Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Einblick in Dürrenmatts Elfenbeinturm: die Fotografin Barbara Klemm

Buchcover des Bandes 'Künstlerporträts' von Barbara Klemm, Nicolai VerlagDer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sitzt an einem riesigen Schreibtisch, tief über ein Blatt gebeugt. Er schreibt, nur seine Fußspitzen berühren den Boden. Der Dichter scheint die Fotografin vergessen zu haben. Fast kommt man sich indiskret vor, wenn man ihm so beim Schreiben zusieht. Ohne dass er den Blick des Betrachters pariert, kann man die Gemälde an den Wänden studieren, Dürrenmatts Kleidung, seinen Arbeitstisch. Die große Brille hat er vor sich abgelegt, daneben steht ein Glas.

Wie einen Detektiv lässt Barbara Klemm den Betrachter in Dürrenmatts Zimmer herumspionieren. Sie hat ein Porträt fotografiert, auf dem vor allem die Oberseite des fast haarlosen Schädels zu sehen ist. Er bildet den Mittelpunkt des querformatigen Schwarzweißfotos. Zu sehen ist es im Fotoband Künstlerporträts von Barbara Klemm.

„Das Auge der F.A.Z.“

Barbara Klemm, geboren 1939 in Münster, absolvierte eine Ausbildung zur Porträtfotografin. Seit 1959 arbeitet sie für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zunächst als Fotolaborantin, seit 1970 als Redaktionsfotografin mit den Schwerpunkten Feuilleton und Politik; ihre Bilder sind seitdem fast täglich in der F.A.Z. zu sehen. Die Bildjournalistin fotografierte in Afrika, Asien, Amerika und Europa. Als Honorarprofessorin lehrt die 64-Jährige Fotografie an der Fachhochschule Darmstadt. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Dr.-Erich-Salomon-Preis für engagierten Bildjournalismus, den Hugo-Erfurth-Preis und den Maria-Sibylla-Merian-Preis für bildende Künstlerinnen, und sie ist Mitglied der renommierten Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh). Ihre Bilder wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt. Besonders bekannt sind die Fotos von Schriftsteller Heinrich Böll beim Protest gegen die NATO-Nachrüstung Anfang der 80-er Jahre in Mutlangen und Liedermacher Wolf Biermann bei einem Auftritt in Köln, kurz vor seiner Ausbürgerung aus der DDR. Über Jahrzehnte fotografierte Klemm das Leben in Ost- und Westdeutschland, 1999 erschien ihr Bildband Unsere Jahre. Bilder aus Deutschland 1968-1998.

Eigenwillige Porträts von Prominenten

In Künstlerporträts, ihrem ersten Porträtband, sind rund 200 Schwarzweißbilder von Autoren, bildenden Künstlern, Regisseuren, Schauspielern und Musikern versammelt, die in vier Jahrzehnten entstanden sind. Die Schriftstellerin Patricia Highsmith steht mit verschränkten Armen vor einem Gemälde, auf dem sie, in jungen Jahren porträtiert, die gleiche Haltung innehat. Die Dichterin Friederike Mayröcker sitzt in ihrem Zimmer in Wien, inmitten eines Gebirges aus Zetteln. Popstar Madonna blickt kindlich fasziniert bei einer Modenschau in Paris zum Laufsteg empor; inmitten dunkel gekleideter Menschen sticht die Weißgewandete leuchtend hervor. Der Künstler Andy Warhol hat sich im Museum vor ein riesiges Goethebild gestellt und blickt mit herabgezogenen Mundwinkeln die Fotografin an.

Fotografien ohne Regieanweisung

Vermutlich hat sich Warhol selbst vor dem Gemälde platziert, denn Barbara Klemm gibt wenig Anweisungen. Wie der Autor Ingo Schulze in seinem Vorwort zum Bildband berichtet, verunsicherte ihn „das Ausbleiben von Regieanweisungen“ etwas, als Barbara Klemm ihn 1998 in Ostberlin fotografierte. Sie umkreiste stattdessen langsam den auf der Karl-Marx-Allee Stehenden mit ihrer Leica und ihrer Canon, machte mehrere Bilder und hatte schließlich, was sie wollte. „Ich bemühe mich, demjenigen, mit dem man es zu tun hat, die Chance zu geben sich so zu verhalten, wie er sich wohlfühlt“, zitierte der Herner Feuilleton die Künstlerin. Vielleicht wirken ihre Fotos dadurch oft so authentisch.

