Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Marktplatz der Visionen – die Ausstellung „ECM – eine kulturelle Archäologie“

Ralf DombrowskiMit „ECM – eine kulturelle Archäologie“ erkundet das Münchner Haus der Kunst am Beispiel der seit 1969 aktiven Plattenfirma ECM das Wechselspiel von Bildeindruck, Klangempfinden und Ästhetik. Im Zentrum stehen die Fragen der Sichtbarmachung von Musik und der Grenzüberschreitung zu anderen Künsten. Ein Rundgang.

Der Trompeter Don Cherry als Plakatmotiv der Ausstellung „ECM – Eine kulturelle Archäologie“, Foto: Ralf DombrowskiPlakatwand „ECM – Eine kulturelle Archäologie', Foto: Ralf Dombrowski

Schick und charismatisch sah er aus. Als wäre er ein Model, das Werbung für eine Modekette unserer Tage macht, so wirkt das Fotoporträt des verstorbenen Jazztrompeters Don Cherry auf dem Plakat der Ausstellung ECM – eine kulturelle Archäologie. Es ist ein Blickfang und zugleich ein Hinweis auf die Idee, die hinter dem ungewöhnlichen Projekt steht, Musik und deren Diskurs in ein Haus zu holen, das üblicherweise der Bildenden Kunst und deren Disziplinen verpflichtet ist. Okwui Enwezor – vormals Kurator der Documenta 11 (2002) in Kassel oder auch der Biennale für zeitgenössische Kunst in Sevilla (2006) und seit Oktober 2011 Leiter des Münchner Hauses der Kunst – geht es um die Sichtbarmachung von Musik, um die Überschreitung der Gattungsgrenzen in Form eines übergeordneten künstlerischen Prinzips, das sich seiner Meinung nach in der Münchner Plattenfirma ECM und ihrem Leiter, dem Schallplatten-Produzenten Manfred Eicher, manifestiert.

Der Produzent als Autor

Der Eingangsbereich der Ausstellung mit Fotoposter des Art Ensemble Of Chicago, Foto: Haus der Kunst Da passt es, dass den Besucher am Eingang der Ausstellung eine Projektion der Dokumentation See the Music von Theodor Kotulla aus dem Jahr 1971 an der Wand des Treppenhauses empfängt. In dem Schwarz-Weiß-Film ist Manfred Eicher noch als Musiker zu sehen. Im Ensemble des Afroamerikaners Marion Brown bearbeitete er hingebungsvoll den Kontrabass. Der gebürtige Lindauer Eicher hatte Musik studiert und bei den Berliner Philharmonikern gespielt, bevor er in der Rolle des verständnisvollen Produzenten aufging. Musiken, die er aufgenommen hat, erklärt Eicher, hätten ihm nicht nur gefallen: „Identifizieren wollte ich mich. Soweit ging das“, sagt er. Das ist nach wie vor das Prinzip dieses obsessiven Klang-Regisseurs.

Die Wand der Masterbänder, Foto: Ralf DombrowskiDamit unterstützt Eicher die These von Okwui Enwezor. Für den erfahrenen Kurator ist der Produzent Eicher ein „Jazz-Autor“. Dass jener mit seiner Produzenten-Tätigkeit begann, nachdem in den 1960er-Jahren der Tod des Jazz ausgerufen und das Ende der Autorenschaft verkündet wurde, ist für Enwezor kein Zufall. Eicher verkörpere, durchaus auch in Analogie zum Autorenkino oder zur Literatur, einen neuen Künstlertyp: Der Produzent, der am Ende der Sechzigerjahre mit seiner Arbeit begann, habe ein umfangreiches Werk geschaffen. Er sei nicht nur Betreuer von Platten, sondern Initiator, Kommentator, Ko-Künstler. „Zeigen Sie mir einen anderen Produzenten“, fragt Enwezor beeindruckt, „der an die 900 Aufnahmen verwirklicht hat? Mein Gott, das ist doch mehr als ungewöhnlich“.

Cover-Art und Video-Kunst

Der Leiter des Hauses der Kunst Okwui Enwezor bei der Eröffnung der Ausstellung, Foto: Ralf DombrowskiOkwui Enwezor versucht mit verschiedenen Medien, die Musik und das Œuvre Eichers sichtbar zu machen. Es gibt eine Regal-Wand, die vollgestopft ist mit den Master-Tapes von ECM, Produktionen aus den berühmtesten Studios der Welt. Die unvermeidlichen Schwarz-Weiß-Fotos aus den 1970er-Jahren dürfen nicht fehlen: Der norwegische Saxophonist Jan Garbarek mit kurzen Haaren und punkiger Lederjacke etwa, ganz anders als heute. Der junge Pianist Paul Bley als gut aussehender Pfeifenraucher. Die Musiker des Art Ensemble of Chicago, die sich backstage für einen ihrer theatralischen Auftritte zurechtmachen.

