Bis heute hat der Paradigmenwechsel vom abgeschlossenen materiellen Werk hin zur „Kunst als Situation“ zu zahlreichen raumbezogenen Installationen geführt, in denen die Objekte mit Handlungen auf die unterschiedlichste Art und Weise kombiniert werden.
Vom Happening und der Aktionskunst der 1960er-Jahre inspiriert sind die bühnenartigen Installationen von Jonathan Meese, John Bock, Kai Althoff oder dem Schlingensief-Schüler Ole Aselmann. Die begehbare Rauminstallation Messias Wirtshaus, die Ole Aselmann (*1979) 2008 im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Kunsthochschule Weißensee verwirklichte, hatte hallenartige Ausmaße und verband Video, Malerei, Klänge und Performatives zu einem Gesamtkunstwerk.
Der Betrachter, der diese, nicht selten mit Selbstgebasteltem und transformiertem Industriemüll requisitenartig angehäuften, Settings durchwandert, ist sich des abwesenden Künstlers, der die Szenerie bespielt hat oder mit zukünftigen Aktionen beleben wird, bewusst. Während es ein Anliegen von Joseph Beuys war − entsprechend dem (selbst gestellten) Utopieauftrages der Moderne − Sinnzusammenhänge aufrechtzuerhalten, stehen die heutigen Aktions- und Installationskünstler vielmehr in der Nachfolge eines Martin Kippenberger. Sie beschränken sich darauf, die Logik des Sinns und Un-Sinns der gegebenen Wirklichkeit zu untersuchen und in der postmodernen Orientierungslosigkeit Zeugnis vom eigenen Suchen zu geben.
Bis zur Ununterscheidbarkeit mit den angewandten Künsten in die Gesellschaft hinein verwoben sind die der Ambient Art zugeordneten künstlerischen Installationen. Prominent vertreten wird diese Position durch Tobias Rehberger (*1966). Die vom Künstler gestalteten Möbel, Lampen und Interieurs, in den 1990er-Jahren noch Avantgarde, sind heute etabliert. Für die 53. Biennale in Venedig gestaltete Rehberger 2009 den Innen- und Außenbereich eines Cafés. Die Arbeit, der der Künstler den Titel Was Du liebst, das bringt dich zum Weinen gab, wurde nicht nur ausgiebig von den Besuchern benutzt, sondern auch mit dem Goldenen Löwen als höchste Auszeichnung für einen teilnehmenden Künstler geehrt.
Eine abgewandelte Franchise-Version des Cafés ist permanent auch in der Kunsthalle Baden-Baden zusehen. Die in einem Op-Art-Camouflage-Muster gestalteten Wände des Cafés gehen optisch in das Mobiliar über, sodass der Raumeindruck ein umfassender und totaler ist.
Für jeden nutzbar sind auch die Räume des Performance Hotels im Stuttgarter Osten − ein Projekt von Kunststudenten der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und der Hochschule der Bildenden Künste HBK-Saar. Seit Sommer 2009 kann in den von der Künstlerin Ellen Voges (*1977) gestalteten Räumen jeder übernachten, der bereit ist, als Gegenleistung für Kost und Logis sich selbst künstlerisch zu betätigen und eine Performance aufzuführen.
Die Idee zu dem ersten Performance Hotel in Deutschland stammt von dem Christian Jankowski-Schüler Byung Chul Kim (*1974). Als Hoteldirektor wird Byung Chul Kim noch bis Sommer 2011 im Performance Hotel tätig sein, dann wird das Grundstück von der Stadt Stuttgart anderweitig genutzt.
Interaktion
Ein wichtiger Aspekt des Performance Hotels ist es, dem Betrachter selbst eine aktive Rolle am Entstehen des künstlerischen Prozesses und damit der Installation zuzuweisen. Die Spannbreite derartiger interaktiver Installationen reicht von unterhaltend bis diskursbildend.
So hat Christian Jankowski (*1968) beispielsweise im Rahmen seiner Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart eine Karaokebar aufgebaut, in der die Besucher zum Mitsingen animiert wurden, während die Installationen der Dresdner Reinigungsgesellschaft vertreten durch Henrik Mayer (*1971) und Martin Keil (*1968) aus der Beschäftigung mit den vorgefundenen räumlichen und sozialen Verhältnissen heraus entstehen.
Sie erarbeiten ihre Projekte zu Themen wie Zukunft der Arbeit, Migration oder Demokratieentwicklung vor Ort in Auseinandersetzung mit den Beteiligten und beziehen diese auch körperlich mit ein, wie bei der permanenten Installation Keep fit for the Jobmarket (2006) im Museum Arbeitswelt in Steyr in Österreich. Die Rauminstallation thematisiert metaphorisch den zunehmenden Leistungsdruck von Selbständigen, indem deren Videoporträts mittels Ergometer nur durch die Körperkraft der Besucher aktiviert und damit zum Laufen gebracht werden können.
Reinigungsgesellschaft: Video zum Projekt „Keep fit For The Jobmarket“