Anna Lehmann-Brauns: Erhellte Kammern

Das Paradies muss anderswo sein. Hier im Club Big Eden in Berlin liegt Müll am Boden, die Kabel sind notdürftig und über Putz verlegt. Der Scheinwerfer muss verrutscht sein, denn niemand würde das Licht just auf eine Fläche richten, wo sich zwei Faserplatten zu einer unschönen Naht treffen, und die Reste von Klebestreifen von einer mitteilsameren Vergangenheit zeugen.
Und dennoch keinerlei Tristesse, vielleicht eine Ahnung von Melancholie. Das Licht in diesem Raum changiert geheimnisvoll, aber nicht unfreundlich zwischen einem tiefen Rot und einem satten Violett, durch den Spalt einer geöffneten Türe blickt man in ein hell erleuchtetes Zimmer.
Zimmer mit Aussicht
Die Räume, die Anna Lehmann-Brauns fotografisch in Szene setzt, sind meist halböffentliche Orte wie Bars, Kinofoyers, Hotellobbies, manches mal auch Schwimmbäder. Es sind Räume, die man nicht einfach nur betritt. In einem zugegeben etwas verblassten Glamour verlangt die Regieanweisung für potentielle Besucher nicht einfach nur "Kommen", sondern "Erscheinen". Für wen dies gilt? Für Helden (vornehmlich) der Nacht, ihre weiblichen Pendants und solche, die es werden wollen. Mit Ausnahme von Eden stehen für diese Nachtschwärmer akkurat aufgeräumte Szenarien zur Verfügung, doch irgendwie erinnert sich der Betrachter an den Geruch von kaltem, abgestandenem Rauch, vielleicht würde sich auch irgendwo am Tresen noch der klebrige Abdruck eines Glases finden.
Die Lichtführung auf diesen Fotografien ist spannend bis dramatisch, es dominieren kräftige Farben, und stets gibt es einen Hinweis auf ein Leben außerhalb dieser Wände. Sei es nun der Blick aus einem Fenster, eine Türe oder aber die Fototapete eines Palmenstrandes und an die Wand gemalte nächtliche Großstadtszenarien, die beide gleichsam als Bild im Bild auf Sehnsuchtsorte in anderen Realitäten verweisen.
Zimmer als Bühne
Die 1967 geborene Berlinerin gab einmal die Sehnsucht nach dem Vergangenen und den Wunsch, eben dieses Vergangene zu konservieren, als Grundmotiv ihrer Arbeit an. Im ersten Moment fühlt man sich erinnert an Candida Höfers zurückhaltenden Blick in öffentliche oder halböffentliche Räume oder die Dokumentation futuristischer Architekturen von Maix Mayer, wie Anna Lehmann-Brauns an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ausgebildet.
Doch es sind hier nicht nur Interieurs, die abgelichtet werden. Es geht Anna Lehmann-Brauns auch weniger darum, die Räume in ihrer architektonischen Dimension darzustellen. Sie unternimmt vielmehr den Versuch, eine Stimmung festzuhalten. Eine Stimmung, dazu angetan Gefühle, Erinnerungen oder Assoziationen zu wecken. Die abgelichteten Räume stellen dafür den Ort zur Verfügung, eine Bühne oder, um in der Zweidimensionalität zu bleiben: eine geeignete Projektionsfläche.
Sun in an Empty Room lautet der Titel eines der Hauptwerke Edward Hoppers, jenes Meisters der amerikanischen Malerei des 20. Jahrhunderts, dessen Werke gerne die Einsamkeit des Individuums und eine melancholische Stimmung zeigen. Sun in an Empty Room ist nicht zufällig auch der Titel von Anna Lehmann-Brauns kürzlich erschienenem Bildband, der ihre Arbeiten der letzten acht Jahre zusammenfasst.
Zimmer als Porträt
Neben diesen nahezu theatralisch in Szene gesetzten Innenausstattungen Anna Lehmann-Brauns existieren von der Künstlerin aus ihrer Studienzeit eine Reihe von Fotos, die mit Modellen ähnlich Puppenstuben entstanden sind. Die Beleuchtung, die kräftige Farbigkeit und der Blickwinkel sind durchaus vergleichbar mit den Aufnahmen realer Räume. Doch während die einen durch ihren Titel wie Big Eden, Berlin als reale Orte lokalisierbar sind, werden die anderen durch ihren Titel individualisiert. Lehmann-Brauns Arrangements en miniature, zusammengefasst unter dem Titel Bitterblue, lassen sich als Porträts lesen.
Es sind Erinnerungen, meist aus der Kindheit, die diese Zimmer entstehen lassen. Diese Kammern haben einen durchaus narrativen Charakter, erzählen sie doch von der Beziehung der Künstlerin mit Käthe, Herrn und Frau S., Sebastian und anderen Menschen aus einem privaten Umfeld. Spärlich eingerichtet, wie diese Räume sind, wird jedem Versatzstück, jeder Requisite auf dieser Bühne der Erinnerung besondere Bedeutung zugemessen. Sie werden zu Stellvertretern von jenen Menschen, die den Interieurs zugedacht sind. Man beginnt sich Geschichten auszudenken: wie Omamami beim Verlassen des Hauses stets noch die schöne Kette und einige Tropfen Parfüm anlegte und sich nochmals im Spiegel betrachtet, Oma Kessler hingegen über ein gutes Händchen für Grünpflanzen verfügt. Mit Käthe trinkt man Filterkaffee, und Dieter tischt auf, was der Kühlschrank hergibt. Sich an die Kindheit erinnern bedeutet jedoch auch stets, sich mit der eigenen Herkunft auseinander zu setzen.
Wohl in diesem Sinne hat Lehmann-Brauns auch Mamma ein Werk zugedacht, das sich von allen anderen unterscheidet. Es ist ein Badezimmer. Eine leuchtend rote Nasszelle mit allem, was dazugehört: Waschbecken, Toilette, Badewanne mit eingelassenem Schaumbad. Die Wand ziert ein Poster von jenem "Stern"-Cover, auf dem sich eine Reihe prominenter Frauen Anfang der siebziger Jahre dazu bekannten, abgetrieben zu haben. In diesem Raum gibt es keine Türe, kein Fenster, keinen Lichteinfall, aus dem man schließen könnte, dass es aus ihm ein Entkommen gäbe. Es bleibt einzig der Blick auf das eigene Spiegelbild.
| Anna Lehmann-Brauns: Sun in an Empty Room. Hatje Cantz, Ostfildern 2008; deutsch/englisch, ISBN 978-3-7757-2083-0 |
ist Kunsthistorikerin und freiberufliche Journalistin und Autorin. 2002-2004 war sie Präsidentin der Österreichsektion des internationalen Kunstkritikerverbandes AICA
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Mai 2008