Neben den Schnappschüssen von Musikern und Produzent, neben diversen Hörstationen, gibt es auch eine Galerie der LP-Cover. Farbig leuchten sie im zweiten Raum von der Wand: Jack DeJohnette und Robin Kenyatta in bildfüllenden Großaufnahmen – dezent nostalgische Souvenirs des Vinyl-Zeitalters. Ausgestellt sind auch die stilbildenden Schwarz-Weiß-Bilder des einstigen ECM-Hausfotografen Dieter Rehm sowie die Grafiken von Barbara Wojirsch, die Schrift, Ornament, Farbe und Fläche auf raffinierte, kunstvolle Weise zusammenbringen.

Der Trompeter Don Cherry Anfang der Siebzigerjahre im Gespräch mit Produzent Manfred Eicher, Foto: ECM Records / Roberto MasottiAll das war zu erwarten in einer Ausstellung über eine Plattenfirma, die Musikgeschichte geschrieben hat. Zu sehen sind aber außerdem Ellis Island, ein Video der Multi-Media-Künstlerin und ECM-Musikerin Meredith Monk, sowie das filmische Porträt dieser Komponistin, das Regisseur Peter Greenaway angefertigt hat. In einer Glas-Vitrine ist die Sunbear-Concerts-Box zu sehen, zehn Schallplatten mit Mitschnitten von fünf improvisierten Solo-Konzerten des Pianisten Keith Jarrett. ECM, die Edition Of Contemporary Music, brachte sie 1978 heraus. So viel Mut zum kommerziellen Risiko hat kaum eine Plattenfirma je wieder gezeigt.

Der afroamerikanische Blick

Die Coverwand präsentiert zahlreiche berühmt gewordene Plattenhüllen des ECM-Repertoires, Foto: Ralf DombrowskiWichtige Momente der Ausstellung sind die Installationen, die Okwui Enwezor in Auftrag gegeben hat. In einer Installation des Künstlerkollektivs The Otolith Group darf der koboldartige Hipster Don Cherry posthum seine faszinierende Weltsicht ausbreiten, ergänzt wird die Bild-Ton-Collage mit dem Text The Making of Americans von Gertrude Stein. Die zentrale Installation stammt vom kanadischen Videokünstler Stan Douglas. Ein Raum, den man nur betreten kann, nachdem man durch einen engen Gang mit dickem Teppichboden gegangen ist. Auf einer Videoleinwand sind dann Musiker zu sehen, die eine Komposition des Free-Jazz-Heiligen Albert Ayler spielen. Ayler hat zwar nie für ECM aufgenommen, das Echo seiner spirituellen Hymnen, seines zwischen Jahrmarkt und Schamanismus oszillierenden Saxofontons findet sich jedoch auf zahlreichen ECM-Alben. Es ist die eher unbekannte Seite des afroamerikanischen Jazz, die Okwui Enwezor dem Publikum näherbringen will. Dass er dazu Manfred Eichers ECM-Label als Plattform nutzt, das einige Schallplatten aus dem Umkreis der afroamerikanischen Avantgarde veröffentlicht hat, führt den Blick über das Monografische hinaus.

Mit großen Abzügen werden Fotos von Roberto Masotti vorgestellt, der viele Cover von ECM-Alben mitgestaltete, Foto: Ralf Dombrowski„Es war eine große Zeit damals“, scheinen viele Exponate zu sagen, „du hast etwas verpasst, wenn du nicht dabei warst“. Und damit wird ein Prozess der Kanonisierung unterstützt. Denn hier wird nicht nur eine Ära zur Besichtigung freigegeben, es wird auch Heldenverehrung betrieben, an der Ikonografie gearbeitet. Dafür gibt es gute Gründe, denn damals wurde noch ästhetisches und gesellschaftliches Neuland betreten. Jazzmusiker wie Don Cherry und Lester Bowie, aber auch klassische Einzelgänger wie Arvo Pärt werden heute als ernstzunehmende Künstlergestalten wahrgenommen. Das Werk eines Komponisten wie Steve Reich, dessen Music for 18 Musicians erstmals beim zeitgenössischen Ableger des Labels ECM New Series erschien, darf längst in einem Museum auftauchen. Das sind Zeichen der Akzeptanz, zu der die Arbeit des Münchner Labels beigetragen hat. Im Sommer 2013 wird Manfred Eicher 70 Jahre alt. Die elegante Ausstellung im Haus der Kunst ist eine vorgezogene Verbeugung vor einem Klang-Magier, der noch lange nicht ans Aufhören denkt.

ECM — Eine kulturelle Archäologie
Haus der Kunst, München
23. November 2012 bis 10. Februar 2013
Marcus Mayer
arbeitet als Musikjournalist für den Bayerischen Rundfunk und verschiedene Fachmagazine.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

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