Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Batman’s Gallery – Andreas Hofer in der Sammlung Goetz

Andreas Hofer: „THUNDER AGENT NEVADA DOOM 4419“ | Foto: Sammlung Goetz

Seine Zeichnungen, Malereien und Installationen fanden binnen kurzem einen begeisterten, bis in die USA reichenden Sammlerkreis. Nun hat der deutsche Shooting-Star Andreas Hofer in der Münchner Sammlung Goetz eine Einzelausstellung. Einmal mehr beweist Hofer, wie souverän er ganze Räume in seine krude Zeichensprache einzuspinnen weiß.


In dem teils giftfarben aufleuchtenden, unübersehbaren Bilderkabinett dürfte selbst der trainierteste Kunstbetrachter nach einer Weile leicht irre werden. Originale hängen auf den lückenlos bis zur Decke tapezierten Reproduktionen. Hier und da hebt sich eine Vitrine oder originelle Rahmung reliefartig vom figürlichen Posterteppich ab.

Eine Ausstellung aus der Schatzkammer der Sammlerin Ingvild Goetz

Sammlung Goetz | Foto: Sammlung GoetzAndreas Hofer, der vor rund fünf Jahren mit rasanter Geschwindigkeit am Kunstmarkt in obere Preisgefilde aufgestiegen ist, hat der Münchner Sammlung Goetz mit seiner Einzelausstellung mehr als nur diese eine ortsspezifische, also eigens auf einen konkreten Raum abgestimmte, überbordende Installation beschert. Im Untergeschoss richtete er eine windschiefe Raumbühne frei nach expressionistischen Filmkulissen-Vorbildern samt wild gestikulierendem Protagonisten ein. Und im verliesartigen Souterrain sieht man einen kindlichen Drachen vor lila Säule und grüner Wand wie ein zerschlissenes Relikt aus der Augsburger Puppenkiste schweben.

Das eigentliche Mirakel an dieser Ausstellung ist allerdings weniger, dass es der heute in Berlin lebende Künstler geschafft hat, seine zwischen Comic-Welt, Gothic-Anleihen und mittelalterlicher Archaik oszillierende Kunst zu einem phantasmenhaften Splitterwerk zu vereinen. Besonders erstaunt die Tatsache, dass diese immerhin über 70 Arbeiten umfassende Soloschau allein aus der privaten Schatzkammer der Ingvild Goetz bestückt ist. Dabei stieg Ingvild Goetz erst vor vier Jahren in das Kaufgebiet des seinerzeit bereits heftig von amerikanischen Kunstliebhabern umworbenen Andreas Hofer ein. Die zweifelsohne wichtigste deutsche Sammlerin für zeitgenössische Kunst hat in ihrem von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron erbauten Ausstellungskubus eine museumsreife Schau organisiert, die mancher staatlichen Institution gut zu Gesicht stünde.

Andreas Hofer: „Batman Gallery“ und Installationsansicht aus „Andreas Hofer: Andy Hope“ in der Sammlung Goetz | Foto: Sammlung Goetz

Superman, Batman, Silver Surfer

Andreas Hofer, der seine Bilder gerne mit dem Pseudonym „Andy Hope“ signiert und manchmal auch in ironischer Utopiegeste als „Nova Dreamer“ oder „Lord of Illusions“ auftrumpft, ist als Ausnahmeerscheinung der deutschen Kunstszene relativ spät erkannt worden. Mit erst 40 Jahren startete der gerade wegen seiner ruppigen Chiffren bis dahin bei Insidern als ingeniöser Zeichner und sogenannter „Psychonaut“ (Veit Loers) geschätzte Künstler seine Weltkarriere. Mit der Zeit dehnte der 1964 in München geborene und an der dortigen Akademie ausgebildete Künstler das von Chimären durchsetzte Repertoire immer weiter in Richtung großformatige Malerei und Installationen aus. Letztere bestehen wie jetzt in der Sammlung Goetz meist aus bewusst notdürftig zusammengezimmerten Holztribünen.

Hofers via Treppe begehbare schwarz lackierte Batman Gallery, die an einen überdachten Kiosk erinnert, beherbergt seine Zeichnungen aus den Jahren 2003 und 2004. Der Rückgriff auf die mit Fledermauskostümen geflügelte Comicwelt erfolgt zugleich im Flashback auf die ideologischen Wechselbäder der Geschichte der 1930er- bis 1960er-Jahre. Es ist die Zeitepoche, als nicht nur fiktiv gegen das Böse ankämpfende Superhelden wie Superman, Batman und schließlich zu guter Letzt Silver Surfer aus der Taufe gehoben wurden, sondern auch tatsächlich die übelsten Diktatoren mit ihren Eroberungsgelüsten und Völkermorden in Europa ihr Unwesen trieben.

Andreas Hofer: „Infinity Crisis“ und „Trans Time“ | Foto: Sammlung Goetz

Der Heroisierung keine Chance

In dem breitformatigen Gemälde THUNDER AGENT NEVADA DOOM 4419 erinnert Hofer an Gobelins des kaum mehr geläufigen Künstlers Werner Peiner, der nach NS-getreuer Dienerschaft in den 1950er-Jahren seine bundesrepublikanischen Großauftraggeber fand. Auf Hofers in Flammen auflodernder Landschaft sieht man einen schwarz maskierten Triumphator in seinem Sonnenwagen geradezu grotesk über das verbrannte Erdreich hinweg preschen. Der zeitweilige Vorwurf, dass Hofer eine naive Re-Mythisierung des Dritten Reichs und seiner Symbole betreibe, greift also nicht. Anders als man das etwa von Anselm Kiefers Finsternis-Panoramen gewohnt ist, vermeidet Hofer jedes Pathos. Wie viel Ambivalenz in dem komplexen Zeichenkosmos steckt, zeigt auch, dass die hier und da auftauchenden SS-Insignien doppelbödig auch für Hofers Silver Surver stehen.

Sein Ansatz: Die westlichen Utopien sind zu Beginn des 21. Jahrhunderts definitiv an ihr Ende gekommen, bis hin zu dem ohnehin inhumanen Kern einer perfekten Kollektivgesellschaft abgewirtschaftet. Hofer zeichnet ein verwüstetes Land, in dem die alten Helden, Verbrecher- wie Rettergestalten ein lächerliches Gespensterdasein fristen. Der einerseits energetisch vibrierende, dann wieder wie unter infantilen Schüben fahrig ausfallende Strich lässt keine Heroisierung zu. Immer wieder fühlt man sich auch an die volkskundlichen Inspirationen des Blauen Reiters erinnert. Aus dem Zwielicht zwischen (Kunst-)Geschichte, Comic und Science Fiction holt sich der Borderliner Andreas Hofer seine Chimären. Dies, um laut dem amerikanischen Kunsttheoretiker John C. Welchman „die tragische, jedoch letztlich erhellende wechselseitige Abhängigkeit von Vergangenheit und Zukunft auf einer Phantomebene anzudeuten“.

Andreas Hofer: Andy Hope, Sammlung Goetz München, bis 1. April 2010, Katalog 35 Euro
Birgit Sonna
arbeitet als Korrespondentin für das Kunstmagazin art und die Neue Zürcher Zeitung sowie als Lektorin.

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Januar 2010

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