Strömungen

Go digital - online!

Seit spätestens Ende der 1980er wächst die technologische Entwicklung mit rasender Geschwindigkeit, digitale Schnittsysteme und Kameras bieten Broadcastqualität zu Consumerpreisen; weltweit haben die Schlagwörter 'Vernetzung' und 'Interaktivität' Einzug gehalten.

Der Computer ist längst ein Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs geworden. Seine vielfältige Verwendung verändert gewohnte Wahrnehmungs- und Kommunikationsformen. Der theoretische Diskurs, auf welche Art dies geschieht, und wie dies unsere politischen Handlungsräume verändert, wurde frühzeitig auch auf künstlerischer Ebene aufgegriffen. Mit der Verbreitung des Internets ging bei vielen KünstlerInnen und AktivistInnen die Hoffnung einher, gesellschaftliche und kulturpolitische Machtverhältnisse, wie sie in den Massenmedien reproduziert wurden, (zumindest) im Netz in Frage zu stellen und neue virtuelle Gemeinschaften zu konstituieren.

1990/91 errichtete der Österreicher Wolfgang Staehle 1990/91 in New York und Wien die Mailboxplattform für Kunst und Communityprojekte The Thing, die sich später im World Wide Web auf Rom, Amsterdam, Frankfurt, Berlin und Hamburg ausdehnte. 1993 startete mit Handshake von Barbara Aselmeier, Armin Haase, Joachim Blank und Karl Heinz Jeron auch das erste künstlerische Internetprojekt in Deutschland. Als interaktives Telekommunikationsprojekt konzipiert operierte es noch innerhalb der schriftorientierten Newslisten. Aber nur kurz darauf wurde das World Wide Web durch den Mosaic Browser populär. Die graphisch orientierte Benutzeroberfläche sorgte für eine schnelle Verbreitung außerhalb der bislang hauptsächlich akademischen Internet-Szene.

Wiederum waren KünstlerInnen unter den ersten, die das World Wide Web für sich als freie Experimentierzone entdeckten. So initiierten die Handshake KünstlerInnen zusammen mit Thomax Kaufmann, Frank Kunkel und Gereon Schmitz das Projekt Internationale Stadt in Berlin, eine virtuelle Community in Anlehnung an De digitale Stad in Amsterdam. Es rekonstruierte von 1994 bis 1998 urbane und soziale Begegnungsräume im World Wide Web, bis es wegen fehlender Unterstützung eingestellt werden musste. Auch der Informationsaustausch innerhalb der Medienkunstfachwelt fing an, die kommunikationstechnologischen Möglichkeiten auszunützen: Der Mikro e.V., 1998 von 15 NetzaktivistInnen, darunter Inke Arns, Diana McCarthy, Pit Schulz, Tilman Baumgärtel, Andreas Broeckmann und Thorsten Schilling, gegründet, startete als erste Mailingliste für den deutschsprachigen Raum Rohrpost nach Vorbild der englischsprachigen Mailinglisten Nettime und Rhizome. Sie operiert sowohl als Informationsquelle über bundesweite Veranstaltungen als auch als Diskussions- und Austauschplattform.

Nettime Liste; Copyright: http://www.nettime.org/

Ausreizung der webimmanenten Möglichkeiten

Der Netzkünstler Joachim Blank schreibt zur Situation der Netzkunst in dem Katalog der 3. Werkleitz Biennale 1998 Sub Fiction:

„Von der Website in schwarz weiß oder dem gänzlichen Verzicht auf Design-Elemente wird mit allem experimentiert, was Ausbrüche aus dem zwar jungen, aber langweilig durchgestylten WWW erlaubt. Netzkünstler erforschen die Konventionen des Netzes und ihrer virtuellen Besucher, indem sie sie überschreiten. Selbst der dem WWW inhärente Hypertext wird kontextualisiert Manche verzichten gleich ganz auf Hyperlinks, andere setzen sie so übertrieben ein, dass jegliche Orientierung verloren geht. Auch so genannte Fake-Projekte sind sehr beliebt. Mit ihnen versuchen Netzkünstler, sich in kunstfremde Gebiete einzunisten, ohne enttarnt zu werden. Dazu kopieren sie Gestaltungselemente eines bestimmten Informationskontextes und übertragen sie in eigene Projekte. Es werden Produkte angeboten, die es nie geben kann, Dienstleistungen versprochen, die kein Mensch halten kann ... Schlagwörter wie Dislokation, Identität, Wahrheit, Wirklichkeit, Territorium, ­ die durch das Netz populär wurden, ­ werden von Netzkünstlern aufgegriffen und oft radikal verarbeitet. Dabei geht es weniger um die Klärung solcher Begrifflichkeiten, sondern um künstlerische Interventionen, die zu Irritationen bei den virtuellen Besuchern führen.“

Netzkunst- und archive

Joachim Blank und Karl Heinz Jeron waren Mitbegründer der Internationalen Stadt, Berlin. Nach deren Auflösung starteten sie die Site sero.org, auf der sie Projekte versammeln, die von der Thematisierung des Datenmülls (rem@il) bis zur Verknüpfung des Netzes mit Real-Environment-Installationen (Scanner) reichen.

