In der Republik der Autoren – Projektarbeiten von Jochen Gerz
Jochen Gerz (geboren 1940 in Berlin) wurde in den 80-er Jahren mit Denkmälern zum Holocaust einer breiteren deutschen Öffentlichkeit bekannt.
Der Kunsthistoriker Uwe Schneede würdigt ihn in der Geschichte der Kunst im 20.Jahrhundert als denjenigen Künstler, der "mit seinem Gespür für den Wert der Erinnerung und mit dem politischen Bewußtsein ... den öffentlichen Denk- und Mahnmalen einen neuen Sinn gegeben hat." Für die junge Künstlergeneration dagegen ist Gerz als Medienkünstler eines der wenigen Vorbilder, die sie haben. Auf den ersten Blick erscheint seine Werkentwicklung von der Denkmalkunst zu den neuen Medien nicht kontinuierlich, aber tatsächlich liegt allen seinen Arbeiten eine grundsätzlich Auffassung von Demokratie zugrunde: Demokratie entsteht nicht vom Sofa aus, sie will gelebt werden. Jeder ist dazu eingeladen, aktiv daran teilzuhaben. Dieser demokratische Gedanke ist das Kontinuum in der Kunst von Jochen Gerz.
In diesem Herbst gibt es Jochen Gerz gleich drei Mal in Passau, einer Stadt in Bayern, die sich bisher mehr durch konservative Traditionen ausgezeichnet hat denn mit kritischer Gegenwartskunst. Und doch fand hier ein spannendes Medienprojekt statt, mit der Zeitung Passauer Neue Presse, ihren Lesern, dem Medienphilosophen Friedrich Kittler und Jochen Gerz. Sechs Fragen des Künstlers stellte der Philosoph den Lesern, z.B.: "Wie lange möchten Sie leben?", oder: "Kommen die Nazis wieder?". Für jede Frage wurde eine ganze Zeitungsseite reserviert, auf der jeweils der Kommentar des Philosophen und die Meinungen der Leser standen. Etwa 900 Leser ließen sich dazu animieren, ihre Antworten an die Zeitung zurückschicken, ein großer Erfolg. Die Resonanz ist im Medienzentrum der Verlagsgruppe Passau bis 23. November dokumentiert.
Viel anders wäre das Ergebnis des Projektes in Berlin oder einer anderen City nicht ausgefallen. Für den Künstler, der seit 1966 in Paris lebt, ist der kulturelle Graben zwischen Großstadt und Provinz gar nicht so breit, denn "die Öffentlichkeit in der Großstadt und die Öffentlichkeit auf dem Land sind zwar voneinander verschieden, aber nicht im Bezug auf die Kunstkompetenz. Die Medien kommen in die Großstadt und aufs Land. Das nivelliert die Unterschiede."
Autoren statt Konsumenten
Die nivellierenden und filternden Medien haben in der Demokratie der Gegenwart eine Schlüsselrolle inne. Sie funktionieren in den Augen von Jochen Gerz genauso traditionell wie die Kultur. "Ein großer Geist soll die Dinge schaffen für die anderen. Keine Demokratie kann so funktionieren. Das haben wir bisher noch nicht verwirklicht." Das Passauer Zeitungsprojekt basiert auf der künstlerischen Überzeugung, "dass die Konsumenten in unserer mediatisierten Demokratie chronisch unterfordert sich, dass sie in keinster [sic!] Weise beitragen, was sie beitragen könnten. Bezeichnend für unsere Kultur, die zu viele Betrachter erzeugt, bezeichnend für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie, die zu viele passive Konsumenten erzeugt."Jochen Gerz möchte aus Betrachtern mehr machen als Betrachter, deshalb nennt er seine Arbeiten Autorenprojekte: "Jeder Mensch hat ein großes Potential an dem, was wir Kreativität nennen. Wir leben in einer reicheren und musischeren Gesellschaft wenn wir eine Republik der Autoren haben."
Der Künstler als Spieler
Auch im Kunstverein Passau ist der Künstler der Spieler, der den Anstoß dafür gibt, die Teilnehmer des Projektes, des Spiels, zu versammeln, der die Dinge in Bewegung bringt und dabei das Zufällige ohne Manipulation zulässt. Für Miami Islet darf der Besucher eine leere Flasche mitbringen, um sie an eine Wand zu werfen. Der Scherbenberg, der dadurch langsam entsteht, soll an den verstorbenen amerikanischen Künstler Robert Smithson erinnern, der im Frühjahr 1970 einen Inselfelsen vor Vancouver mit Glas überschütten wollte und von der Umweltorganisation Greenpeace attackiert wurde. Für das Projekt Your Chair, das Gerz 2001 entwickelte, kann sich der Kunstinteressierte im Kunstverein einen Klappstuhl ausleihen, um darauf in der Fußgängerzone Passanten um Geld zu bitten. Für seine Bettelaktion erhält er ein originales Gerz-Zertifikat.Die Kunst der Erinnerung
Im Museum Moderner Kunst bringt Gerz zeitgleich eine Werkschau mit Arbeiten aus 30 Jahren, darunter Dokumente zu seinem "Harburger Mahnmal gegen den Faschismus" in Hamburg (1986-1993), für das er mit seiner Frau Esther Shalev-Gerz eine 12 m hohe Stele konzipierte, in deren Ummantelung aus Blei die Bürger ihre Namen einritzen konnten. Die Stele wurde nach und nach in den Boden versenkt. Ein Projekt, das unsere Vorstellung unterläuft, dass wir weithin sichtbare Denkmäler brauchen, die für uns die Erinnerung an den Holocaust, die Verfolgung und Auslöschung von Millionen Menschen, wachhalten. Denn "nichts kann sich an unserer Stelle gegen das Unrecht erheben. Es ist nicht möglich, etwas zu leisten, was die Menschen selbst nicht leisten".Gerz hat den Holocaust selbst als "wichtigstes Erlebnis meines Lebens, nicht als Anwesenheit, sondern als Abwesenheit" erfahren. Aber sein Vertrauen in eine kollektive demokratische Gedächtnisleistung ist ungebrochen. Sie lässt auch das Vergessen zu, denn "jede Erinnerung wird neu aus dem Vergessen geboren. Jeder Moment wird neu aus dem Vergessen geboren."
Aber gibt es nicht gerade jetzt die Tendenz, dass man in Deutschland mit der Vergangenheit abschließt, nachdem die Täter- und die Opfergeneration nicht mehr da ist? "Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass der Begriff des Täters restituiert wird. Jede Form der Vergangenheit ist eine Form von Hilfe und Orientierung. Ich weiß gar nicht, wohin sie laufen, wenn sie vor ihrer Vergangenheit weglaufen."
ist Kunstjournalistin und Editorin des Internet-Magazins nachrichtenkunst
Der Artikel basiert auf einem Telefongespräch mit Jochen Gerz am 08.10.04
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November 2004











