Panorama der DDR-Fotokunst – „Geschlossene Gesellschaft“


Von sozial engagierter bis hin zu experimenteller Fotografie: Mit etwa 250 Arbeiten von 34 Fotografen präsentierte die Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft, Künstlerische Fotografie in der DDR 1949–1989“ bis Ende Januar 2013 ein Panorama der DDR-Fotokunst. Umfassender hat sich bisher noch keine Ausstellung diesem Thema gewidmet. Ein Ausstellungsrückblick.
Konzipiert war die Ausstellung als ein Panorama des damaligen fotografischen Schaffens mit einem Prolog und drei ästhetischen Ausstellungskapiteln.
Ein Schwerpunkt lag auf den Achtzigerjahren, in denen sich neue Bildsprachen entwickelten. Innovation war dabei als Gradmesser für die Auswahl der künstlerischen Positionen ausschlaggebend, die eigene Bildsprache der Fotografen entscheidend.
„Wir wollten keine Fotoschau über die DDR, sondern eine über das Medium Fotografie in der DDR“, sagte Ulrich Domröse, Leiter der Fotografischen Sammlung in der Berlinischen Galerie und einer der Kuratoren im Interview mit der Berliner Zeitung. „Dass im Subtext auch über den Alltag erzählt wird, ist ein wertvoller Nebeneffekt.“
Die Entwicklung einer Szene
Tatsächlich zeigte Geschlossene Gesellschaft großartige Fotografie, zugleich wurde aber auch die historische Dimension der Entwicklung der künstlerischen Fotografie in der DDR erfahrbar.
Unter anderem in den Filmen zur Ausstellung erfuhr man, wie bedeutsam etwa die berühmte Ausstellung The Family of Man (1955) von Edward Steichen für viele Fotokünstler der DDR gewesen ist, unter deren Einfluss die ostdeutsche Variante der Straight photography entstand.
Deutlich wurde auch die zentrale Rolle der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, an der als einziger Hochschule der DDR Fotografie unterrichtet wurde. Verweise etwa auf Edmund Kestings Buch Ein Maler sieht durch‘s Objektiv (1958) deckten wichtige Referenzquellen für die Entwicklung der experimentellen Fotografie in den Achtzigerjahren auf.
Denn während die Siebzigerjahre vor allem die sozial engagierte Fotografie etablierten, entfaltete die Fotografie, die erst mit der Ausstellung Medium Fotografie (1977) in Halle als Kunstform anerkannt wurde, erst den Achtzigerjahren ein breites Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen.
Ordnungsversuche
Dieses Spektrum ordnete die Ausstellung in drei Kapitel, welche die Bildsprachen dreier Generationen sichtbar machten. Nach einem Prolog mit Nachkriegsbildern von Richard Peter und Karl Heinz Mai, die Zerstörungen und Trümmerfrauen dokumentierten, wurde im Ausstellungskapitel „Realität, Engagement, Kritik“ die sozial engagierte Fotografie von Arno Fischer, Evelyn Richter oder Gundula Schulze Eldowy präsentiert.
Die müden und angestrengten Gesichter der Arbeiterinnen an ihren Maschinen in Richters Porträts oder Gundula Schulze Eldowys ungeschönte Aktporträts zeigten beeindruckend scharfe und kritische Blicke auf die Realitäten in der DDR.
Das Kapitel „Montage, Experiment, Form“ verfolgte die Traditionslinie der fotografischen Avantgarden. Künstler wie Edmund Kesting und Fritz Kühn, die in den Fünfzigerjahren an die Bildsprache der Moderne anknüpften, fanden erst rund 30 Jahre später nach der Formalismus-Debatte in der DDR Nachfolger.
In dieser Zeit setzten sich Fotografen wie Manfred Paul oder Ulrich Lindner wieder mit den formalen und ästhetischen Mitteln ihres Mediums auseinander. Pauls wunderbar reduzierte Stillleben erinnern an die Schule des Neuen Sehens, während bei Lindner die Suche nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen zu seinen düster montierten „Fotografiken“ führte.
Die jüngste Generation von Fotografen wurde im Kapitel „Medium, Subjekt, Reflexion“ vorgestellt. Diese Künstler nutzten die erweiterten Ausdrucksmöglichkeiten, um ihr von einem desillusionierten Blick auf die DDR geprägtes Selbstverständnis zu transportieren. Sie stellten den Körper und die eigene Wahrnehmung in den Mittelpunkt und schufen oftmals provokative Arbeiten wie etwa die Porträts von Tina Bara und Sven Marquardt oder die Werken von Klaus Hähner-Springmühl.
Subversion als Strategie
Die Hauptleistung von Geschlossene Gesellschaft bestand darin, das Augenmerk konsequent auf die künstlerische Dimension der DDR-Fotografie zu legen – und zugleich die historischen Bedingungen und Formen künstlerischen Wirkens erfahrbar werden zu lassen. So wurde autonomes, künstlerisches Lebens in den Schriftstellerporträts von Roger Melis oder den provokativen Bildsprachen der jüngsten Künstlergeneration sichtbar.
Denn wie schon 2003 die Ausstellung Die Kunst in der DDR in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigt hat, waren nicht alle künstlerischen Entwicklungen gleichzusetzen mit dem diktatorischen System, in dem sie entstanden. Vielmehr waren es oftmals künstlerische Akteure, die im System subversiv arbeiteten und diesem in ihren Bildern widersprachen.
Geschlossene Gesellschaft sollte dazu anregen, der Kunst in der DDR weitere Ausstellungen zu widmen, um die aktuelle Relevanz ihrer Strategien und Bildsprachen zu ermitteln und die kunsthistorische Einordnung weiter voranzutreiben.

ist promovierte Kunsthistorikerin und lebt in Berlin.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2013
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Links zum Thema
- Berlinische Galerie


- Die Fotografin mit dem unbeirrbaren Blick: Gundula Schulze Eldowy im C/O Berlin (goethe.de)


- Sibylle Bergemann: Sie sah die Schönheit und sie sah den Zweifel (goethe.de)


- Geschlossene Gesellschaft: Fotografie in der DDR (goethe.de/china)


- Video zur Ausstellung Geschlossene Gesellschaft




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