Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Heinrich Heidersberger



Diashow 1: Heinrich Heidersberger

Wie kaum ein Zweiter repräsentiert Heinrich Heidersberger die deutsche Fotografie des 20. Jahrhunderts. Nur wenig jünger als die Vertreter der Avantgarde der Weimarer Republik, hat er deren Einfluss auf die Durchsetzung der Moderne noch voll und ganz miterlebt. Und als die Fotografie in den beiden deutschen Staaten der Nachkriegszeit sich neu zu konstituieren begann, spielte er die Rolle des älteren Überbringers avantgardistischer Traditionen, auch die des Mahners zu gestalterischer Strenge bei aller Lust am Experiment.

Einen „notorischen Dilettanten“ hat ihn die Kunstkritikerin Ursula Bode einmal genannt, und er hat sich dieses Diktum sehr gern gefallen lassen. Für ihn, der alles und jedes in allen Medien und vielen Techniken immer wieder ausprobierte, war die Fixierung einer Arbeitsweise, gar die Definition eines Stils immer ein Gräuel, dem er sich so schnell als möglich zu entziehen suchte. Doch im Rückblick auf sein Werk ist der klare Weg, den er ging und der ihn zum Protagonisten einer spezifisch deutschen Sachlichkeit in der Fotografie machte, so geradlinig und konsequent wie kaum eine andere Biografie seiner Zeitgenossen.

Industrie- und Architekturfotograf

1906 in Ingolstadt geboren, im österreichischen Linz an der Donau und im dänischen Aarhus aufgewachsen, studierte Heinrich Heidersberger kurz Architektur und besuchte einige Malkurse bei Fernand Léger in Paris. Dort schaffte er sich eine Kamera für Reproduktionen an und blieb – wie viele seiner Zeitgenossen – bei der Fotografie. Erste eigenständige Fotografien wie der Blick auf eine Straße mit Radfahrern, die lange Schatten werfen – ein Topos des Neuen Sehens der 1920er Jahre – entstanden in Kopenhagen. Wie viele seiner Künstler- und Fotografenkollegen 1937 zur Rückkehr nach Deutschland gezwungen, verlegt er sich zum Geldverdienen auf die Industrie- und Architekturfotografie; sein erstes großes Werk ist die Festschrift zur Eröffnung eines Flugzeugwerks in Oranienburg.

  Rhythmogramm Trition
1939 wird Heidersberger Industriephotograph in den Stahlwerken Braunschweig. Neben aller dokumentarischen Arbeit und mit seinen künstlerischen Ideen im Nazi-Deutschland weitgehend alleingelassen, kann er sich aufs Experimentieren verlegen und alle jene Techniken entwickeln, die er nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich einsetzt. Dann konzentriert er sich auf die Architektur- und die Werbefotografie, eben die bildliche Wiedergabe des bundesdeutschen Wirtschaftswunders in formal sachlichen Bauten oder in farbigen Kleidern vor ebensolchen Markisen. Mit viel Ingenieursgeschick konstruiert er sich eine raumgroße Maschine zur Herstellung von abstrakten Bildern, die er „Rhythmogramme“ nennt; physikalisch als Lissajous-Figuren bekannt, stehen solche Bilder als Zeichen für das aufkommende elektronische Zeitalter und werden in Foyers oder Aufenthaltsräumen als wandgroße Installationen montiert.

Surreale Inszenierung des Umraums

Jahrhunderthalle, Frankfurt

Doch den meisten Ruhm erntet Heidersberger, der auch Kapitel in Lehrbüchern schreibt, für seine Architekturfotografien. Er hat das Geschehen der Nachkriegsmoderne kongenial begleitet und eine ganz eigene Form der Darstellung dieser Architektur gefunden. Sie ist auf einem schmalen Grat zwischen präziser Schilderung der Baudetails und einer leicht surrealen Inszenierung des Umraums durch tiefe Perspektivfluchten oder dunklen Himmel angesiedelt. Aufnahmen wie die der Jahrhunderthalle in Frankfurt am Main-Höchst oder des Kraftwerks von VW in Wolfsburg stellen Heinrich Heidersberger direkt neben die Großen der Branche, etwa die US-Amerikaner Julius Shulman, Ken Hedrich und Henry Blessing oder den Japaner Yukio Futagawa.

Diashow 2: Heinrich Heidersberger

Eigenwerbung war jedoch Heinrich Heidersberger Sache nicht, und daher dauerte es lange, bis ihm der verdiente Ruhm zuteil wurde. Anfang der 1980er Jahre wiederentdeckt, folgten Ausstellungsbeteiligungen rund um den Globus und nach 1986 auch eine Anzahl von Einzelausstellungen zu seinem Werk. Am 10. Juni 2006 wurde Heinrich Heidersberger 100 Jahre alt. Wenige Wochen danach verstarb er am 14. Juli.

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt vom 26.April bis 21.September rund 170 Schwarz-Weiß-Aufnahmen Heidersbergers.
Prof. Dr. Rolf Sachsse
lehrt Designgeschichte und Designtheorie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken

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April 2008

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