Diskretion, Respekt und Einfühlsamkeit scheinen Klemms hervorstechende Eigenschaften als Fotografin zu sein. Dadurch können Porträts entstehen, denen man anmerkt, dass der Fotografierte der Lichtbildkünstlerin vertraut. Wie Friedrich Dürrenmatt. Dass er vergleichsweise klein inmitten seines Zimmers abgebildet ist, ist typisch für Klemm, deren Porträts oft viel Umgebung zeigen. Sie muss dem Porträtierten nicht „auf die Pelle rücken“, um ihn treffend wiederzugeben. „Ich porträtiere gerne Personen mit ihrem Umfeld, das zeigt ein Stück ihres Lebens, was mit ihnen zu tun hat und wie sie sind“, so Klemm im Herner Feuilleton. „Dazu ist die richtige Distanz wie bei einem Gespräch nötig.“

Kein Blitzlicht, keine schnellen Pointen

Das Besondere an Klemms Bildern fasst der Kunsthistoriker und ehemalige Feuilleton-Chef der F.A.Z., Wilfried Wiegand, so zusammen: „Sie fotografiert nicht mit den lauten Farben, sondern nach wie vor mit dem vergleichsweise stillen Schwarzweiß. Barbara Klemm ist eine blitzlichtlose Fotografin, und sie ist es aus Überzeugung. (...) Barbara Klemm vermeidet Effekte, und ihre Bilder sind vergleichsweise wenig ‚layoutet‘. Es widerstrebt ihr, Aufnahmen so plakativ zu komponieren, dass eine visuelle Pointe schnell ins Auge springt. (...) Nicht selten ist die Hauptsache so beiläufig ins Bild platziert, als wäre sie bloß nebensächlich.“

An der Malerei geschultes Auge

„Den Moment, den man eigentlich festhalten möchte, kriegt man nicht, weil man so schnell nicht arbeiten kann“, erklärte Barbara Klemm im Fernsehmagazin Kulturzeit, „man bekommt nur den zweiten Moment. Für den Betrachter ist es aber der erste“. Ihren guten Blick verdanke sie ihren Eltern, die beide Maler waren. Während der 1968-er Studentenbewegung, mit der sie sympathisierte, machte sie eine wichtige Erfahrung: Man muss zwar einen Standpunkt haben, aber beim Fotografieren dennoch Beobachter von außen sein, sonst gelingen die Bilder nicht. Zahlreiche Reportagefotos machte sie auf diese Weise – von Politikertreffen oder Hippies, von den sozialistischen „Weltfestspielen“, dem Alltag in Mexiko oder hessischen Nonnen bei der Feldarbeit. Sie gibt exemplarisch ein bestimmtes Lebensgefühl wieder und schafft eindrucksvolle Zeitdokumente. Barbara Klemm behalte ein Ziel im Auge, so Christoph Stölzl im Fotoband Unsere Jahre: „Die Geschichte ihrer Zeit als die Geschichte unserer Zeit zu erzählen, als gemeinschaftliches Handeln von Menschen. Mit ihren Fotos malt sie an einem Epochenbild.“

Barbara Klemm: Künstlerporträts. Nicolai Verlag 2004, 250 S., 49,90 Euro, ISBN 3-89479-157-8

Barbara Klemm: Unsere Jahre. Bilder aus Deutschland 1968 – 1998; Klinkhardt & Biermann 1999, 288 Seiten, ISBN 3781404226

Ingrid Scheffer
ist freie Journalistin und Diplom-Kulturwissenschaftlerin.

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Oktober 2004, aktualisiert März 2009

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