Kunstmarkt in Deutschland

Max Hollein im Gespräch über den Kunstmarktboom – Von alten Mechanismen und neuen Märkten

Max Hollein, Direktor Schirn Kunsthalle Frankfurt; Cop.: Fotograf: Alexander Heimannn, 2002
Max Hollein
Max Hollein ist Direktor der Schirn Kunsthalle, des Städelmuseums und der Skulpturensammlung im Liebighaus in Frankfurt. In mehreren Büchern hat er sich mit dem Verhältnis von Kunst und Markt auseinandergesetzt.

Daniela Gregori: Ein aufgeheizter Markt, wahnwitzige Preise, immer jünger werdende Talente, was unterscheidet den momentanen Kunstmarktboom eigentlich vom dem der achtziger Jahre?

Max Hollein: Es gibt kaum Unterschiede. Es ist dasselbe Symptom, dasselbe System und es sind die selben medialen Reaktionen. Liest man in Artikeln aus dieser Zeit nach, stößt man auf nahezu die gleichen Aussagen über diesen enormen Hype, das große Käuferinteresse, wie auch den Vorwurf, dass Kunst zur Ware verkommt. Nebenbei bemerkt sind dies auch eben jene Reaktionen, die es bereits auf den Boom der sechziger Jahre gab. Der große Unterschied ist, dass heute die Preise nochmals höher sind.

Zwei Faktoren sind für solch einen Boom wichtig: Hohe liquide Mittel der bereits existierenden Marktteilnehmer und eine Gruppe von Interessierten, die für eine zusätzliche Nachfrage sorgt. Hohe Liquidität und große Nachfrage durch eine neue Sammlerschaft sind momentan in Asien, Russland und Indien spürbar. Ansonsten greift hier derselbe Mechanismus wie die beiden Male zuvor, es ist die junge aktuelle Kunst, hauptsächlich die Malerei, die diesen Hype erfährt.

Wie sehr beeinflussen Ausstellungsbeteiligungen eines Künstlers dessen Marktpräsenz?

Tag der Offenen Tür – Zwanzig Jahre Schirn Ausstellungsansicht 'Die Eroberung der Strasse'; Cop.: Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2006; Fotograf: Alex Kraus
Schirn Kunsthalle
Frankfurt

Unsere Rolle in der Schirn und im Städel ist ja eine andere, wir sind ja kein Kunstverein. Jedoch hat eine Ausstellung in der Schirn sicher einen gewissen Einfluss auf die Preisentwicklung eines Künstlers, alleine schon dadurch, dass ein Katalog produziert wird und damit das Werk nochmals ganz anders vor Augen steht. Ausstellungsbeteiligungen steigern natürlich insgesamt die Aufmerksamkeit für einen Künstler in der Öffentlichkeit. Oft folgt dem medialen Interesse bei Ausstellungen der jüngeren und jüngsten Generationen auch das Interesse des Marktes. Das Städel zeigt bis auf die jährliche Präsentation der Absolventen der Städelschule kein zeitgenössisches Programm. Für die Absolventen ist dies ja der erste Kontakt mit einem breiteren Publikum, und wenn die Stimmung entsprechend aufgeheizt ist, kann es schon sein, dass einige von denen, die mit einem überdurchschnittlichen Gehalt ausgestattet sind, dann auch meinen, nun ganz junge Kunst kaufen zu müssen.

Liegt es daran, dass es schick geworden ist zu sammeln?

Sotheby's Auktion in Hong Kong, 200 Kunstwerke wurden im Wert von 22 Mio US Dollars versteigert; Cop.: Picture-Alliance; Fotograf: Xinhua /Landov
Sotheby's Auktion
Auch dies hängt mit dem Boom zusammen, ebenso wie eine gewisse mediale Aufmerksamkeit für zeitgenössische Kunst, die nicht mehr von Fachmagazinen und dem Feuilleton rezipiert wird, sondern von Mode- und sonstigen Lifestylemagazinen. Auch ganz junge Künstler finden hier Eingang und werden so quasi salonfähig gemacht. Man entwickelt hier einen Zugang zu einem Publikum, das solche Informationen sonst nicht so schnell erreicht hätte.

