Bildende Kunst in Deutschland: Ausstellungsbesprechungen, Künstlerporträts

Bilder in Bewegung – Künstler & Video/Film 1958–2010

Eine Ausstellung im Museum Ludwig erkundet die Entwicklung der beiden konkurrierenden Techniken Video und Film – Unterschiede und Vergleichbarkeiten, Annäherungen wie Absonderungen.

Die Ausstellung im gesamten Untergeschoss des Museums Ludwig ist nicht zu verfehlen, denn die riesige Videoinstallation Brandenburger Tor (1992) von Nam June Paik ist auch Eingang in die umfangreiche Überblicksschau zur Geschichte des Bewegten Bildes in der Kunst. Nach zeitaufwendiger wissenschaftlicher Aufarbeitung und teilweise mühsamen Restaurierungen der Werke ist die Film- und Videosammlung des Museums Ludwig nun erstmals seit 30 Jahren wieder zu sehen. Allein 55 raumgreifende Installationen werden gezeigt, darunter Arbeiten von Aernout Mik, von Mike Kelley und Guy Ben-Ner, weitere rund 270 Arbeiten können auf separaten Videoplätzen aufgerufen werden.

Frühe Videos aus Köln

Dass bereits im Jahre 1974 die ersten experimentellen Filme und frühen Videos in die Sammlung des Museums gelangt sind, verdankt sich der bemerkenswerten Situation im Rheinland und dort speziell in Köln. Diese Stadt war der Siedetopf, in dem sich in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren die unterschiedlichsten Kunstströmungen, neben Pop- und Konzeptart eben auch Happening und Fluxus, Video, Elektronik und Film, wechselseitig befruchteten und vom Atelier Mary Bauermeister, von Galeristen wie Ingrid Oppenheim und Garry Schum mit Ursula Wewers, vom Kölnischen Kunstverein unter dem Videoexperten Wulf Herzogenrath und dem Westdeutschen Rundfunk (WDR) maßgeblich gefördert wurden.

Von 16 mm zur raumbildenden Projektion

Das Spektrum der Werke ist, was Entstehungszeit, Größe und Umfang, Technik und Inhalt angeht, breit gefächert: es reicht von der wohl kleinsten Videoinstallation mit den selbstironischen Eigenversuchen des Bildhauers Georg Herold über die 16-mm-Filme von Jack Goldstein bis zu der grotesken raumbildenden 5-Kanal-Projektion von Aernout Mik.

Mit Vergnügen begibt sich der Besucher durch das Wechselbad der Darbietungen. Selbst als Unkundiger spürt er, dass der eine Künstler seine zeitkritischen Stellungnahmen aus einer Mixtur von Sprache und Bild bezieht (Ferdinand Kriwet), der andere statt dessen eher von der Zeichnung ausgeht (Michal Heiman), und einem dritten das Video zur Manifestation seiner aufsehenerregenden skulpturalen Eingriffe dient (Gordon Matta-Clark). Auch der Raum wird von Künstlern auf unterschiedliche Weise in ihre Arbeit einbezogen. Neben kunstimmanenten oder medienkritischen Ansätzen nehmen sozialpolitische Themen zeitübergreifend einen breiten Raum ein.

Video vs. Film

Was diese Veranstaltung aber letztlich von vorangegangenen Überblicksausstellungen wie 40 Jahre Videokunst oder auch von privaten Sammlungspräsentationen unterscheidet, ist der erstmalige Versuch, die Entwicklung der beiden konkurrierenden Techniken Video und Film mit ihren Unterschieden und Vergleichbarkeiten, gelegentlichen Annäherungen wie Absonderungen sowohl im Kunstkontext sowie im Verhältnis zu den kommerziellen Nutzungen in Kino und TV zu erkunden und nachzuzeichnen. Der von der Kuratorin Barbara Engelbach herausgegebene Bestandskatalog bringt dazu neue, überraschende Erkenntnisse.

Mediengrenzen überschreiten

Es ist wohl mehr als ein Zufall, dass im Zusammenhang mit der 2. Kölner Kunstmesse 1968 zeitgleich zwei bahnbrechende, wenn auch kurzlebige Institutionen gegründet wurden: zum einen XSCREEN, das Kölner Studio für unabhängigen Film um Birgit und Wilhelm Hein, deren Rohfilm exemplarisch die Spezies Film selbst analysiert, zum anderen das „Labor e. V. zur Erforschung akustischer und visueller Ereignisse“, initiiert von Maurizio Kagel und Wolf Vostell. Damit wird deutlich, wie stark die Bestrebungen waren, die Grenzen der Gattungen und Medien, nämlich von Kunst, Poesie und Musik, von Film und Video, Konzept- und Prozessart auszuloten und gar zu überschreiten.

Auch bewegten sich die Künstler in den Alltag hinein und auf das kunstferne Publikum zu, etwa durch Sound, Happening und Fluxus; Autorschaft wurde vielfach vernachlässigt und private und halböffentliche Spielstätten ersetzten Kino und Museum (zum Beispiel im Expanded Cinema).

Musik wird Raum

Allein schon mit ihrer Verräumlichung von Musik waren John Cage und Nam June Paik maßstabgebend, Paik auch noch nach seinem Wegzug nach New York 1964/65. Nicht zuletzt sein Exposition of Music Electronic Television hat die Elektronik im Kunstbereich verankert. Konstruktion und Bilderkosmos des Brandenburger Tors mit seinen 185 Monitoren zeugt von dem vom Zufall gesteuerten Aufeinandertreffen gegensätzlicher Themen aus Kunst und Alltag.

Altes Material, neue Botschaften

Als die Malerei Ende der 1970er-Jahre – gefolgt von der Skulptur Mitte der 1980er-Jahre – ihre Vormachtstellung im Kunstbetrieb vorübergehend zurückeroberte, hatten sich die Gattungen Film und Video wieder getrennt. Die Ausstellung belegt aber, wie kreativ Künstler wie Bill Viola oder David Zink Yi bis heute von der zunehmend verbesserten Technik insbesondere im Videosektor Gebrauch machen, wie sie die Medien im Werk reflektieren (Marc Leckey oder Clemens von Wedemeyer) und wie sie gerade durch Adaptieren alten Bild- und Tonmaterials neue Botschaften vermitteln: Simon Dybbroe M237oller, Edgar Arceneaux und Jonathan Horrowitz.

Die Videosammler

Die Liste dieser genannten Künstler weist darauf hin, dass das Museum Ludwig eben ein Kunstmuseum ist und daher seine Ankäufe aus dem Medienbereich stets im Zusammenhang mit seinen übrigen Sammlungsschwerpunkten zeitgenössischer Kunst tätigt. Wenn 1986 dezidiert mit dem Aufbau einer Videosammlung begonnen wurde, so ist dieser jährliche Zugewinn insbesondere den Stiftungen und Preisvergaben zu verdanken: Schenkungen und Dauerleihgaben der Peter und Irene Ludwig Stiftung (die Filmcollagen von Bruce Connor von 1958 aus dem Nachlass Wolfgang Hahn), der Wolfgang-Hahn-Preis (Mike Kelley), der „Junge Ankauf“ der Art Cologne (Bojan Sarcevic) und der Förderkreis der Art Cologne (Tony Oursler). Ausstellung und Katalog bestätigen nicht zuletzt den Wert dieser Neuzugänge.


Museum Ludwig Köln: „Bilder in Bewegung – Künstler & Video/Film“, 29. Mai bis 31. Oktober 2010


Renate Puvogel
ist Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juli 2010

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