Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Menschelnde Maschinen – Andreas Fischer in Köln

Andreas Fischer, My Time is my Rolex, Ausstellungsansicht, 2013; © Südpol-Redaktionsbüro/T. KösterAndreas Fischer, Maschinen. Your Time is My Rolex, Ausstellungsansicht, 2013; © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Der 40-jährige Künstler Andreas Fischer verwandelt Werkzeuge und Alltagsgegenstände in motorisierte und sprechende Apparaturen. Die Ausstellung „Maschinen. Your Time Is My Rolex“ im Kölner Museum Ludwig würdigt nun sein Werk.

Ein Fähnchen ausgefransten Stoffs wedelt im Untergeschoss des Kölner Museum Ludwig an ellenlangem Draht in unkontrollierten Schwüngen hin und her – bewegt von einem Motor, der, an Fäden aufgehängt und in seiner Bewegung eingeschränkt, durch Stromstöße in Aktion gesetzt wird.

Andreas Fischer, Flagge, die versucht, eine 8 zu winken, 2004; © Südpol-Redaktionsbüro/T. KösterAn dieser unscheinbaren Arbeit mit dem sprechenden Titel Flagge, die versucht, eine 8 zu winken (2004) lassen sich wesentliche formale wie inhaltliche Kriterien der Skulpturen des Düsseldorfer Künstlers Andreas Fischers ablesen. Wie hier ist das für Fischer charakteristische Gewirr aus Motoren, Sensoren, Mikroprozessoren oder Servoantrieben inklusive vieler Kabel sichtbar. Hilfskonstruktionen aus Gestellen, Paletten, Lampenständern oder Rädern sind wesentliche Teile der Skulptur. Wobei der Begriff Skulptur im Grunde fehlgeht, denn anstelle geschlossener Körper bastelt Fischer mehrteilige Stellagen oder Versuchsanordnungen.

Skulpturale Sonderlinge

Fischer erfindet Konstruktionen, bei denen die Technik den Alltagsgegenständen ebenbürtig ist, ja, bei denen die konstituierenden Geräte zu den betont hässlichen Objekten dazugehören. Mit Sachverstand frickelt der Künstler aus vorgefundenem Material und gebrauchten Gegenständen skulpturale Sonderlinge, die in Bewegung versetzt oder auch zum Sprechen gebracht werden.

Die hilflos-zittrige Geste, mit der das Fähnchen in der Kölner Ausstellung eine liegende Acht zu beschreiben versucht, rührt an: Am liebsten möchte man eingreifen und die Bewegung selbst zu einem glücklicheren Ende bringen.

Auf diese Weise teilen sich die Arbeiten Fischers unmittelbar allen Sinnen des Betrachters mit. Die sinnliche Wahrnehmung und das emotionale Erleben sind so intensiv angesprochen, dass die Frage nach formaler Gestaltung in den Hintergrund gerät. Hier berühren die Objekte den Bereich der Performance. Dementsprechend ist die Skulptur der Akteur, der Betrachter der Empfänger. Er erhält Botschaften, die ihn neugierig machen und herausfordern.

Andreas Fischer, Machinen. Your Time is My Rolex, Ausstellungsansicht, 2013; © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Sich in Unendlichkeit ergeben

Das hilflose Fähnlein ist selbstverständlich weiß, denn es „ergibt“ sich, es stellt sich der eigenen Unzulänglichkeit, mit der ungenau beschriebenen Acht je zum Abschluss zu gelangen. Genau wie die Flagge, die versucht, eine 8 zu winken, behandeln alle Skulpturen Fischers das verzwickte Verhältnis des Menschen zu seinen Erfindungen. Sie demonstrieren mit Gesten und Worten, dass durch die fortschreitende technische Evolution die Balance zwischen Mensch und Maschine, Subjekt und Objekt ins Wanken gerät.

So gestaltet sich der Gang durch die Ausstellung im Kölner Museum Ludwig als ein abwechslungsreicher, amüsanter Parcours, auf dem die Arbeiten dem Besucher als ganz unterschiedliche Individuen gegenübertreten.

Bei einer Skulptur löst er durch einen Bewegungsmelder sogar das klappernde, irrlichternde Tanzen unübersehbar vieler, an ihren Zuleitungen hängender Mini-Motoren auf acht Blechetagen aus: so, als würde eine schreiende Kinderschar am Rockzipfel der Mutter – so der Titel der Arbeit von 2003 – hängen.

