Franz Ackermanns raumbezogene Malereien im Kunstmuseum Bonn


Als einer der herausragenden zeitgenössischen Maler in Deutschland entwickelte er eine signifikante Formsprache: Franz Ackermann verdichtet heutige globale Reiseeindrücke zwischen Erlebtem und medial Vermitteltem zu einem explosiven, popartigen Wandteppich. In seiner neuen Einzelausstellung in Bonn sieht man, wie sehr er sich von seinen kleinformatigen „Mental Maps“ hin zum raumüberwältigenden Installationskünstler bewährt hat.
Es ist, als würde die Malerei brachial gegen jahrhundertealte Konventionen rebellieren – sich unwiderruflich mit aller Gewalt aus ihrem Korsett des Rahmens und der vorgegebenen Architektur befreien. Franz Ackermanns Riesenformaten wachsen veritable Gitterstäbe aus Eisen und Balustraden aus Naturelementen. Geköpfte Kunstpalmen oder abgerissene Gepäckscheine von Flugreisen besetzen als dreidimensionale Requisiten des Realen das Umfeld. Am Boden sind Decken respektive Kleiderhaufen abgelegt, ähnlich hippiesk in der Farbgebung wie die popartigen Amöben des Gemalten. Und in den Wandmalereien zeigen sich Durchbrüche wie bei einer maroden Mauer, durch die Ausblicke auf eine modellhaft verkleinerte Welt geschaffen werden.

Man bekommt den Eindruck, als würde der mal in seinen Facetten implodierende, dann wieder vor Kraft berstende Farbteppich ein dem Urheber völlig aus der Kontrolle geratenes Eigenleben entfalten. Die neue Einzelausstellung im Kunstmuseum Bonn wabert in der für Franz Ackermann symptomatischen Weise über Raumgrenzen hinweg, bezieht nicht nur die Wandflächen, sondern auch Türausschnitte und den Boden in das All-Over mit ein. Objekte am Rande des Kaufhaus-Trash oder der Tourismus-Folkore bestücken hier und da die Säle.
Magische Schwindelgefühle inbegriffen
Wenn jemand das traditionelle Verhältnis von Malerei und Raum, zweidimensionalem Bild und körperlichem Erleben einer Ausstellung in den letzten 15 Jahre gründlich auf den Kopf gestellt hat, dann der 1963 in Oberbayern geborene und heute in Berlin lebende Künstler. Aber was heißt bei Franz Ackermann schon „auf den Kopf gestellt“? Wie ein Rhizom breitet sein malerisches Geflecht eine nach allen Seiten wuchernde Struktur ohne jedes hierarchische Ordnungssystem aus. Die Collagen und Ornamente folgen in ihrem Expansionsdrang scheinbar einer von der Schwerkraft losgelösten chaotisch-dynamischen Energie.Magische Schwindelgefühle sind für den Betrachter inbegriffen, wenn er sich länger auf die meist strahlend-bunten Formlandschaft samt ihrer spotartig eingeblendeten Zeichen aus der Welt des Gegenständlichen einlässt. Es gibt strudelartige Verdichtungen von grafischen Elementen und Farbformen, die den Blick wie in einem Orkan reißen. Dann wiederum drohen kreisende „Farbaugen“ den Betrachter in ihrer soghaften Tiefe zu verschlingen.

Um dem dergestalt durcheinander gewirbelten Orientierungssinn wieder etwas Bodenhaftung zu verleihen, verortet Ackermann Ready-mades wie etwa Möbel im Raum. Dass er perspektivisch radikale Verkürzungen oder auch den klassischen Trompe-l'oeuil-Effekt des Barocks perfekt beherrscht, versteht sich für einen von der Pieke auf geschulten und kunsthistorisch kenntnisreichen Maler wie Franz Ackermann. Er hat an der Münchner und Hamburger Akademie studiert, heute unterrichtet er selbst Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe.
„Der Mönch am Meer kann nach Hause gehen“
„Die Wirklichkeit ist umgezogen. Reisen, wandern, spazieren gehen, flanieren, sich orientieren, verfolgen, herumlungern und betteln taugt nur noch bedingt zur Aneignung authentisch erlebter Welt, solange die Präsenz an einem realen Ort weniger verspricht als seine mediale Vermittlung. Der Mönch am Meer kann nach Hause gehen.“ In dieser launigen Absage an den kontemplativen Blick auf die Natur, wie er in Symbolgestalt noch durch Caspar David Friedrichs berühmten Mönch am Meer repräsentiert wurde, betont Franz Ackermann schließlich, wie stark der Perspektivenwechsel zwischen Realem und Digitalem mittlerweile unsere Wahrnehmung bestimmt. Dank der Datenautobahn, auf der mittlerweile „tout le monde“ unterwegs ist, stauchen und dehnen sich die Distanzen wie bei einem Expander. Franz Ackermann, selbst ein global Reisender der Kunstwelt, vergleicht den (Massen-)Tourismus gerne mit einer spezifischen Form von Terrorismus. In seinen bei Sammlern begehrten Mental Maps verdichten sich lokale Eindrücke mit rein Imaginiertem zu einer atmosphärisch-subjektiven Anschauung von Welt. Er fertigte diese kleinformatigen Aquarelle als Reiseberichte nicht von ungefähr an allen möglichen Orten. Kartografischen Einschüben ist aber grundsätzlich zu misstrauen, sie bleiben meist dem Reich der Einbildung oder der vagen Erinnerung des Künstlers verhaftet. So multiuniversal seine wie Collagen angelegten, urbanen und psychedelischen Landschaften sind, Ackermanns größere Arbeiten lassen sich oft nicht aus dem Ensemble einer Installation lösen. Wer sie erwirbt, bekommt ein Zertifikat mit einer genauen, vom Autor unabhängigen Installationsanweisung. Schließlich liefert Franz Ackermann bei Wandarbeiten teils nur die Entwürfe, während sein Bruder oder ein Team die Ausführung ganz wie in einer arbeitsteiligen Malereiwerkstatt des Mittelalters vornehmen. Auch das gehört zu seinem sympathisch offenen Authentizitätsbegriff.
Franz Ackermann, Kunstmuseum Bonn, bis 21. Februar 2010, Ausstellungskatalog 19 Euro
Birgit Sonna
arbeitet als Korrespondentin für das Kunstmagazin art und die Neue Zürcher Zeitung sowie als Lektorin.
arbeitet als Korrespondentin für das Kunstmagazin art und die Neue Zürcher Zeitung sowie als Lektorin.
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Januar 2010
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