Martin Kippenberger
Die Zeit ist reif
Die große Werknachfrage liegt zum Teil daran, dass der Künstler dieses Jahr 50 geworden wäre. Kippenberger starb 1997 mit 44 Jahren in Wien. Zum anderen ist die Zeit jetzt reif für Martin Kippenberger. Seine Art zu Sein passt in unsere Gegenwart, in der die Fernsehnation anlässlich des Auftrittes einer Popsängerin bei einer TV-Show nachhaltig über deren Slip diskutiert. Schließlich hat sich auch Kippenberger für sein Publikum ausgezogen bis auf die Unterhose, 1988 in lebensgroßen Ölbildern. Er benutzte dafür eine weißes Ungetüm in Übergröße, das seinen erschlafften, übergewichtigen Körper umfängt. Eine künstlerische Selbstdarstellung, die die Schonungslosigkeit im Umgang mit der öffentlichen Intimität vorwegnimmt, und gleichzeitig eine Abrechnung mit dem Mythos vom künstlerischen Genius im 20. Jahrhundert. Der alte Picasso ließ sich in einem ähnlichen Utensil mit Bademantel und Modehund selbstbewusst am Strand fotografieren.
Alles in Frage stellen
Die unbedingte Nähe zum eigenen Ich, die Kippenberger zuließ, kommt den heutigen medialen Bedürfnissen enorm entgegen, und sie ist vitale Essenz vieler seiner Werke, die nach der Endzeit der großen Avantgarden in den 80-er und 90-er Jahren entstanden. Ob als Spiderman (Installation, 1996) oder als Schiffbrüchiger (Medusa, Öl auf Leinwand, 1996, nach dem „Floß der Medusa“ von Géricault), Kippenberger stellte nahezu alles in Frage, was Kunst ausmacht: das Malen, die Authentizität von Bildern, die Rolle des Künstlers, den Kunstbetrieb. Und gleichzeitig blieb er immer mitten drin, heftig malend und gar nicht wegzudenken aus der deutschen Kunstszene, der er Ausstellungs- oder Plakattitel schenkte wie „Gute Rückentwicklung kennt keine Ausreden“.
Die Ausstellung in Karlsruhe
Die Radikalität von Kippenbergers Demontagen vermitteln über 500 Ausstellungsobjekte in der Karlsruher Retrospektive als Summe. Das gesamte Erdgeschoss des Museums für Neue Kunst wurde für diese Schau frei geräumt, um Platz zu schaffen für die sorgfältig in Szene gesetzten großen Installationen, darunter das rekonstruierte Ensemble „Tiefes Kehlchen“ von 1991, Skulpturen wie die siebenteilige „Familie Hunger“ von 1985, die Architekturmodelle und die Modelle der Kippenberger U-Bahn Stationen, und alle wesentlichen Bilderserien bis hin zu den Laternenfotos in seinem letzten Lebensjahr.
Gerade in den figurativen Gemälden sind die Verneinung und der Anspruch ablesbar, die Kippenberger seiner Branche entgegenbrachte. Die schnell gemalte grautonige Serie „Uno di voi, un tedesco in Firenze“, die nach dem Abbruch seines Hamburger Kunststudiums 1976 in Florenz entstand, hatte das frühe Ziel, dass die Bilder aufeinander gestapelt die Höhe von Kippenbergers Körpergröße, 189 cm, erreichen sollten. Zehn Zentimeter vor Erreichen der Messhöhe wollte Kippenberger nach Deutschland zurück.
Rückkehr zur Tradition der Malerei
In der realistischen Bilderserie „Lieber Maler, male mir“ von 1981 entwickelte er seine Verachtung für den klassischen Kunstanspruch konsequent weiter und ließ einen professionellen Plakatmaler für sich malen, nach seinen genauen Angaben und nach Fotovorlagen. Denn welche Rolle spielt der Maler noch in einer Epoche, in der die Bilder endlos reproduzierbar und verfügbar geworden sind? In der alles schon gemalt wurde, was es zu malen gab? Noch 1996 fand er darauf eine Kippenberger-Antwort. Die Portrait-Serie „Jacqueline: The Paintings Pablo Couldn’t Paint Anymore“ zitiert Malelemente von Picasso und beansprucht, Picassos Oeuvre nach dessen Tod fortzusetzen. Hinter dem Witz vom austauschbaren Genie steht die oft wiederholte Rückkehr zu der Tradition der Malerei.
Martin Kippenbergers Werk mit Endzeit-Sarkasmus lag schwer im Bauch des Kunstbetriebes, dort, wo die Verarbeitung, die kuratorische, kunsthistorische oder publizistische Rezeption ansetzt. Wie geht man mit Kippenbergers Humor um, der sich bei jeder analytischen Zerlegung in Ernst verwandelt? Wie inszeniert man seine Arbeiten museumsreif, und was bleibt dann noch von ihnen übrig? Und wie stellt man aus einer immer größer werdenden zeitlichen Distanz die Nähe zu der Person Martin Kippenbergers her, ohne die sein Werk zur Mumie wird? Das sind Fragen, an denen sich allenfalls die Hälfte der Rezipienten die Zähne ausbeißt.
Der große Zweifler als Vorbild
Der anderen Hälfte ist das herzlich egal. Eine junge Generation von figurativen Malern wie Sophie von Hellermann hat Kippenbergers Potential entdeckt, sich der künstlerischen Virtuosität zu verweigern, weil diese nicht den Wert eines Bildes bestimmt, und malt provozierend unbekümmert drauf los. Der große Zweifler als Vorbild für einen neuen Malboom, das ist ein Widerspruch, der Martin Kippenberger gefallen hätte.
ist Kunstjournalistin und Editorin des Internet-Magazins „nachrichtenkunst“



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