Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Von Angesicht zu Angesicht: Retrospektive zum Werk von Stefan Moses

„In seinen besten Aufnahmen sind Momente individueller oder kollektiver Epiphanie bewahrt“, urteilte Wolfgang Kemp 1991 über den Fotografen.

Das ist natürlich ein großes Wort, trifft aber den Kern der Kunst von Stefan Moses, die Menschen für die Fotografie zu einer Form der Selbstentäußerung zu bewegen. Aus der Rolle, die sie in der Gesellschaft, in der Öffentlichkeit spielen, herauszutreten und etwas von ihrem Ich zu zeigen. Stefan Moses fand dafür ungewohnte Formen der Inszenierung, die die verkrampfte Ikonografie für in Würde erstarrte Geistesgrößen weit hinter sich ließ.

Waldbilder

Käthe Kruse
Er verfrachtete Deutschlands Dichter, Denker und Politiker in den Wald, ließ sie zwischen Baumstämmen wandern und aus dem Unterholz hervortreten. Ein von allen Politzwängen befreiter Ex-Bundeskanzler Willy Brandt, umgeben von zarten jungen Baumschösslingen. Herbert Wehner, Urgestein der Sozialdemokratischen Partei, knorzig und unveränderbar wie der Baumstamm, auf dem er sitzt. Die greise Puppenkünstlerin Käthe Kruse als zärtliche Waldfee. Der märchenhaften Naturwirkung konnte sich keiner entziehen.

Selbst im Spiegel

In der Serie Selbst im Spiegel überließ es der Fotograf seinen berühmten Protagonisten, der Boxlegende Max Schmeling, dem Schriftsteller Erich Kästner oder dem Philosophen Ernst Bloch und dem Literaturwissenschaftler Hans Mayer, sich selbst zu fotografieren.
Bloch / Meyer
Die Modelle spiegelten sich in einem Konfektionsspiegel aus dem Hause C&A und nahmen ihr alter Ego per Selbstauslöser auf. Stefan Moses hielt ihre spontane Neugier, Verblüffung oder Konzentration mit einer zweiten Kamera fest und erläuterte in seiner Aufnahme die Kameraposition, die Raumverhältnisse, den Standort von Person und Spiegel. Die ungewöhnliche Methode, in der die Selbstdarstellung in die Selbstreflexion übergeht, brachte einen neuen Wesenszug in die Porträtfotografie.

Masken

Analog seiner Erkenntnis, dass niemand wirklich erkannt werden will, ließ Stefan Moses in der Serie Masken Künstlern etwa fünf Minuten Zeit, um sich zu verhüllen. Dann nahm er sie mit der Kamera auf. Der Cartoonist Saul Steinberg steckte seinen Finger als Nase durch die Mitte eines Papiertellergesichts.
Otto Dix
Maler Jörg Immendorff wurde mit einem bemalten Mundschutz vor dem Gesicht zum einäugigen Zyklopen. Sein Kollege Otto Dix sah mit scharfem Blick durch die Griffe einer umgedrehten Schere. Die Künstler offenbarten sich in den Performances als geniale Verwandlungskünstler, die in ihren Masken und Verhüllungen verblüffend aussagekräftige Kürzel der eigenen Arbeit schufen.

Bei den Werkgruppen verbinden sich wie bei kaum einem anderen die Konzept- und die Lifefotografie zur individuellen Bildsprache.

Seit 1995 ist das Münchner Stadtmuseum im Besitz des Bildwerkes von Stefan Moses, um die 20.000 Originalabzüge. Nur ein Bruchteil davon, etwa 220 Aufnahmen, touren mit dem Goethe-Institut um die Welt. Und doch ist es eine umfassende Ausstellung geworden, die in zehn Kapiteln eine Bilderchronik Deutschlands, von den Anfängen der jungen Bundesrepublik bis zur Gegenwart, vor Augen führt.

Biografie

Wahlkampfparty
Stefan Moses (geb. 1928 in Liegnitz/Schlesien) fing seine Karriere 1943 bei der Fotografin Grete Bodlée in Breslau an und arbeitete dort zum ersten Mal mit einer Leica. Nach dem Krieg wurde er zuerst Theaterfotograf am Nationaltheater in Weimar und dann für etwa sechs Wochen Szenenfotograf bei den Filmstudios der DEFA in Potsdam-Babelsberg – zwei Stationen, die in seinen Bildfindungen immer spürbar bleiben. 1950 ließ er in München nieder und wurde ein Bildjournalist, der die Welt als Bühne sieht. Das spontane, improvisierte Theater, das im Brecht`schen Sinn mit wenigen Elementen eine Bühne, eine Szene entstehen lässt, ist für seine Bildfindungen ein Vorbild.