Überhaupt spielen viele Arbeiten Fischers mit Erwartungshaltungen, die sie dann bewusst – als Teil des Spiels – nicht erfüllen. Das Vögelhaus von 2007 etwa, vor das ein über Eck gespannter Kleiderbügel geschraubt ist, tröstet mit dem Satz „Gleich kommt das Vögelchen“ – ein Versprechen, das dann eben nie eingelöst wird. Ein Hammer haut nicht etwa gegen die Wand, sondern hängt waagerecht an zwei Drähten im Raum und dreht sich im Vorbeigehen lediglich um 90 Grad. So lenkt dieses Werkzeug für die Weltherrschaft (2006) die Aufmerksamkeit zwar auf seine seit Urzeiten bewährte vielfältige Nutzung als verlängerter Arm des Menschen, der dessen Macht verstärkt und ihm bei seinen aufbauenden wie auch zerstörenden Tätigkeiten dient. Hier hingegen ist er außer Funktion gesetzt.

Lohnt der Aufwand?

Derlei lapidare Arbeiten werden in der Kölner Schau unterbrochen durch umfangreichere Skulpturen oder gar Rauminstallationen. In Rollen und Gieren (2012) hat Fischer ein Küchenbuffet zu einer Art Hubschrauber auf Rädern umfunktioniert: mit Propellern auf dem First, scheppernden Türen am Fahrgestell und einer Videoschau auf der Rückseite. Ein Fernsehbildschirm zeigt periodisch Szenen aus der Endphase des Vietnamkrieges.

Nicht immer wirkt das gelungen. In der aufwendigen Installation Das gute, alte L-Thema stimmt die über ein Laufband visuell eingespielte Wortanalogie „Sprechfehler, Körperfunktionsfehler, Gedankenfehler“ in ihrer ständigen Wiederholung selbstverständlich nachdenklich. Es fragt sich nur, ob ein solcher Aufwand an zu absurder, loser Figur zusammengebauten Gegenständen wirklich notwendig ist, um die inhaltliche Dimension der Arbeiten – die Botschaft, die Fischer aussenden will – zu vermitteln.

Andreas Fischer, Maschinen. Your Time is My Rolex, Ausstellungsansicht, 2013; © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster

Sinnloses Schießen

Dass Fischer mit minimalem Materialeinsatz Grundlegendes aussagen kann, belegen glücklicherweise viele der anderen Arbeiten: In Wirds bald (2011) etwa wird ein Gewehr spielerisch leicht und regelmäßig mit Kugelmunition gespeist. Aber der penetrant abgespielte Satz „Es wird nicht besser“ konterkariert die Aussage des Werktitels und tut kund, dass Schießen nie von Erfolg gekrönt ist.

Andreas Fischer, Maschinen. Your Time is My Rolex, Ausstellungsansicht, 2013; © Südpol-Redaktionsbüro/T. KösterSolch reduzierte Werke stehen den originellen Anlagen einer Nina Canell näher als den kinetischen Konstruktionen in der Tradition von Jean Tinguely. Aber Canell bewegt sich mit ihren feinen Energieumwandlungen eher an den Grenzen des Sicht- und Erkennbaren: dort, wo sich Menschen und Objekte begegnen und durchdringen. Demgegenüber legt Fischer in seinen Stücken den Fokus direkt auf existenzielle Bedingungen unseres Daseins und skizziert den derzeitigen Zustand unserer Zivilisation.

So gerät der Betrachter angesichts einer simplen Pappröhre, aus der Fischers Stimme den Satz „Der Rabe raucht die ganze Nacht“ spricht, ins Schmunzeln. Aber das Vergnügen an der parodistisch leicht verpackten und dennoch hintergründigen Kost erstirbt rasch, wenn ein über Kopf hängender, ratternder Polstersessel einem penetrant das Fürchten lehrt.

Die menschelnden Maschinen der Kölner Ausstellung erzählen Geschichten von blockierten Absichten, verfehlten Zielen, ins Leere laufenden Utopien. Dabei macht die vordergründige Botschaft vom Versagen der Technik insbesondere durch die rotierenden Bewegungen und das insistierend Gesprochene auf den zweiten Blick menschliches Versagen offenbar.

Andreas Fischer, Maschinen. Your Time is My Rolex, Ausstellungsansicht, 2013; © Südpol-Redaktionsbüro/T. Köster



Andreas Fischer: Maschinen. Your Time Is My Rolex
Museum Ludwig, Köln
1. Dezember 2012 bis 17. März 2013
Renate Puvogel
arbeitet als Kunstkritikerin in Aachen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2013

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