Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Das Material zum Sprechen bringen – Isa Genzken

'Fenster'
Kurator Nicolaus Schafhausen ist sich gewiss: "Die Arbeit mit Isa Genzken ist die produktivste Herausforderung meiner kuratorischen Laufbahn." Er wählte Isa Genzken (geb. 1948) aus für den deutschen Pavillon der 52. Biennale in Venedig 2007.

 

Das kann eine spannende Begegnung werden zwischen Isa Genzken, die sich in ihrem 30 Jahre dauernden Werdegang als Künstlerin immer wieder mit dem Thema Architektur auseinandersetzte, und der imperialen Sprache des Kunsttempels von 1909 (umgebaut 1938), dessen Tympanon die Inschrift Germania ziert.

Obwohl - spannend? Spannung ist ihrem Werk sehr wohl inne, aber als Teil der präzisen Analyse, dass diese westliche Gesellschaft permanent ihren Thrill, ihre Spannung sucht. Tatsächlich erschließen sich die Arbeiten Genzkens langsam, man muß sich auf ihre Geduld einlassen, in den Materialeigenschaften der Objekte die verschiedensten Aspekte aufzuspüren. Von der Erscheinung her blieben sie lange Zeit unprätentiös, zurückhaltend in den Dimensionen, nicht spektakulär genug für den Markt und Kunstbetrieb. Das wäre eine Erklärung dafür, dass die Künstlerin zwar immer wieder an der documenta und anderen internationalen Ausstellungen teilnahm, dass ihr Einfluss auf die jüngere Künstlergeneration unumstritten ist, dass sie bisher aber nie eine so große öffentliche Resonanz erhielt, wie die Stars der Szene.

Isa Genzken wurde bereits Anfang der 80-er Jahren mit fünf bis zehn Meter langen hölzernen Bodenskulpturen bekannt. Eine Künstlerehe mit Gerhard Richter hinterließ im Werk beider Spuren. Hinterfragte Gerhard Richter in seiner konzeptuell angelegten Malerei sein Medium, so untersucht Isa Genzken ab Mitte der 80er Jahre in Gips- und Beton-Skulpturen die Architektur, die damals im Diskurs der postmodernen "Dekonstruktion" stand.

Beton-Skulpturen (1986-1992)

Diese konzeptuell angelegten Architektur-Objekte der 80-er Jahre sind keine Modellbauten realer Räume, sondern zitieren als Erstes unsere Grundbegriffe von Architektur: was definiert einen Raum, was definiert die Geschlossenheit eines Raumes, was ist eine Wand, wie sind Wände miteinander verbunden? Isa Genzken entwirft dafür ganz einfache Raumbeispiele, die auf rechteckigen Grundrissen aufbauen, umschlossen von hohen fensterlosen Betonwänden wie in Marcel (1987). Das Architektur-Fragment ist auf einem Stahlständer in Augenhöhe des Betrachters montiert und löst in ihm das Gefühl der Erleichterung aus, dass er nicht gezwungen ist, diesen hermetischen Kubus betreten zu müssen. Denn Isa Gensken lässt keine wohnlichen Schutzräume entstehen, sondern klaustrophobische Angsträume einer negativ besetzten Architektur. Durch die Betonwände ziehen sich fundamentale Risse, die Oberflächen weisen grobe Gebrauchsspuren auf. Der Anspruch der Architektur, in stabiler Unvergänglichkeit zu bestehen, wird wie hier im Werk der Genzken immer wieder in Frage gestellt.

New Buildings for Berlin (2001-2002)

'New Buildings'
Nach den grauen Beton-Skulpturen, deren Unwirtlichkeit das Urgefühl der Unsicherheit menschlicher Existenz berührt, hellt sich ihr Werk auf. In den 90-er Jahren durchflutet subtiles Licht ihre Arbeiten. Sie setzt zuerst das lichtdurchlässige Material Epoxydharz ein und wendet sich dann farbigem Industrieglas zu, das ihren Objekten ästhetische Schönheit verleiht. Konsequenterweise wird damit die Fassade, die äußere Hülle von Architektur zum Thema.

In der Serie New Buildings for Berlin, die auf der Documenta 11 zu sehen war, entwirft sie Architekturvisionen gläserner Hochhäuser. Es sind 80 cm hohe Turmgruppen, die sich über drei- und viereckigen Grundrissen erheben, und auf schulterhohen Sockeln vor einem Fenster des Ausstellungsraumes in dunklen transluziden Rot-, Grün-, Blau- und Gelbtönen schillern wie fragile Insekten.