Gesellschaftsbilder

Die frühen Arbeiten aus den 50er Jahren sind für das spätere Oeuvre eher untypisch. Gespenstische Straßenszenen 1956 in Budapest während des ungarischen Aufstandes gegen die sowjetische Besatzung. Oder das Bild der spanischen Verkäuferin in einem Laden für Devotionalien (Sevilla, 1954), deren sinnliche Formen als Fleisch gewordener Widerspruch den asketischen Heiligenbildern trotzen.

Schäferin

In dem Bild sind die Verkäuferin und ihr kleiner Laden miteinander verbunden, erst beides zusammen ergibt die Bildaussage. Ein Zusammenspiel von Person, Beruf und Umfeld, das Stefan Moses in den 60er Jahren nicht mehr sucht, als er in der Tradition der Wanderfotografen durch die Bundesrepublik zieht und zu einer neuen Form typologischer Porträts findet. Gymnastiklehrerinnen, Straßenbahnschaffnerinnen (Köln 1963) oder Straßenkehrer (Berlin 1964) posieren da vor einem riesigen Filztuch wie auf einer Bühne, vitale Stars der eigenen Existenz.

Das hellgraue Tuch ist ein genialer Griff, wie Fotosequenzen der Arbeit vor den Porträtaufnahmen dokumentieren. Es lässt sich spontan improvisieren. Über einen Maschendrahtzaun, eine Betonmauer, eine Baggerschaufel geworfen neutralisiert es jede Form von Hintergrund. Der Posierende wird auf das Tuch gebeten. „Da soll ich mich hinstellen?“, die Frage ist von den Gesichtszügen ablesbar. Sich selbst überlassen und dem, was in ihm steckt, passiert dann, was auf jeder guten Bühne passieren sollte: die Einmaligkeit der Person wird sichtbar, ob Schüchternheit, Selbstbehauptung, Lebensfreude, Mutterwitz.

Das Tuch ist mit dabei, als sich Stefan Moses, zusammen mit seiner Frau Else Bechteler, selbst eine bekannte Bildweberin, noch einmal auf den Weg macht für den Bilderzyklus Ostdeutsche Porträts, der zwischen 1989 und 1990 im Auftrag des Deutschen Historischen Museums Berlin entsteht und die Ost-Bürger in der historischen Phase nach dem Mauerfall in Fotografien festhält. In der Ausstellung hängen die Aufnahmen der Menschen von Ostdeutschland und der von Westdeutschland einander gegenüber. Vor dem grauen Tuch verschwinden die territorialen und ideologischen Grenzen, zwischen den Rollmopspackerinnen in Büsum (West, 1963) etwa und den Fischfachverarbeiterinnen in Warnemünde (Ost, 1990).

Das Hauptinteresse des Fotografen galt in allen Schaffensphasen dem Porträt. Viele einzelne Porträts, von Politikern und Philosophen, Metallern und Straßenarbeitern, Schriftstellern und Schauspielern, Schlachtern und Köchen, summieren sich in ihrer Vielzahl zu einem Porträt der deutschen Gesellschaft. Eine politische Aussagekraft kann man den Fotografien trotzdem nicht zuschreiben, eher eine zutiefst humane. Ihre unbedingte Nähe zum Menschen macht die s/w-Aufnahmen gerade im Zeitalter der digitalen Ästhetik berührend.

Die Ausstellung ist 2008 geplant an folgenden Orten:

Guayaquil (Februar)
Rabat/Casablanca (Februar bis April)
Guadalajara (April/Mai)
Alexandria (Mai bis Juni)
Monterrey (Juni)
Beirut (Juli)
Washington (September).

Bitte erkundigen Sie sich bei Ihrem Goethe-Institut vor Ort.

Der Ausstellungskatalog ist bei Schirmer/Mosel erschienen, 27 x 31,5 cm, geb.
ca. 320 Seiten, ca. 220 Tafeln in Duotone, € 68,-

Susanne Nusser
ist Kunstjournalistin und Editorin des Internet-Magazins nachrichtenkunst.

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aktualisiert Februar 2008

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