Ähnlich arbeitet Franz Alken, der seine subversiven Bot-Netzkunstprojekte wie Superbot 2003 oder Superconsumer 2005 (zusammen mit Karl Rueskaefer) auch als Rauminstallationen vorstellt.

Stephan Schröder, Very Busy; Copyright: Stephan Schröder Eine weitere Kategorie von Netzprojekten beschäftigt sich mit (alternativen) Informationsangeboten: Verybusy.org von Stephan (Spiv) Schröder listet über 1.400 Netzkunstprojekte. Etwas später entstandene und mit wissenschaftlichem Anspruch geführte online Datenbanken zur Netzkunst sind Database of Virtual Art oder Netzspannung.org des Fraunhofer Institutes. Knut Gewers beschreibt in D>ELEKTRO die Entwicklung der elektronischen Musik in Deutschland, und textz.com von Sebastian Lütgert bietet eine Sammlung von Texten internationaler und zum Großteil bekannter AutorInnen kritischer, subkultureller und alternativer Art.

Widerstände gegen das Diktat des ständig Neuesten und Teuersten

Die von der Industrie betriebene Aufrüstung immer neuerer, besserer und schnellerer Technologie zog ständig neue Investitionen auf Seiten der Nutzer nach sich. Dagegen entwickelten KünstlerInnen Low-Tech-Strategien, die bewusst auf den Einsatz der neuesten, teuersten Technologie verzichten und stattdessen versuchen, billige oder ältere Computer- und Videotechnik kreativ auszureizen. Zur Durchbrechung des Softwaremonopols von Microsoft wird oftmals auf Open Source-Programmierung zurückgegriffen, also auf frei zur Verfügung gestellte Software und Quellcodes. Das von einer weltweiten ProgrammiererInnen-Community entwickelte kostenlose Linux Betriebssystem bietet eine ernst zu nehmende Alternative zu den kommerziellen Systemen und wurde deswegen auf der Ars Electronica in Linz 1999 mit der Goldenen Nica ausgezeichnet. Neben der Stabilität und Flexibilität von Linux ist es auch dessen immanente Philosophie „Freier Zugang zu Information und Technologie für alle“, die es für viele BenutzerInnen attraktiv macht.

Die Neuen Medien stehen auf vielen Kunstausstellungen und -festivals gleichberechtigt neben den etablierten Kunstformen. Gemeint ist dabei die digitale Computerkunst, ob Digital Video, CD-Rom, DVD oder Internet. Die Frage des Produktions- und Trägermediums gerät ebenfalls mehr und mehr in den Hintergrund. Ökonomie und Inhalt bestimmen oftmals die Wahl des Mediums. Film, Video, Musik, Animation oder Grafik: go digital!

Einen genauen und differenzierteren Überblick zur Netzkunst gibt Hans Dieter Huber auf der Website Zur Geschichte der Netzkunst: digging the net.

Florian Cramer gibt in seinen 10 Thesen zur Softwarekunst (zu der ein Großteil der Netzkunst gezählt werden kann) einen genauen Einblick in den Diskurs, was unter "Softwarekunst" definiert wird.

Die in der nachfolgenden Literaturliste aufgeführten Publikationen zählen inzwischen zu den Standardwerken über Netzkunst und geben ausführliche Überblicke der ersten Jahre der Netzkunst.

Joachim Blank: Config.Netart in sub fiction Band 1. Hrsg. Werkleitz Gesellschaft e.V., Tornitz 1998, Häuser-Verlag Darmstadt

Arbeitsgemeinschaft Kultur im Großraum Nürnberg, Fürth, Erlangen, Schwabach ( Hrsg.): logbuch. Materialien zu log.in – netz/kunst/werke. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2001

Arns, Inke: Netzkulturen. Europäische Verlagsanstalt, Hamburg, 2002, ISBN: 3434461078

Ausstellungskatalog Extension. Das Netz als Material und Gegenstand. Hefte der Hamburger Kunsthalle, 1997 (Web Version: http://www.hamburger-kunsthalle.de/aext/wettb.htm)

Tilman Baumgärtel: net.art. Materialien zur Netzkunst. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 1999, ISBN 978-3933096173.

Tilman Baumgärtel: net.art 2.0. Neue Materialien zur Netzkunst. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2001, ISBN 978-3933096661.

Oliver Grau: Virtuelle Kunst in Geschichte und Gegenwart. Visuelle Strategien, Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2001, ISBN 3496012307

Peter Weibel und Timothy Druckrey: Net_ Condition: Art and Global Media (Electronic Culture-History, Theory, Practice), MIT Press 2001, ISBN 978-0262731386
Peter Zorn
ist Filmemacher und Medienkunstkurator, Mitbegründer und Vorsitzender der Werkleitz Gesellschaft, dem Zentrum fur kunstlerische Bildmedien Sachsen-Anhalt, sowie im Leitungsgremium der Werkleitz Biennale
www.werkleitz.de

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Februar 2008

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