Leider findet sich im neu gebauten Berlin kein einziges architektonisches Wunderwesen wie dieses, und auch Isa Genzken lässt keinen Zweifel an dem Entwurfscharakter ihrer Vision durch die profane Materialverwendung: die geriffelten und gerasterten Industrieglasplatten sind ganz simpel zu Blöcken gestapelt. Diese werden durch schwarze Klebebänder zusammengehalten und mit dicken Klebespuren auf die Auflageplatte gepappt.

Soziale Fassaden (2002-2003)

Das Thema der glatten ästhetischen Außenerscheinung setzt sich fort in der Serie Soziale Fassaden (2002-03), in der die Künstlerin das Bildformat aus der Malerei aufgreift. Verschiedenste Metallstreifen, von Kupferplatten bis zu geprägten Aluminiumblechen, sind auf längsrechteckige Bildträger aufgeklebt. Auf den blanken Oberflächen bricht sich das Licht in Prismen und wiederholt das Spiegelbild des Betrachters als narzisstisches Echo in unzähligen Metallquadraten.

Klingt in der Verbindung zwischen den kalten metallenen Materialien und den glänzenden Spiegelbildern, die auf einer Oberfläche ohne Tiefe entstehen, unmissverständliche Kritik am menschlichen Ego an, so steigert sich das in der Werkgruppe Empire Vampire zu einem giftigen Abgesang auf die menschliche Kultur.

Empire Vampire, Who Kills Death (2002-2003)

'Empire Vam-
pire'

Empire Vampire umfasst ursprünglich mehr als zwanzig Plastiken, die nach dem Anschlag des 11. September entstanden, den Isa Genzken in New York miterlebte. Dabei arbeitete die Künstlerin mit Trash-Materialien wie Spielzeugfiguren aus Plastik, um eine Apokalypse von Verwüstung zu beschwören. Ihre nahezu farblosen Szenarien setzen nach dem Inferno ein, und man fühlt sich dabei unweigerlich an die Bilder von New York erinnert, an die graue Asche, die sich über die Zerstörung niedersenkte.

Aus der Werkgruppe realisierte Isa Genzken im Oktober 2004 vor dem Lenbachhaus in München eine Außeninstallation mit zwei hohen schlanke Vitrinen aus Glas und Edelmetall, signifikant bekrönt von einer Blumenskulptur. In Glaspokalen und zerbrochenen Gläsern Arrangements der schäbigen Reste einer Zivilisation, die sich ihrer Errungenschaften so lange rücksichtslos bediente, bis das letzte Leben ausgesogen war. Trümmerteile einer Spaßgesellschaft, die sich zu Tode gefeiert hat. Die Natur? Ein kleiner Gummidelphin, der in einem zerbrochenen Sektkelch in einer Blutlache schwimmt. Das menschliche Ideal von Vollkommenheit und Schönheit? Untergegangen in verblasstem, sinnlos überhöhtem Dekor, über das billige Silberfarbe ausgegossen wurde.

Kinder Filmen (2005)

Die Rauminstallation Kinder filmen 2005 in der Galerie Buchholz in Köln zeigte eine neue Seite der Genzken. Das zu einem komplexen Filmset arrangierten Fundmaterial verblüffte mit heftigen Bearbeitungen: leuchtend rot oder grün übermalt, besprüht, beklebt, in raumhohen Dimensionen. Das wirkte schrill, ruppig, rotzig und läßt hoffen, dass sich die 58-jährige Künstlerin keinesfalls leise von der jüngeren Künstlergeneration überholen läßt. Obwohl - schrill, ruppig, rotzig..?

Isa Genzken: Werkverzeichnis Bd. II. 1992 - 2003. Herausgeber: Isa Genzken, Veit Loers, Beatrix Ruf. Verlag der Buchhandlung Walther Koenig, Köln 2003. 196 Seiten, ISBN: 3883756881, 49,80 €

Isa Genzken; Phaidon Press 2006; Englisch, 160 Seiten, ISBN: 071484425X

Susanne Nusser
ist Kunstjournalistin und Editorin des Internet-Magazins nachrichtenkunst
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Oktober 2006

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