Sigmar Polke: Malerei als Spiel ohne Grenzen
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Moderne Kunst |
Der Kurator der Schau, Götz Adriani, hat Werke aus drei bedeutenden Privatsammlungen – Frieder Burda, Joseph Fröhlich und Reiner Speck - auswählen können und aus ihnen im blendendweißen Museumsneubau des Amerikaners Richard Maier eine umfassende Retrospektive zusammengestellt.
Die Ausstellung führt das Prinzip der permanenten Metamorphose als den Kern der Kunst Sigmar Polkes vor. Ununterbrochen arbeitet er an neuen Bildfindungen. Wie kein zweiter zeitgenössischer deutscher Maler erlaubt er sich eine Malerei aus dem Geist des ironischen Spiels. Dabei ist seine Kunst weitgehend gegen Deutungen hermetisch abgeschlossen. Polke betreibt eine Malerei als Triumph der Malerei, als Genuss für den Maler und Angebot für den Betrachter. Wer hat noch nicht, wer will noch mal, lautet einer seiner Bildtitel.
Zusammen mit Gerhard Richter und Konrad Lueg, der später unter seinem richtigen Namen Konrad Fischer einer der tonangebenden deutschen Galeristen wurde, hatte Sigmar Polke Mitte der sechziger Jahre kurzzeitig die Kunst des "kapitalistischen Realismus" verkündet. Die damals noch jungen Künstler standen am Anfang ihrer Karrieren. Sie suchten nach einem Erfolgsrezept und fanden es in der amerikanischen Pop-Art.
Die frühen Zeichnungen Polkes spielen mit dem Trivialen und Banalen, und dieses Spiel mit der Oberfläche, mit Klischees und Kitsch findet sich im Werk Polkes bis heute. Ihm reichen Vorlagen aus so obskuren Quellen wie der Bäckerblume und hartnäckig aus der Kunst ausgeschlossenen Medien wie Illustrierten oder Werbeprospekten. Man suchte die Nähe zur Warenwelt und zum Alltag und machte sich lustvoll ironisch darüber her.
Sigmar Polke sind die Ironie und der Spott zur zweiten Natur geworden. Er bedient sich zwanglos bei allem, was ihm bildstark genug erscheint. Für Tiefsinn und höhere Bedeutung hat seine Kunst wenig übrig. Etwas, was die Massen erfreut und sich gut verkaufen lässt, kann nichts schlechtes sein, lautet das spöttische Credo dieses Tuns.
"Ich liebe alle Punkte" (S.Polke)
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Urlaubsbild |
Dem Konfettibild (1966) merkt man die Freude am hemmungslosen Umgang mit Bildpunkten an. Polke hat einem Bürolocher eine Hand voll ausgestanzter farbiger Papierpunkte entnommen, sie über die Fläche des Blattes gestreut und dann nur noch fixiert. Er hoffte auf den Automatismus der Bildfindung und das Blatt beweist, dass das Verfahren funktioniert. Man liest in den Punkten wie im Kaffeesatz.
Typisch für Sigmar Polkes frühe Bilder ist auch die Einführung von neuen Malgründen. An die Stelle der grundierten Leinwand, die normalerweise als Bildträger fungiert, setzt er bunte, grell gemusterte Warenhausstoffe billigster Art. An deren Geschmacklosigkeit reibt er sich. Aus ihr bezieht er seine Spannungen. "Der Stoff beschreibt das Milieu besser, als man es je selber beschreiben könnte" (S. Polke). Indem er langhalsige Flamingos über die Stoff-Leinwände staksen lässt oder kitschige Motive kitschig überhöht, gewinnt Polke haltbare Bilder, in denen etwas vom engen Geist der Zeit sichtbar wird. Polke übertreibt die Geschmacklosigkeiten, er radikalisiert die Dummheit der Motive und gewinnt neue Bilder im Kampf mit allen Klischees. Alles, worauf sich ein Bild gewinnen lässt, ist ihm willkommen. Kosmos und Kokolores. Er ist ein Don Quichotte, der mit Pinsel und Leinwand kämpft.
Die Kunst des Spottens
In mehreren Arbeiten setzt sich Polke mit der Kunst der Gegenwart auseinander und zwar im Geist spöttischer Konkurrenz. Im Bild Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen! behauptet er, dass er einfach nicht anders konnte, als die rechte obere Ecke schwarz zu malen. Das Bild macht sich über Geniekult lustig und profitiert doch genau von der Freiheit, die er selber dort verspottet.
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Lösungen V |
Und damit keiner glaubt, sein Mut reiche nicht, auch die alte Kunst zu plündern, zwingt er auch Motive, die er Goyas Caprichos und einer Grafikfolge von Max Ernst entnimmt, in einem Gemälde zu einer verblüffenden Einheit zusammen. Ihm reichen ein paar kalligrafische Schriftzüge von Altdorfer, die er riesenhaft vergrößert auf ein "Schüttbild" setzt, um aus einem alten Bild ein neues zu machen. Malerei, die sich bei allen Vorgängern frech bedient. Egal, ob es Sinn macht, Hauptsache, es kommt etwas Ansehnliches dabei heraus. Dürers weltbekannter Hase von Polke auf Dekorationsstoff platziert ist eben etwas, was die Kunst bis dahin nicht kannte. Anything goes – Polke betreibt die Kunst als ein Spiel ohne Grenzen.
Kalkulierter Zufall: Schütt- und Lackbilder
In seinen "Schüttbildern" arbeitet Polke mit dem kalkulierten Zufall. Natürlich ist der Zufall seit dem Surrealismus und dem abstrakten Expressionismus kein Unbekannter in der Kunst der Moderne mehr. Indem Polke Farbsubstanzen auf die liegende Leinwand schüttet und ihren Verlauf nur durch das Schwenken der Bildfläche in begrenztem Maße steuern kann, übergibt er die Aufgabe der Bildfindung an die Farben selber. Er nähert die Malerei der Alchemie an. Der Künstler ist nur der Beobachter, der an einem bestimmten Punkt den Prozess für abgeschlossen erklärt.Immer häufiger verwendet er für seine Bilder durchscheinende Polyestergewebe, auf die er in vielen Schichten Kunstharzlacke aufbringt. Geht man an diesen Bildern vorbei, dann erkennt man, dass sich ihre Farbgebung je nach dem Einfallswinkel, in dem man auf sie schaut, ändert. Das Bild ist niemals fertig. Es verwandelt sich wie eine lebendige Einheit vor den Augen des Betrachters. Und genau um diese lustvolle, lebendige Qualität der Kunst scheint es Polke zu gehen. Wie durchscheinend die Oberflächen seiner Leinwände oft auch sind, den Maler wird man nicht durchschauen. Polke ist ein Proteus , der in Orakeln spricht, aber sich hütet, sie selber zu deuten. Seine Bilder haben keine Probleme, deshalb brauchen sie auch keine Lösungen. Sie sind sich selbst genug.
| Die Ausstellung läuft noch bis zum 13.Mai im Museum Frieder Burda in Baden-Baden. |
ehemals Mitglied der Online-Redaktion des Goethe-Instituts
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März 2007














