Vom Bußgang zur Kosmologie
Anselm Kiefer in der Kunsthalle Würth
Fast hätte man glauben können, Anselm Kiefer habe Deutschland für immer den Rücken gekehrt. Nach seinem Umzug vom Odenwald in die Ardèche ist es erstaunlich ruhig um Kiefer geworden. Die Kunsthalle Würth hat dem vormals höchstbezahlten deutschen Künstler nun eine Retrospektive eingerichtet und überrascht mit der südlichen Heiterkeit seiner jüngeren Bildproduktion.
Stoff der Melancholiker
Es ist vergleichsweise licht, ja fast rosig in der Atmosphärik seiner Malerei geworden, seitdem Anselm Kiefer 1992 das sagenumwobene Domizil bei Buchen im Odenwald aufgab. Mitten in der Einöde hatte er dort lange Jahre zurückgezogen auf dem weitläufigen Gelände einer vormaligen Zementfabrik gehaust und im Verein mit einer Phalanx von Assistenten mehrere Ateliers bewirtschaftet. Die plötzliche mentale Kehrtwende Kiefers erstaunte um so mehr, als der renommierte deutsche Maler während seiner von Triumphen und Ketzereien gesäumten Karriere auf düstere Materialien, aber auch schwer verdauliche Inhalte förmlich abonniert war. Nicht von ungefähr fand Kiefer in dem ungewöhnlichen Werkstoff Blei sein Lieblingsmaterial. "Blei ist der Stoff der Melancholiker und Alchemisten ... Und Melancholie wurde in der Renaissance gleichgesetzt mit Künstlertum", erklärte Kiefer einmal in einem Interview. Bilderbücher, Bibliotheken mit Folianten, ja sogar ganze Flugzeuggehäuse sind aus dem für die Statik eines Museums oft genug problematischen, weil bei entsprechender Größe tonnenschweren Material entstanden. Kiefer hatte es größtenteils aus Bleibahnen vom alten Dach des Kölner Doms gewonnen.Roher Zugang zur deutschen Geschichte
In Deutschland ist sein pathetischer und tiefgründelnder Zugang zu den antiken Mythen, zur abendländischen Geschichte, zur Kabbala von der Kritik nicht nur mit Lobeshymnen bedacht worden. Seit über zehn Jahren, genauer gesagt seit seinem Großauftritt in der Berliner Nationalgalerie 1991, hatte Kiefer keine umfassende Einzelausstellung mehr. Um so glücklicher dürfen sich ‚Kieferaner‘ schätzen, dass die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall dem nunmehr 59-jährigen Maler, Bildhauer und Installationskünstler erstmals wieder eine Werkschau widmet.Anselm Kiefer sorgte von den siebziger Jahren an als souveräner Mystagoge jenseits der Fußstapfen seines Lehrers Joseph Beuys für Aufsehen, indem er mit seinen materialästhetisch aufgeladenen und sehr roh belassenen Historienbildern die deutsche Geschichte über Anleihen bei der faschistischen Architektur, kriegsverwüsteten Landschaften, Geisteshelden der Nation reflektierte. Dunkle Assoziationen wurden zusätzlich durch in die schrundigen Gründe eingebrachte Schriftzüge wie etwa "Märkischer Sand" geschürt. Kiefer konnte schließlich Schwindel erregende Preise mit seinen schwergewichtigen Tableaus erzielen, da er Ende der Achtziger Jahre in Amerika laut einer Besprechung im Time Magazine als der beste "Künstler seiner Generation auf beiden Seiten des Atlantiks" gerühmt wurde. Unter zwei Millionen Mark war damals in der Regel kein monumentaler Kiefer mehr zu haben. Die Kritik an dem vermeintlich großspurigen Kokettieren mit der Rhetorik des Dritten Reichs wurde zu Recht damit gekontert, dass Kiefer auffällig viele jüdische Sammler unter seinen Käufern hat.
Florale Heiterkeit
Familiäre Motive, sicher auch die schwierig gewordene Rezeption hierzulande hatten Kiefer schließlich bewogen, vom Odenwald ins französische Barjac in der Ardèche umzuziehen. In der Kunsthalle Würth können wir erleben und vergleichen, wie sehr sich Kiefers jüngere Bildmetamorphosen vom erdschweren Ballast der Vergangenheit befreit haben. Allein der von Mao Tse Tungs entliehene Ausstellungstitel "Lasst tausend Blumen blühen" spricht in seinem Romantizismus schon Bände über die Konvertierung zur floralen Heiterkeit. Jeder Pflanze, so glaubt Kiefer, sei eine Figur am Firmament, ein Stern zugeordnet. Während sich Kiefer früher symbolisch Asche aufs Haupt stäubte und den Bußgang durch die Nazigeschichte bis hin zu den altgermanischen Sagenkreisen unternahm, ist er nun von dem kruden Tenor seiner Geschichtsbilder zu einem kosmologisch weit gespannten Gedankenhorizont übergegangen. Himmelskarten, Sternennebel und veritable alchemistische Rätsel lösen die vormalige Trauerarbeit des "Meisters aus Deutschland" in eine fast überpersönlich gelassene Sicht auf den Existenzgrund der Dinge auf.ist Kunsthistorikerin in München und arbeitet als Korrespondentin für die Neue Zürcher Zeitung und als Lektorin
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November 2004