Kommt diese Salonfähigkeit nicht eher einer Nivellierung auf der Ebene von Design, Innenausstattung, Lebensstil gleich?

Ja, nur ist die Frage, wer das Zielpublikum ist. Es mag sein, dass für diese Leute ein Artikel in einem Hochglanzmagazin die Entscheidungshilfe dafür bietet, ob man sich nun ein Möbel kauft oder ein Kunstwerk. Es verstehen immer mehr Leute als ein Statement zur eigenen Lebenskultur, lieber die Zeichnung eines jungen Künstlers an die Wand zu hängen als einen Druck von van Gogh. Mag sein, dass dies ein oberflächlicher Zugang ist, doch es schafft im allgemeinen einen guten Resonanzkörper für die zeitgenössische Kunst. Und ein aktiver Kunstmarkt ist trotz seiner Fallstricke und Problematiken ein guter Nährboden für das allgemeine Rezeptionsverhalten von Zeitgenössischem.

Welche Rolle spielt hierbei die Kunstkritik?

Cover zu Hollein, Max: Zeitgenössische Kunst und der Kunstmarktboom; Verlag: Böhlau, 1999ISBN-10: 3-205-99133-8; ISBN-13: 9783205991335; Cop.: Verlag: Böhlau, 1999
Buchcover
In diesem Falle spielt sie keine Rolle mehr. Freilich wird die Kunstkritik als Meinungsäußerung und intellektuelle Herausforderung schon ernst genommen, doch für das Marktgeschehen, ob ein Künstler nun erfolgreich wird oder nicht, spielt sie überhaupt keine Rolle. In Boom-Zeiten haben die Marktteilnehmer schon längst vorher entschieden, was sie gut finden. Die PopArt beispielsweise wurde ja zu Beginn von der Kritik in Grund und Boden geschrieben, doch die Galerienszene und die Sammler haben euphorisch reagiert, lange bevor derlei in die Museen gekommen ist.

Wie endet ein Kunstmarkt-Boom?

Ein Kunstmarktboom ist ja immer die Folge von etwas. Diesmal sind es eine gute Konjunktur und eine nochmals verstärkt globalisierte Wirtschaft, die eine hohe Liquidität und eine gesteigerte Nachfrage an Luxusgütern schaffen. Wenn diese Konjunktur einbricht, werden die Gelder noch kurz in nicht so inflationsanfällige Waren investiert. Es dauert dann noch zirka ein Jahr, bis auch der Kunstmarkt einbricht. Es ist dies alles ganz simpel.

Sein Studium der Kunstgeschichte und der Betriebswirtschaft in Wien hat Max Hollein mit einer Arbeit über Aktuelle Vertriebsformen im Handel mit zeitgenössischer bildender Kunst abgeschlossen, danach war er fünf Jahre lang im New Yorker Guggenheim Museum tätig. Seit 2001 ist er Direktor der Schirn Kunsthalle und seit 2006 zudem des Städelmuseums und der Skulpturensammlung im Liebighaus in Frankfurt am Main. Als Kurator zeichnete Hollein im Jahr 2000 für den amerikanischen Beitrag der Architekturbiennale von Venedig verantwortlich, 2005 für den österreichischen Pavillon der dortigen Kunstbiennale. Sein Buch über den Kunstmarktboom der achtziger Jahre ist 1999 erschienen.

Max Hollein: Zeitgenössische Kunst und der Kunstmarktboom; Böhlau Verlag, Wien, 1999, ISBN: 978-3-205-99133-5

Daniela Gregori
führte das Interview. Sie ist Kunsthistorikerin und freiberufliche Journalistin und Autorin. 2002–2004 war sie Präsidentin der Österreichsektion des internationalen Kunstkritikerverbandes AICA.

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Mai 2007

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