist die Schrift. Im Zusammenspiel mit der Illustration und in der Interpretation des Textes spielt die Wahl der Type, die Schriftgröße und die Platzierung der Schriftzeile eine wichtige Rolle. Obwohl fast alle Illustratoren ausgebildete Grafiker sind, die sich auch mit Typografie beschäftigt haben, ziehen die meisten einen Spezialisten zu Rate. Auch die Oberfläche und Qualität des Papiers und Buchumschlags spielt bei einem bibliophilen Meisterwerk eine wichtige Rolle. Meist werden viele Bilderbücher gleichzeitig auf riesigen Maschinen gedruckt – eine individuelle Papierwahl oder Farbkorrekturen sind nicht mehr möglich. Hier spielen, wie bei vielen anderen scheinbar unwichtigen Details, die Kosten eine erhebliche Rolle.
Es ist schwierig, eine sichere, gekonnte Zeichnung von einer vielleicht effektvollen, aber nicht gelungenen zu unterscheiden. Stimmt die Stilisierung der Figuren? Wie ist das Bild aufgebaut? Ist es in sich stimmig? Wie geht der Künstler mit Perspektive, mit Licht und Raum um? Hat das Bild Atmosphäre? Und vor allem: Steckt dahinter ein Mensch, der eigene Welten schaffen kann, der den Betrachter hineinzieht in seine Bilder? Hat das Buch innere Bilder wachgerufen, eine Saite zum Klingen gebracht? Oder schlägt man das Buch zu und erinnert sich an nichts mehr?
Die Ausbildung von Illustratoren
Das Bilderbuch für Kinder wird in der Regel von einem Autor, einem Illustrator, einem Typografen, einem Lektor und der Herstellungsabteilung eines Verlags betreut. Bilderbuchillustratoren studieren traditionell auf Hochschulen, wo Fächer wie Buchgestaltung und –herstellung sowie Typografie neben dem figürlichen Zeichnen zur Ausbildung gehören. Einige Hochschulen haben sich auf Buchillustration spezialisiert: so hat die Hochschule für Buchkunst in Leipzig eine bedeutende Tradition in handwerklich solider und einer künstlerisch sehr freien Ausbildung. In Hamburg tun sich erfolgreiche junge Illustratoren in Ateliers zusammen, sie haben fast alle auf der Fachhochschule bei Rüdiger Stoye studiert. Bilderbuch und Comic sind auch Schwerpunkte in der Hochschule in Luzern.
Allerdings sollten Zeichengrundlagen, wie Musikinstrumente, in jungen Jahren gelernt, begabte Kinder früh gefördert werden. Vielleicht bietet die Ganztagsschule eine neue Möglichkeit.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
März 2005