Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Bildbetrachtungen: Sigmar Polke

Dürer Hase, 1970

Sigmar Polke; Dürer Hase; 1968, 80 x 60 cm; Dispersion auf Stoff; Museum Frieder Burda, Baden-Baden; Foto: Museum Frieder Burda
Dürer Hase
Ende der sechziger Jahre hat Polke mehrfach Bilder gemalt, die sich mit bereits vorhandener Kunst beschäftigen. Besonders frech und freizügig ist er dabei mit dem berühmten Hasen Dürers umgegangen. Dieser Hase galt immer als der Inbegriff deutscher Kunst, die naturnahe Zeichnung seines Felles als Ausdruck der perfekten Handwerklichkeit der Darstellung.

Polke bemächtigt sich mehrfach in seinem Werk dieses Hasens und kopiert ihn auf seine Weise inklusive der markanten Signatur Dürers. Er setzt den Hasen mit ein paar flüchtigen Strichen auf einen bedruckten Stoff mitten in ein kleinbürgerliches Ambiente. Oder er steckt seine Umrisse extrem grob mit einem Gummiband nach, das er auf der Leinwand fixiert. Er trivialisiert sein Motiv und gibt ihm eine ironisch gebrochene, komische Note. Erlaubt ist was gefällt. Polke gefällt das Spiel mit dem Traditionsbruch. Wie das Bild Höhere Wesen befahlen, obere rechte Ecke schwarz malen oder Moderne Kunst ist sein Gemälde Dürer Hase Ausdruck der Freiheiten, die sich dieser Maler nimmt und für die er bekannt wurde. Selbstbewusst spielt er mit den Grenzen des Erlaubten und hat großen Erfolg damit.

Tischerücken, 1981

Sigmar Polke; Tischerücken; 1981, 205 x 200 cm; Sammlung Reiner Speck
Tischerücken
Der Titel spielt auf eine dubiöse spiritistische Praxis an, bei der ein Tisch zum Schweben gebracht wird und dabei Botschaften aus dem Jenseits empfangen werden können. Polke erweckt den Gedanken an eine Analogie zwischen der spiritistischen Praxis und der Kunst.

Tischerücken ist eines der ersten Schüttbilder Polkes, bei denen der Maler dem Zufall eine entscheidende Rolle im Arbeitsprozess einräumt. Nur durch Schwenken der liegenden Bildoberfläche, durch ein Verrücken des Tisches, auf dem sie liegt, entsteht das Bild und enthält die Botschaft des Malers, die der Deutung des Betrachters vollkommen offen ist.

Die Idee des Tisches hat Polke dadurch noch verstärkt, dass er einen einfachen, bedruckten Warenhausstoff an Stelle der Leinwand verwendet und ihn außerdem noch – wie eine Tischdecke - über den Bildrahmen hinausragen lässt. Die lineare Zeichnung auf der Fläche kann man als Skizze lesen, in der der Arbeitsvorgang angedeutet wird. Die Tischform ist dabei in die Schräge gerückt, die geschwungenen Linien deuten den Farbfluss an, und die senkrechte Linie kann als Hinweis auf das Ergebnis, ein abstraktes Tafelbild, gesehen werden. Der Maler konstruiert in der Abstraktion ein Geheimnis und deckt zugleich die Methode der Geheimnistuerei auf. Es steckt nichts dahinter als der Künstler selber.

Triptychon, 1996

Sigmar Polke; Triptychon; 1996, 3teilig, je 350 x 280 cm; Synthetischer Harz und Lack auf Stoff; rückseitig signiert und datiert; Museum Frieder Burda, Baden-Baden; Foto: Museum Frieder Burda
Triptychon 1
Sigmar Polke; Triptychon; 1996, 3teilig, je 350 x 280 cm; Synthetischer Harz und Lack auf Stoff; rückseitig signiert und datiert; Museum Frieder Burda, Baden-Baden; Foto: Museum Frieder Burda
Triptychon 2
Sigmar Polke; Triptychon; 1996, 3teilig, je 350 x 280 cm; Synthetischer Harz und Lack auf Stoff; rückseitig signiert und datiert; Museum Frieder Burda, Baden-Baden; Foto: Museum Frieder Burda
Triptychon 3


Das dreiteilige Werk gehört in die Serie der Schütt- und Lackbilder. Die drei Bildtafeln bilden zusammen eine Einheit. Mit einer Breite von achteinhalb Metern und einer Höhe von fast drei Metern ist das monumentale Werk eines der größten Bilder im Werk Polkes. Heute befindet es sich im Besitz der Sammlung Frieder Burdas.

Das Bild besteht aus mehreren Schichten Kunstharz und Lack, die fließend übereinander und durcheinander verlaufen und gehärtet sind. Auf Polyestergewebe gegossen lässt das Bild den dahinter liegenden Keilrahmen durch die Bildoberfläche durchscheinen und verstärkt damit noch einmal die Lesart als Kreuzigungsmotiv.

Die Dreiteiligkeit der Form legt eine religiöse Lesart nahe. Der Titel unterstreicht dies noch. Aber es handelt sich um ein rein abstraktes Bild. Den sakralen Gehalt interpretiert der Betrachter allein durch Form und Titel ins Bild hinein.

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